Weltmeister 2014 Feiertag

Und dann waren die Helden wieder gelandet. In Berlin. Vor über 400.000 Fans. Und die Frage war: Wie feiert man das eigentlich, eine Weltmeisterschaft? Von
ZEITmagazin Nr. 31/2014

Wie fühlt sich das an? Unfassbar geil? Mittelgeil? Irgendwie leer?

Was sehen wir, wenn wir Fußballer dabei beobachten, wie sie sich am Tag zwei nach dem Finale auf einer Prachtstraße ihrer Hauptstadt von 400.000 Menschen für den Gewinn der Weltmeisterschaft feiern lassen?

Wir sehen Männer am Ziel ihrer Träume. Nicht irgendwelcher Träume, wie viele sie sich erfüllen. Sondern: vor den Augen der Welt in der beliebtesten Sportart auf dem Planeten auf eine wirklich elegante und mutige Weise mit einem unglaublich schönen Tor in der Verlängerung die Besten der Welt zu werden. Eben: Fußballweltmeister 2014.

Wenn man sich die menschliche Gesellschaft als Affenfelsen vorstellt, dann sind diese Männer gerade ganz oben. Schade, dass Mehmet Scholl jetzt nicht da ist, denn zu gerne wüsste man, wie sich das Leben von diesem extremen Aussichtspunkt aus so darstellt.

Unfassbar geil? Mittelgeil? Irgendwie leer, weil ein wichtiges Ziel erreicht ist? Oder vielleicht sogar merkwürdig taub, weil die Spieler ja auch wissen, wie es gewesen wäre, wenn alles ein bisschen anders gelaufen wäre: Ein spätes Gegentor von Frankreich im Viertelfinale, ein unglückliches Elfmeterschießen, und dieselben Leute würden bis zum Spätherbst darüber diskutieren, warum der deutsche Fußball in einer Krise, Jogi der Falsche, die Mannschaft zwar talentiert, aber nicht bereit für Titel ist.

Weil man die Gefahr der totalen Blamage erst mal aushalten muss, ohne dabei zu verkrampfen oder opportunistische Entscheidungen zu treffen, sind diese Leute wirklich so etwas wie Helden. Das bestreitet keiner. Auch wenn sie beim Feiern ein wenig unbeholfen aussahen, ehrlich gesagt. Man darf nicht vergessen, sie alle sind, mit Ausnahme von Klose, Produkte des Jugendfördersystems des DFB (erdacht übrigens von Männern wie Vogts, Mayer-Vorfelder, Dietrich Weise, die heute fast vergessen sind). Es sind Jungs, die seit ihrem zwölften Lebensjahr jeden Tag lange Wege zum Training gefahren sind, ihre Hausaufgaben auf dem Rücksitz des elterlichen Autos erledigt haben, ständig in Gefahr, nach den Sommerferien aus dem Leistungsteam aussortiert zu werden. Feiern, sich vergessen, ist sicher nicht das, worin sie geübt sind. Und auch Rituale gibt es nicht für so ein Fest.

Also haben sie halt das getan, was man beim Fußball tut, wenn man es mal so richtig krachen lassen will. Bastian hat sich die Deutschlandfahne umgehängt. Lukas hat die Faust in die Kamera gereckt. Thomas hat rumgebrüllt. Kevin hat darauf geachtet, nicht zu viel zu trinken. Philipp, immer der Vernünftigste von allen, hat sich bemüht, auch mal den Moment zu genießen. Sie alle haben Handyfotos gemacht und eine Polonaise gestampft und sich ein bisschen über den Gegner lustig gemacht. Und so wurden die Fußballhelden in ihrem größten Moment wieder zu ganz normalen Jungs. So wie sie auch ausgesehen hätten, wenn das Schicksal sie an diesem Tag auf die andere Seite verschlagen hätte, zu den Fans.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren