Das war meine Rettung "Ich habe mein Problem mit der Brechstange gelöst"

Parov Stelar litt an Panikattacken, er traute sich kaum noch aus dem Haus. Ausgerechnet in Berlin fand er innere Ruhe. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 36/2014

ZEITmagazin: Herr Stelar, Sie gelten als Erfinder der Musikrichtung Elektroswing, einer Mischung aus Techno und Jazz. Stimmt es, dass Sie keine Noten lesen können und kein Instrument spielen?

Parov Stelar: Ja, das stimmt. Ich spiele lediglich den Computer.

ZEITmagazin: Haben Sie nicht den Ehrgeiz, Noten lesen zu können und zu verstehen, wie man komponiert?

Stelar: Muss man Musik verstehen? Ich will nicht verstehen, was ich tue, weil ich dann wahrscheinlich so verkrampft wäre, dass nichts mehr funktionieren würde. Ich komponiere lieber über das Hören und die Intuition. Ich spiele einfach das, was sich für mich gut anfühlt. Meine Musiker, die alle studiert haben, sagen zu mir: "Du machst so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Du mischst Dinge zusammen, die man eigentlich nicht mischen darf, aber verdammt, klingt das gut!"

ZEITmagazin: Wie kamen Sie auf diese Musik?

Stelar: Jeder Künstler will etwas schaffen, das es vorher noch nicht gegeben hat. Aber das kann man nicht planen. Es passiert einfach. Ich habe damals das Glück gehabt, dass eine Platte von Billie Holiday auf meinem Plattenspieler lief und hängen blieb. Eine Stelle wiederholte sich immer wieder in einem Loop. Ich machte damals Minimal Techno, habe beides gesampelt und dachte mir, was für eine großartige Audiohochzeit, dieses alte kratzige Ding mit diesen neuen synthetischen, kalten Beats! Und im Laufe der Zeit haben sich diese zwei mehr und mehr geliebt.

ZEITmagazin: Sie haben kürzlich vor 25.000 Menschen gespielt, wenn Sie auf Tour sind, werden Sie jeden Abend bejubelt. Können Sie das Gefühl beschreiben?

Stelar: Man hört oft, dass Musiker, die gewohnt sind, vor so vielen Leuten zu spielen, runtergehen von der Bühne und in ein tiefes Loch fallen. Ich kann das gut nachvollziehen. Die 25.000 Leute erwarten etwas von mir. Es ist, als würde ich einen Gefühlskredit aufnehmen und alles an Hochgefühl innerhalb von 90 Minuten verbrauchen. Die Leute wollen nicht 100 Prozent, sondern 110 Prozent, und das gebe ich auch. Ich gehe über meine Grenzen hinaus. Wenn ich von der Bühne komme, bin ich glücklich, aber auch ziemlich leer. Meine Frau und mein Sohn holen mich dann immer wieder schnell in die Realität zurück.

ZEITmagazin: Haben Sie die Bodenhaftung jemals verloren?

Stelar: Öfters. Ich habe jahrelang mit Panikattacken gekämpft, und ich hatte ein Burn-out. Das hat sich über die Jahre hinweg entwickelt. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, ein Angestelltenverhältnis war für mich immer undenkbar. Mit 17 wollte ich einfach jeden Tag ausschlafen können. Ich habe allerdings sehr schnell erkennen müssen, dass erfolgreiche Selbstständige noch weniger schlafen als Angestellte. Die vermeintliche Freiheit, die man als Künstler wählt, wird mit dem Erfolg schnell noch kleiner. Ich hatte plötzlich Verantwortung, musste Zeitpläne einhalten, um 16.40 Uhr auf der Bühne stehen und nicht um 16.41 Uhr. Es war schlimm, zu erkennen, dass ich plötzlich die Freiheit durch die Freiheit verloren hatte. Ich habe mich eine Zeit lang keine fünf Meter mehr aus dem Haus getraut. Das Burn-out und diese Panikattacken haben mich komplett eingegrenzt, wie ein Gefängnis.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie wieder gesund?

Stelar: Ich war in einer Spezialklinik und habe mich furchtbar gelangweilt, am Anfang ging es mir noch schlechter. Aber dann kam mein Ehrgeiz zurück. Ich sagte mir, dass ich es schaffen kann, mich aus diesem Loch rauszuholen. Ich habe mich für ein Auslandssemester in Berlin eingeschrieben, ich dachte, wenn ich mich nicht fünf Meter hinaustraue, dann muss ich 1.000 Kilometer weit weg. Ich habe mein Problem im Grunde mit der Brechstange gelöst.

ZEITmagazin: Was hat sich in Berlin geändert?

Stelar: Berlin bedeutete für mich Isolation. Dort habe ich schnell verstanden, dass ich nun ein Notfallprogramm zum Überleben aktivieren muss. Man reduziert sich plötzlich auf die wichtigen Dinge und ist nicht von den Annehmlichkeiten, die man zu Hause vorfindet, abgelenkt. Da gab es keine Mama, die sich kümmert. Diese Stadt hat mich gelehrt, mein eigenes Reich wiederzuentdecken und meine persönlichen Räume mit Geborgenheit zu füllen. Ich fand meine seelische Schweiz in Berlin, ein kleines territory, das sich von den Trümmern und Konflikten nicht beeindrucken lässt. Ich musste also erst mal eine Verschlechterung herbeiführen, um den Weg zur Heilung zu finden.

ZEITmagazin: Sie haben es aus eigener Kraft geschafft, das Burn-out zu überwinden?

Stelar: Ich habe auch mit Leuten gesprochen, die Ähnliches erlebt hatten. Das hilft, weil man sich nicht mehr so einsam fühlt. Ich glaube, ich war schon sehr weit weg von mir. Aber ist jemand wirklich jemals bei sich? Wir suchen doch immer, oder? Es hat Jahre gedauert, bis ich mich mit diesem Zustand angefreundet habe.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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