Harald Martenstein Über die Russen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 31/2014

Liebe Russen, ihr seid etwas ganz Besonderes. Wenn die sensiblen und nachhaltigen Deutschen unter den Völkern das Über-Ich repräsentieren, dann repräsentiert ihr das Es. Ich war in Dubai. An allen Stränden stehen Verbotsschilder auf Russisch. Das nützt gar nichts. Ständig ziehen Russinnen ihre Bikini-Oberteile aus, mitten im muslimischen Orient. Die nackten Russinnen werden verhaftet, zum Ankleiden genötigt und in Flugzeuge Richtung Heimat gesetzt. Aber es landen ständig neue Flugzeuge mit neuen Russinnen, die sich ebenfalls ausziehen, auch wenn der Imam in Ohnmacht fällt.

In der Berliner Sauna Liquidrom habe ich erlebt, dass Russen eine Viertelstunde vor dem Aufguss fast alle Plätze mit Handtüchern reservieren. Wenn die Deutschen etwas sagen, dann ignorieren die Russen dies dermaßen überzeugend, dass die Deutschen Reißaus nehmen. Höflich ist der Russe nicht, stark ist er durchaus.

Eine berühmte Journalistin hat mir erzählt, dass sie nicht mehr zu ihrem Charlottenburger Lieblingsitaliener geht. Zu viele Russen. Diese Frau ist ansonsten multikulti bis zum Gehtnichtmehr, bei den Russen ist sie mit ihrem Multikultilatein am Ende. Ich war in diesem Lokal. So wie das, was ich dort sah, stelle ich mir ein Festgelage im Hause Rasputin vor. Als der Mönch Rasputin, mutmaßlicher Geliebter der Zarin, ermordet werden sollte, haben sie ihm zum Abendessen seinen Kuchen und den Wein mit Strychnin gewürzt. Rasputin aß und trank reichlich, dann stand er schwankend auf, weil noch mehrere Geliebte auf ihn warteten. Sie haben ihm einige Kugeln in den Leib geschossen. Rasputin schüttelte sich kurz und setzte seinen Weg Richtung Lotterbett fort. Zum Schluss haben sie ihn, immer noch lebend, unter das Eis des Flusses Newa geschoben. Egal, ob diese Geschichte stimmt, sie beschreibt plastisch die russische Lebenskunst, die Gastronomie und die Streitkultur.

Ein Video des Hotels Byron in der Toskana ist im Internet zum Hit geworden. Die Hotelbesitzer bitten darin ihre russischen Gäste, das Personal so zu behandeln, als handele es sich dabei um Menschen. Wodkaflaschen sollen sie bitte nicht in einem einzigen Zug leeren. So etwas sei in Italien unüblich. Wer auf Google eingibt "Warum sind Russen so", dessen Frage wird vom System automatisch vervollständigt zu "Warum sind Russen so brutal?".

Wer in dem von mir angeschlagenen Ton über eine andere Nationalität reden würde, der müsste natürlich auf Widerworte und Vorwürfe gefasst sein. Russenschmähung aber ist Mainstream, außer wenn es um den sympathischen, irgendwie aus der Art geschlagenen Wladimir Kaminer geht. Ich habe ein Jahr für diese Kolumne recherchiert, heute kann ich verbindlich versichern: In jedem Milieu, auf jeder Party bist du auf der sicheren Seite, wenn du über Russen lästerst, außer bei den ganz harten Fans der Linkspartei.

Warum ist das so? Die Russen passen nicht in das Kindchenschema, das andere Gruppen gern für sich reklamieren. Russen wollen definitiv keine Opfer sein. Wenn du zu einem Russen sagst, er werde diskriminiert und du seist solidarisch, dann schießt er dir wahrscheinlich ins Knie und schiebt dich anschließend mit den Worten "Das Opfer bist du, Brüderchen" unter das Eis der Newa. Anschließend fliegt er nackt nach Dubai, Gold kaufen. Der Deutsche ist das Über-Ich, der Russe das Es. Ah, ich liebe diese Kraft, diese Seele, diese Spirituosen. Nennt mich den Ivan Rebroff unter den deutschen Kolumnisten. Vielleicht sage ich das auch nur, weil ich nicht will, dass mir ins Knie geschossen wird.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Ganz ehrlich, ich finde es unmöglich, gerade als Journalist, die mutmaßlich sowieso schon weit verbreiteten Wahrnehmungen und Vorurteile durch so einen Artikel zu bestärken und mit dem Finger auf "die Russen" zu zeigen. Dieses wahllose Aneinanderreihen von durch den Autor selektiv aufgegriffenen Aspekten lässt sich beliebiger weise auch für bezüglich jeder anderen Nation durchführen, ohne dass (meiner Meinung nach) jemandem damit geholfen ist. Wenn man sich (aus welchem Grund auch immer) eine Woche lang das Tagesprogramm von RTL zum Genusse führt oder eine Woche Ballermann auf Mallorca verbringt und das dann repräsentativ für das intellektuelle Niveau und den sozialen Umgang untereinander hält, fühlen sich auch die wenigsten "Deutschen" geschmeichelt.
Ich bin der Überzeugung, es wäre mehr damit gedient, den sozialen interkulturellen Umgang zu fordern und zu fördern, anstatt durch Ihr (sehr subjektives) Bild eine Annäherung oder ein Verständnis für die andere Seite (aus für mich fraglichen Gründen) zu erschweren.

Ganz ehrlich, ich finde es unmöglich, gerade als Journalist, die mutmaßlich sowieso schon weit verbreiteten Wahrnehmungen und Vorurteile durch so einen Artikel zu bestärken und mit dem Finger auf "die Russen" zu zeigen. Dieses wahllose Aneinanderreihen von durch den Autor selektiv aufgegriffenen Aspekten lässt sich beliebiger weise auch für bezüglich jeder anderen Nation durchführen, ohne dass (meiner Meinung nach) jemandem damit geholfen ist. Wenn man sich (aus welchem Grund auch immer) eine Woche lang das Tagesprogramm von RTL zum Genusse führt oder eine Woche Ballermann auf Mallorca verbringt und das dann repräsentativ für das intellektuelle Niveau und den sozialen Umgang untereinander hält, fühlen sich auch die wenigsten "Deutschen" geschmeichelt.
Ich bin der Überzeugung, es wäre mehr damit gedient, den sozialen interkulturellen Umgang zu fordern und zu fördern, anstatt durch Ihr (sehr subjektives) Bild eine Annäherung oder ein Verständnis für die andere Seite (aus für mich fraglichen Gründen) zu erschweren.