Naive Fußballfragen Noch Fragen zum Spiel? Ja. Viele!

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Wie wichtig ist der richtige Fußballschuh? Tun Pfiffe des Publikums weh? Verletzt man Gegner absichtlich? Was macht eigentlich ein Kapitän? Fragen, die wir uns schon lange gestellt haben und jetzt endlich zu fragen wagten. Von
ZEITmagazin Nr. 35/2014

Wie wichtig ist der richtige Fußballschuh?

Sehr wichtig. Früher musstet du den Schuh anziehen, der gestellt wurde. Das war ein Desaster, weil du mit Galoschen hast spielen müssen, die überhaupt nicht zu deinem Fuß passten. Da gab es dann schon mal eine Achillessehnenreizung. Heute kann jeder mit seinem eigenen Schuh spielen, was gut ist, denn das ist ja dein Handwerkszeug. Andererseits müssen die, die große Verträge haben, oft das neueste Modell ihres Herstellers anziehen. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass es so oft Kreuzbandrisse gibt: Wenn du den Schuh nicht kennst, kommt es vor, dass du im Rasen hängen bleibst, zumal die heutigen Plastikschuhe weniger flexibel sind. Markus Babbel

Es fällt auf, dass viele Spieler heute extrem muskulöse Oberkörper haben. Aus Eitelkeit?

Die Trainingsmethoden haben sich komplett geändert. Früher hieß es, geh bloß nicht zu lange in den Kraftraum, da wirst du langsam. Heute heißt es: Arbeite an dir, dann wirst du schneller, stabiler, weniger verletzungsanfällig. Die Arme haben mehr Schwung, du hast mehr Durchsetzungsvermögen. Das Aussehen ist da nur ein schöner Nebeneffekt. Markus Babbel

Wirkt es sich auf dem Platz aus, wenn Fußballer sich gut verstehen?

Ja. Oft bilden sich auf dem Platz sogar so eine Art Pärchen. Zum Beispiel der linke Außenverteidiger mit dem linken Mittelfeldmann, die gemeinsam dafür sorgen, dass die linke Seite funktioniert. In meiner besten Zeit beim KSC war Alexander Jaschwili so ein Partner. Auf dem Spielfeld wusste der, wie ich ticke, und hat mich ins Offensivspiel eingebunden. Ich wiederum wusste, der ist klein, versiert, möchte den Ball eher an den Fuß, aber den muss ich dazu bringen, dass er defensiv mitarbeitet. Solche Paare werden manchmal Freunde. Mit Jaschwili war ich oft zusammen essen oder im Kino. Christian Eichner

Versuchen Schiedsrichter manchmal, einen Fehler mit einem anderen Fehler auszugleichen?

Grundsätzlich gilt, dass Schiedsrichter Menschen sind und Emotionen haben. Nach strittigen Entscheidungen sagt man sich: Hoffentlich war das jetzt richtig. Und man bekommt auch mit, wenn sich die Stimmung im Stadion gegen einen wendet. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ich niemals daran gedacht habe, eine falsche Entscheidung durch eine andere Entscheidung wiedergutzumachen. Auch wenn bei den Zuschauern manchmal der Eindruck entsteht: Kein Schiedsrichter tut das bewusst. Das hat auch einen pragmatischen Grund, denn in der späteren Beurteilung durch die Schiedsrichterkommission würde eine Konzessionsentscheidung nicht den ursprünglichen Fehler ausgleichen, sondern als weiterer Fehler gewertet. Babak Rafati

Ist das Publikum wirklich der "zwölfte Mann"?

Das Klischee vom zwölften Mann ist total wahr – im Guten wie im Schlechten. Nichts ist schlimmer, als wenn du gegen den Abstieg spielst und das Publikum gegen die eigene Mannschaft pfeift. Das ist viel schlimmer, als wenn die gegnerischen Fans pfeifen. Du wirst unsicher, traust dir nichts mehr zu, steckst vielleicht den Nebenmann an. Von außen kann das so aussehen, als hätten die Spieler keine Lust, aber es ist tatsächlich ein Gelähmtsein, wo man auch nicht anders kann. Umgekehrt kann es richtig, richtig helfen, wenn eine verunsicherte Mannschaft angefeuert wird. Ein solches Publikum ist gerade im Abstiegskampf hilfreich. Christian Eichner

Gibt es einen Heimvorteil?

Der Heimvorteil kann statistisch in allen Ligen der Welt belegt werden. In der Bundesliga gewinnt die Heimmannschaft im Schnitt 1,6 Punkte pro Spiel, während das Auswärtsteam im Schnitt 1,2 Punkte mitnimmt. Die Ursache des Heimvorteils ist weniger klar: Es gibt eine Reihe von Theorien, die mehr oder minder gut bewiesen sind – Reisestrapazen für Auswärtsmannschaften, Vertrautheit mit Stadion, Spielfeld, Unterkunft, Wetter. Die populärste Erklärung allerdings ist der Zuschauereffekt. Allerdings ist nicht klar, wie dieser Effekt funktioniert – ist es die Anzahl der Menschen, die Art des Publikums, seine Entfernung vom Spielfeld? Schließlich ist nicht einmal geklärt, ob der Zuschauereffekt sich positiv auf das Heimteam auswirkt, negativ auf die Auswärtsmannschaft oder beides. Die am besten belegte Hypothese ist, dass der Zuschauereffekt in Wahrheit ein Schiedsrichtereffekt ist: Studien zeigen, dass Menschenmassen den Schiedsrichter unbewusst zugunsten der Heimmannschaft befangen machen. Diese Parteilichkeit sinkt, wenn weniger Fans im Stadion sind und wenn die Meute weiter vom Spielfeld entfernt ist – wie zum Beispiel in Stadien mit einer Laufbahn. Die Wahrscheinlichkeit ist außerdem groß, dass es sich beim Heimvorteil um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung handelt: Weil Fußballer vom Heimvorteil wissen, gehen Auswärtsmannschaften defensiver und Heimmannschaften offensiver ins Spiel. Chris Anderson

Gibt es noch Raucher unter den Profis?

Einen Kettenraucher habe ich nie erlebt, aber schon welche, die regelmäßig rauchen: vor dem Training, nach dem Training, auf der Bustoilette. Verbergen muss man das nicht. Die Trainer sind da relativ human, solange die Leistung stimmt. Christian Eichner

Dürfen Spieler sensibel sein? Nein! Ihre weiche Seite zeigen Spieler heute wie damals höchstens beim Fotoshooting – wie hier Jogi Löw 1981 als Spieler bei Frankfurt © Bongarts/Getty Images

Können sich Ersatzspieler wirklich über die Siege ihres Teams freuen?

Grundsätzlich ist jeder, der draußen sitzt, sauer und weiß auch, dass die Mannschaft nicht so gut spielen darf, damit der Trainer wechselt. Trotzdem wirst du bei einem Tor jubeln: Es ist immer noch deine Mannschaft. Die Schwierigkeit ist einfach die, dass du in diesem Moment nicht das Gefühl hast dazuzugehören, da du nicht unmittelbar am Erfolg beteiligt bist. Christian Eichner

Stellt ein Trainer einen Spieler wirklich allein nach seiner Leistung auf, oder spielt es auch eine Rolle, wer sympathischer ist oder sich lauter beschwert?

Ob jemand mehr Zinnober macht, wenn er auf der Bank sitzt, spielt bei mir keine Rolle. Die interessante Frage ist: Was mache ich, wenn zwei Spieler gleich stark sind? Und natürlich entscheidest du dich dann für den sympathischeren. Markus Babbel

Hat ein teurer oder berühmter Spieler bei gleicher Leistung größere Chancen zu spielen als sein Konkurrent?

Wenn zwei gleich stark sind, dann ist es der bequemere Weg, den Teureren zu nehmen. Setze ich einen Star auf die Bank, ist die Aufregung groß. Und das ist nicht nur für mich als Trainer nervig, es kann auch für die Mannschaft schädlich sein, einfach weil es Unruhe gibt. Markus Babbel

Kommt es vor, dass sich der Sportdirektor in die Aufstellung einmischt?

Klar – man ist permanent im Austausch. Meistens sind das ja ehemalige Spieler, die wissen, wovon sie sprechen. Aber am Ende entscheide ich – ich halte schließlich auch meinen Kopf hin. Was vorkommt, ist, dass man, wenn ein Spieler verkauft werden soll, gebeten wird, den mal "ins Schaufenster zu stellen", also spielen zu lassen, damit Scouts ihn sehen. Kein Trainer der Welt würde das machen, wenn es um etwas geht. Aber so im Niemandsland am Ende der Saison: warum nicht? Markus Babbel

Kommt es vor, dass man über eine Verletzung eines Konkurrenten im eigenen Team erleichtert ist?

Erleichtert sein, das ist ein schwieriger Begriff in dem Zusammenhang. Wenn sich ein Mitspieler verletzt, tut einem das grundsätzlich leid. Man weiß ja, wie schwierig es ist, danach wieder in Form zu kommen. Die Ambivalenz der Verletzung eines Konkurrenten liegt in deiner eigenen Sicherheit, eine Zeit lang ohne Druck spielen zu dürfen. Es gibt natürlich auch Spieler, die ohne Druck leichtsinnig werden und nachlassen. Christian Eichner

Wenn bei Turnieren das Weiterkommen von einem gleichzeitig laufenden Spiel abhängt: Wird der Spielstand den Spielern mitgeteilt?

Kommt drauf an: Wenn es motivierend wirkt, ja. Wenn es eher lähmend wirkt, nein. Jens Todt

Stimmt es, dass Spieler ihre verletzten Mannschaftskameraden nicht im Krankenhaus besuchen?

In den Tagen nach einem Kreuzbandriss zum Beispiel, in denen einer im Krankenhaus liegt, rufen sicher manche an. Für mich war es selbstverständlich, den zu besuchen, wenn er das will. Danach gehen viele nach Donaustauf in die Reha, das ist weit weg, und da besucht sie auch keiner. Christian Eichner

Spielt man gegen einen Verein, zu dem man demnächst wechselt, anders?

Wenn der neue Verein etwa bei einer Niederlage absteigen würde, kann das sicher ein Faktor sein, den man beim Spiel im Hinterkopf hat. Jens Todt

Gibt es Spieler, die so schwach sind, dass man ihnen den Ball nicht mehr geben mag?

Wenn man merkt, einer ist gerade brutal verunsichert, dann versucht man, es ihm einfach zu machen, ihm einen ordentlichen Ball zuzuspielen, der nicht siebenmal aufspringt, damit er über Einfachheit wieder ins Spiel kommt. Um ihn dann doppelt und dreifach zu loben. Aber ihn gar nicht anspielen? Das gibt es höchstens im Schulsport. Christian Eichner

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