Die großen Fragen der Liebe Muss man die Liebe in Worte fassen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 35/2014

Die Frage: Caroline und Werner geraten immer wieder in Streit über Carolines Frage an Werner, welche Art von Beziehung sie eigentlich haben. Jetzt, auf einer gemeinsamen Autofahrt in den Urlaub, kann er sich nicht entziehen. Caroline schaltet das Radio aus. "Ich will jetzt endlich wissen: Bin ich für dich nur ein Kumpel, mit dem du Sex hast, oder liebst du mich wirklich? Ist es dir ernst? Es kann doch nicht noch zwei Jahre so weitergehen!" – "Kann es doch, und das würde mir grade gefallen. Ich weiß nur, dass ich gerne mit dir zusammen bin, über diese anderen Sachen mache ich mir keine Gedanken." – "Aber ich könnte schwanger werden!" – "Dann heiraten wir!" – "Aus dir werde ich nicht schlau", stöhnt Caroline.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Angesichts solcher Auseinandersetzungen denke ich manchmal an den Reisenden, der an fremden Küsten landet und den Eingeborenen erklärt: "Wir können über alles reden, vorausgesetzt, ihr sprecht Hochdeutsch!" Caroline geht davon aus, dass Werner ihre Bedürfnisse teilt, eine Beziehung zu definieren und zu bewerten, während Werner solche Gespräche eher verwirrend findet. Er meidet sie, weil er bemerkt hat, dass Caroline verärgert ist, wenn er nicht die richtigen Erklärungen gibt. Er spürt zwar, mit welchen Menschen er gerne zusammen ist, aber Worte wie "Liebe" oder "Freundschaft" sind für ihn Stelzen, auf denen er sich nicht bewegen kann. Werner wird vielleicht lernen, Carolines Sprache zu verstehen, aber dazu bräuchte es mehr Geduld und weniger Druck.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau" ist bei Orell Füssli erschienen.

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