Das war meine Rettung "Diese Mischung aus Wunder und Disziplin"

Ulrich Matthes’ Mutter verunglückte schwer, als sie mit ihm schwanger war. Ihr starker Wille und ein Wunder retteten ihn. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 35/2014

ZEITmagazin: Herr Matthes, wie verführen Sie Ihr Publikum?

Ulrich Matthes: Hmm ... Ich versuche immer wieder aufs Neue, die Energie, die ich als Kind hatte, in mir zu erwecken. Sie ist unversiegbar, sich immer wieder erneuernd, eine Art Grundmotor, der in mir rattert und rattert, seitdem ich denken kann, und mich auch treibt. Und dazu kommt der Anspruch, aus dieser Energie wie bei einer Zitrone den Extrakt rauszuholen. Das schaffe ich, indem ich mich konzentriere und offensiv versuche, das Publikum zur Konzentration aufzufordern. Dadurch entsteht etwas von einer gemeinsamen Energie. Und darüber hinaus genieße ich es auch, mich im Spiel von Kollegen abhängig zu machen. Im besten Fall entsteht ein gegenseitiges Befruchten.

ZEITmagazin: Lassen Sie sich auch privat abhängig machen?

Matthes: Wenn ich verliebt bin, bin ich automatisch abhängig von dem Gefühl, und natürlich genieße ich diese Intensität. Ich habe wie jeder Mensch die Sehnsucht, meinen Individualismus auch mal zu verschenken. Einerseits hopst man wie das Pferd auf der Weide, und andererseits findet man es auch schön, wenn einer, der es gut mit einem meint, einen am Zügel nimmt und sagt: Nun komm mal mit, ich kümmere mich. Man merkt in den Phasen der Verliebtheit, wie bedürftig man danach ist, auch mal ein Stück dieses starken Individuums aufzugeben. Das ist aber schwierig. Denn eine bestimmte Form von Einsamkeit ist dem Menschen auch zugehörig, sogar dem, der im Kreise seiner 28 Enkelkinder gerade den 60. Hochzeitstag feiert.

ZEITmagazin: Sie sagten mal, dass Sie dieses Alleinsein am deutlichsten bei der WM 1970 gefühlt haben.

Matthes: Als ich, eine Viertelstunde bevor das Endspiel angepfiffen wurde, allein vom Spielen nach Hause ging, war es tatsächlich wie nach einem Atombombeneinschlag. Es rührte sich nichts, es fuhr kein Auto, es war kein Mensch unterwegs. Das fand ich so eindrucksvoll, dass ich – vielleicht zum ersten Mal – das Gefühl eines existenziellen Alleinseins hatte, obwohl ich behütet aufgewachsen bin. Ich liebe zum Beispiel auch Mozart deshalb so, weil es seine Größe ausmacht, von einem Takt zum anderen aus einem Einssein mit der Welt in tiefe Verzweiflung abzustürzen. Ich will aber nicht sagen, dass Mozart meine Rettung ist, obwohl – bisschen schon ... Meine Rettung fand statt, als ich noch gar nicht geboren war. Meine Mutter hatte einen schweren Unfall, als sie mit mir im fünften Monat war. Sie wurde von einem Auto angefahren, flog 13 Meter durch die Luft, und die Ärzte haben gesagt: Das Kind kann man vergessen. Dann haben meine Mutter und ich aber beschlossen, dass ich doch auf die Welt kommen soll. Meine Mutter hat auch, obwohl sie ein zertrümmertes Bein und eine schwere Gehirnerschütterung hatte und über meine Geburt hinaus ein halbes Jahr auf dem Rücken liegen musste, kein Schmerzmittel genommen. Ich bin dann auf den Tag genau an dem berechneten Geburtstermin zur Welt gekommen. Der gestandene Professor hatte Tränen in den Augen, diese Mischung aus Wunder und Disziplin habe er noch nicht erlebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses halbe Jahr auf meinen Charakter keinen Einfluss genommen hat. Ich glaube, der gemeinsame Wille von meiner Mutter und mir, das war meine Rettung.

ZEITmagazin: Ist daraus auch vielleicht eine gewisse Eigenwilligkeit entstanden?

Matthes: Möglicherweise. Ich kann sehr störrisch sein, ruppig und aggressiv, aber auch sehr liebevoll und zärtlich. Ich habe viele einander widersprechende Eigenschaften und bin viel intuitiver, als die meisten glauben. Ich bin aber auch sehr ein Gewohnheitsmensch und zum Beispiel nicht besonders reiselustig, das widerspricht meinem Bedürfnis nach Intensität total. Ich spiele lieber Minigolf, als Bungee-Jumping zu machen. Als junger Schauspieler war ich bestimmt auch arrogant, man spürt, dass man Talent hat, und übertreibt erst mal. Doch das ist mittlerweile ersetzt worden durch einen hohen Anspruch, sowohl im Privaten als auch im Beruf. Ich kann übrigens auch sehr schüchtern sein. Es gibt Phasen, in denen ich anstrengend bin, wenn ich das Gefühl habe, es breitet sich so was gepflegt Mittleres aus. Aber wenn es läuft, bin ich wie ein Lämmchen.

ZEITmagazin: Wie muss man Sie denn nehmen, damit Sie ein Lämmchen sind?

Matthes: Das kommt irgendwie von alleine. Es gibt manchmal einfach geglückte Konstellationen, wo man das Gefühl hat, man selber gibt sich keine Mühe, und die anderen geben sich keine Mühe, sondern jeder kann sich entfalten, ohne die Individualität des anderen zu beeinträchtigen. Ich glaube, das ist so eine Art von Definition für einen Lämmchen-Zustand.

Das Gespräch führte die Fotografin Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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