Berghain: Morgens halb zehn in Deutschland

Unser Reporter sammelt Eindrücke aus dem deutschen Alltag. Im Berghain wird das Nachtleben zur beinahe klassischen Theateraufführung. Wie machen die das bloß? Von
Aus der Serie: Morgens halb zehn in Deutschland ZEITmagazin Nr. 35/2014

Noch ein Kaffeechen. Die Begleiterin verbreitet eine Stimmung, als sei das nichts Besonderes, um halb zehn morgens am Sonntag, wenn Deutschland frühstückt, in einen Technoclub – falsch, den sicherlich berühmtesten Technoclub der Welt – zu gehen: das Berghain in Berlin-Friedrichshain. Der Sonntagvormittag, so die Begleiterin, sei in Berlin seit vielen Jahren eine nahezu klassische Zeit zum Ausgehen. Als beste Zeit, zu der die wahren Kenner den Club besuchen, habe sich dagegen der Sonntagabend gegen 19 Uhr etabliert: Da seien die easyJet-Touristen aus Spanien und Irland schon wieder im Flugzeug, die heimischen DJs kehrten von ihren Wochenendtrips zurück, und man treffe sich noch auf einen Absacker. Frage an die Begleiterin: Muss man da jetzt auf irgendeine Art gekonnt gekleidet sein, um an den Türstehern des Berghains vorbeizukommen? "Nö. Gut ist einfach, wenn du auf der Liste stehst." Die Begleiterin steht plus eins auf der Liste. Croissant kauen, Kaffee trinken: Das sei gut möglich, dass man gleich Lust habe, an der Bar einen Wodka Shot zu kippen.

Neun Uhr: der Sandweg, die Baugerüste, der Bass. Die Leute, die aus dem Club herauskommen, tragen Sonnenbrille. Noch einmal für diejenigen, die nicht in Berlin wohnen: Das Berghain ist – neben Kölner Dom, Münchner Viktualienmarkt, Loreley und Berliner Museumsinsel – einer der fünf Orte in Deutschland, die man wirklich gesehen haben sollte. Ein Nationaldenkmal. Andere Berliner Clubs sind kleiner, dreckiger, intimer (About Blank, Sisyphos, Wilde Renate), das Berghain ist der Klassiker. In den zehn Jahren, in denen es den Club nun auch schon gibt, haben es die Veranstalter verstanden, eine kluge und defensive Öffentlichkeitspolitik zu fahren. Fotografieren ist verboten. Die Frage lautet: Wie schafft es der Club, trotz der Touristenströme noch Soul zu haben? Und: Wie kann ein Club gleichzeitig so weltoffen und so hardcore Techno und so hardcore schwul sein?

Die Türsteher machen großes Tamtam: Auf welcher Liste steht ihr? Seid ihr sicher, dass ihr reinwollt? Der Stempel mit dem Schriftzug "Snax". Und dann der Garderobenraum des Berghains – du lieber Himmel: Vielleicht ist das schon der am besten gestaltete Raum Berlins. Steintresen, Abzugsrohre, Betonwände. Das Kathedralenhafte wird durch die roten, gelben und orangenen Fensterscheiben unterstrichen. Es geht weiter in einen riesenhaften Raum, in dem nichts ist außer Stahl, Beton, die Treppe, dem Brodeln der Bässe, dem Pfeifen der Hi-Hats. Man könnte stundenlang in diesem menschenleeren Raum stehen und seinen Kopf ausleeren. Nachtleben – eine Hochkultur.

Erster Stock: Die Begleiterin geht erst mal an die Bar, einen Kurzen trinken. Zwei Männer namens Abstract Division legen auf. Das ist gleichzeitig so abstrakt und so absolut einleuchtend, was da passiert, dass es schwer zu beschreiben ist – ganze Generationen von Journalisten sind ja schon am Tanzflächenbeschreiben gescheitert: Da bewegen sich einige Hundert dunkle Gestalten am Sonntagmorgen gegen Viertel nach neun in einem dunklen, schwarz-grau-silbrigen Raum, irgendwo zwischen Treppe, DJ-Pult und Betonsäulen. Tanzen stimmt nicht ganz, man macht eher so kurze, wiegende Schritte. Der klassische Berghain-Tänzer trägt rasierte Haare und nackten Oberkörper. Männer in Unterhose und Springerstiefeln Arm in Arm. Aber auch viele normal wirkende Menschen (T-Shirt, Jeans, Turnschuhe, Brillen), die nach nichts oder deutscher Fußgängerzone aussehen. Der Bass ist wunderbar, er trifft den Bauch, greift den Brustkorb, schüttelt den ganzen Oberkörper durch. Der große Darkroom – sicher auch ein wunderbarer Ort, für einen Heterosexuellen aber einfach ein No-go. Die Bar an den Klos: Hier könnte man ein ganzen Bildband für den Taschen Verlag durchfotografieren. Da liegt, lagert, ruht das Nachtleben-Volk, es raucht, trinkt, lächelt weggetreten und streichelt sich, einige überdruff, andere wieder aus anderen Gründen vollkommen selig und entspannt. Da, wo sich die Klos befinden, sind die Drogen, das Anfassen und der Sex natürlich immer nah. An der Klobar ist unter Glas eine Arbeit des Künstlers Joseph Marr ausgestellt: Körper aus Zucker, Männer, die sich gegenseitig aufessen, Blowjobs, anale Penetration.

Noch eine Treppe höher: die Panorama- oder Panne-Bar. Der Sound ist housiger. Acid House, Geräusche von 1988. DJ Steffi, die beim Berghain-eigenen Label Ostgut verlegt wird, sieht angenehm unhip aus (T-Shirt, Pferdeschwanz). Erstaunlich viele Frauen, dafür, dass wir uns doch in einem Schwulenclub befinden. Das riesenhafte, unfassbar tolle Wolfgang-Tillmans-Foto, das einen gedehnten Anus mit Jeans und Hosenträgern zeigt – mehr Style, Sex, Abfahrt right in the face geht nicht. Viel Schweiß, viele Voll-dicht-Leute. Ein komplett druffer Geschäftsmann ist auch da. Viele dünne Jungs, das Körperideal hat sich durch Yoga verändert (sehnigere Muskeln). Ein ganz neuer Phänotyp: der Muskel-Öko (Nickelbrille, Achselhemd). Die Spanner, Leder-Daddys, Techno-Opas, Musik-Nerds, Erasmus-Studenten, japanischen Architekturstudenten, die DJs, die Dealer und Komplett-Druffis – es faltet sich in der Panorama-Bar ein Soziogramm aller Ravertypen auf, und jeder Typ hat seinen Stammplatz. Da steht, ganz im Ernst, ein Junge, der in der Brusttasche seines Karohemdes eine Zahnbürste und eine Mohrrübe trägt.

Und jetzt, um kurz vor halb zehn auf der Tanzfläche der Panorama-Bar, nimmt die DJ-Frau den Bass raus: Das sind so Momente. Der Club streckt die Arme in die Höhe und schreit. Die Jalousien rund um die Tanzfläche fahren langsam noch oben, und während das Tageslicht Spalt für Spalt auf die Tänzer fällt und die Hi-Hats zischen, feiert der Club die Pause vom Bass. Eine Tanzfläche im strahlenden Licht des Sonntagmorgens. Als der Bass rumsend zurückkehrt, schließen sich auch die Jalousien, und der Club fällt zurück in die Dunkelheit. Großes, klassisches Theater.

Man kann sich fragen, ob das Feiern nie ein Ende haben wird: Doch, am Montagmittag gegen zwölf ist im Berghain erst mal Schluss. Dann geht es weiter, weiter und immer weiter von vorne los. Vielleicht schaut man an wenigen Orten so tief nach Deutschland rein wie in diesem Technoclub. Meiner Begleiterin geht es sehr gut, sie hängt da irgendwo auf den Klos ab.

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