Stilkolumne Endlich gebunden

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 31/2014

Warum binden sich Männer eigentlich keine Schleifen mehr um den Hals? Die Schleife, auch Lavallière genannt, ist genauso lange in der Welt wie die Krawatte. Aber sie war schon immer etwas schöner als diese. Die Schleife war das Erkennungszeichen der Bohemiens Ende des vorvergangenen Jahrhunderts. Die Lavallière, die mit den herunterhängenden Bändern in etwa so aussah, als ob man jemandem ein Geschenkband um den Kragen gebunden hatte, war lässiger als der Binder. Sie drückte eine gewisse ungebundene Haltung dem Leben gegenüber aus. Man war intellektuell, aber nicht konventionell. Die Schleife gab dem Gesicht einen galanten Abschluss nach unten hin, es war dann gar nicht mehr wichtig, wie der Mann darunter weiterging. Der Halsschmuck hatte ihn ja schon hinreichend beschrieben.

Warum die Hipster-Kultur, die sich ja in der Nachfolge der Boheme sieht, die Schleife noch nicht aufgegriffen hat, ist rätselhaft. Schließlich passt sie viel besser zum neuen Bild der Männlichkeit als die Bärte, die allenthalben zu sehen ist. Die Schleife ist nämlich unisex – schon immer gewesen. Wer Schleife trägt, zeigt, dass er die Rolle als Mann in der Gesellschaft reflektiert, wenn nicht gar Feminist ist. Die Schleife ist von einer Frau erfunden worden, die von einem Mann inspiriert wurde. Und zwar von der Herzogin von Lavallière, einer Mätresse des Sonnenkönigs, die damit die Mode ihres Geliebten nachahmte. Dieser band sich nämlich Spitzenhalstücher um den Hals, die als Vorläufer der heutigen Krawatte gelten. Die Herzogin spiegelte diesen Look, indem sie sich eine seidene Schmetterlingsschleife um den Hals knotete. Als Zeichen zarter Verbundenheit.

Heute, in Zeiten, da Männer ihre nackten Hälse für schöner halten als Tücher, die man um diese binden könnte, sind es wieder die Damen, die Lavallière tragen. Bei Chanel ist sie zu sehen als Teil einer fantastischen Cowboy-und-Indianer-Welt, aber auch bei Alexander McQueen, wo sie an das viktorianische Zeitalter erinnert. Nun könnten sich die Männer ausnahmsweise einmal von den Frauen inspirieren lassen und die Lavallière für sich entdecken. Als poetisches Accessoire für all jene, denen die Krawatte zu steif und die Fliege zu manieriert ist. Es sah schon einmal gut aus, es könnte wieder gut aussehen. Davon abgesehen wäre es ein Zeichen echter Emanzipation.

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