Ulrich Wegener "Man hatte uns halb verhungern lassen"

Ulrich Wegener saß in der DDR im Gefängnis, einige seiner Mitinsassen starben. Er schwor sich: Ich gebe nicht klein bei. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 31/2014

ZEITmagazin: Herr Wegener, Sie sind 1977 in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt, als Sie in Mogadischu die Geiseln aus der von palästinensischen Terroristen gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" befreit haben. Wie ist es, auf diesen Tag fixiert zu werden?

Ulrich Wegener: Natürlich hat der Tag eine besondere Bedeutung für die GSG 9 und auch für mich gehabt, weil ich selbst einen der Terroristen kampfunfähig geschossen habe. Drei der Terroristen sind getötet worden, und eine Frau hat überlebt. Aber der Wendepunkt meiner Karriere war schon 1972 bei den Olympischen Spielen in München, als die israelischen Sportler als Geiseln genommen wurden und die Befreiungsaktion der Polizei total schiefging. Ich habe dem Innenminister Genscher gesagt, dass wir eine Spezialeinheit aufstellen müssen, eben die GSG 9, und ihm zugesetzt, dass er mir das Kommando überträgt.

ZEITmagazin: Hatten Sie Zweifel, dass die Erstürmung gelingt?

Wegener: Überhaupt keine. Die GSG 9 existierte schon fünf Jahre, und wir hatten x-mal den Sturm auf diesen Flugzeugtyp geübt. Meine Bedenken waren nur, dass ich durch ungezieltes Schießen auch die Geiseln gefährde. Ich konnte natürlich nicht wissen, dass der Einsatz ohne Verluste abgehen würde. Aber ich war hundertprozentig vom Erfolg überzeugt, das habe ich auch Kanzler Schmidt versichert, als er mir sagte, dass die Regierung davon abhinge.

ZEITmagazin: Waren Sie danach auch selbst gefährdet?

Wegener: Wir mussten Schutzmaßnahmen für meine Familie ergreifen, und ich habe durchgesetzt, dass meine eigenen Leute das machen. Die passten sehr gut auf und waren gut informiert über die andere Seite: die PLO, die RAF und ihre Genossen. Unmittelbar nach Mogadischu entdeckte mein Personenschutzkommando, dass ein Paket mit Sprengstoff an den Eingang unseres Hauses gestellt worden war. Das war für mich ein Grund, umzuziehen und das geheim zu halten. Zu sagen, ich hätte keine Furcht gehabt, ist übertrieben, aber ich war überzeugt davon, dass wir besser waren als die.

ZEITmagazin: Ihr Vater war Offizier bei der Reichswehr. Wie hat das Ihre geistige Haltung geprägt?

Wegener: Er war für mich das große Vorbild, weil er im alten preußischen Sinne der Auftragstaktik dachte: Wenn du einen Befehl gibst, musst du dir auch gefallen lassen, dass andere ihn überprüfen. Ich habe auch in der GSG 9 immer gesagt: Entscheidend ist, dass jeder taktisch mitdenkt. Dass in der Öffentlichkeit oft erzählt wird, die GSG 9 bestehe aus Rambos, ist großer Quatsch, das Gegenteil ist der Fall.

ZEITmagazin: Gab es mal eine Erfahrung, wo Sie mental an eine Grenze gekommen sind?

Wegener: Ich habe als junger Mann eine sehr kritische Zeit erlebt. Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe nach dem Abitur Flugblätter gegen die Regierung verteilt. Ich wurde verhaftet und war eineinhalb Jahre im Gefängnis. Als ich entlassen wurde, habe ich bei 1,86 Meter Größe nur noch 60 Kilo gewogen, man hatte uns halb verhungern lassen. Viele meiner damaligen Mitinsassen haben Tuberkulose bekommen, einige sind gestorben. Gerettet hat mich in dieser Situation der Gedanke, dass ich diesen Banditen nicht den Gefallen tun durfte, klein beizugeben. Das war das einzig Richtige.

ZEITmagazin: Sind Sie durch das Gefängnis ein harter Brocken geworden?

Wegener: Teilweise schon. Es hat mich dazu gebracht, nach meiner Entlassung zum Bundesgrenzschutz zu gehen, der für mich eine Gegenorganisation gegen das kommunistische System war, das ich gehasst habe wie die Pest. Ich habe sofort gesagt, dass ich zum Offizierslehrgang will. Dort war ich einer der besten Schützen, und was die taktische Führung betraf, sagte mein Kommandeur immer: Die nächste Übung macht der Wegener, der kann das am besten.

ZEITmagazin: Sie waren es immer gewohnt zu befehlen. Gab es deshalb Schwierigkeiten in der Familie?

Wegener: Mit meiner Frau habe ich nie Probleme gehabt, auch nicht mit meiner älteren Tochter, die kam sehr nach mir. Mit der Kleineren schon, die war ein bisschen widerborstig. Wenn ich über einen ihrer Freunde gemeckert habe, sagte sie: Das ist meine Sache. Mit 16 ist sie mit einem Freund abgehauen, und ich habe sie mit einem GSG-9-Kommando wieder zurückgeholt. Wir haben ihn kaltgestellt, natürlich ohne Waffen. Danach ist sie vernünftiger geworden.

ZEITmagazin: Ihre Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Wie ist das, allein in Ihrem großen Haus zu sein?

Wegener: Das ist manchmal schwierig, aber natürlich sitze ich nicht nur zu Hause. Ich halte Vorträge, die Bundespolizei oder die Bundeswehr holen mich immer wieder, auch die GSG 9. Einmal die Woche ruft mich irgendein Offizier an und fragt mich, wann ich wieder mal kommen kann.

ZEITmagazin: Sie sind also noch das Familienoberhaupt der GSG 9?

Wegener: So ungefähr kann man das sagen.

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