Stilkolumne Leuchtendes Vorbild

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 37/2014

Luxusprodukte sind heute handverlesen und handgemacht. Man greift auf Techniken zurück, die seit Generationen praktiziert werden, und setzt auf Naturmaterialien und Limitierung. In einigen Filialen von Hermès sitzen die Handwerksmeister sogar im Verkaufsraum an Werkbänken. Selbstverständlich geht es um höchste Qualität. Tatsächlich kann Handarbeit ein Synonym für hochwertige Verarbeitung sein, sie muss es jedoch nicht: Handarbeit steht heutzutage genauso für die übelste Ausbeutung von Menschen in Nähfabriken in Südostasien. Auch hier arbeiten Hände – allerdings nicht für Luxusmarken, sondern für den Wegwerfkleidungsmarkt.

Dass man möglichst traditionelle Produktionsmethoden als luxuriös empfindet, ist ein junges Phänomen. In ihren Anfängen wurden die Marken, die heute als Inbegriff des Luxus gelten, oft mit moderner Technik in Verbindung gebracht. Die Koffer von Louis Vuitton etwa waren nicht wegen ihres edlen Materials begehrt, sondern weil ihre rechteckige Form so praktisch war. Anders als mit den bis dahin üblichen Schrankkoffern konnte man mit ihnen Autos beladen. Außerdem waren sie mit einem neuartigen imprägnierten Leinenstoff überzogen, der Wasser abperlen ließ. Louis Vuitton stand für Hightech der Jahrhundertwende.

Heute ist die Verbindung zwischen Luxus und Technik weitgehend gekappt. Einzig Autos, Jets und Boote können gleichzeitig luxuriös und technologisch hoch entwickelt sein. Dass Luxus und Technik nicht mehr zusammenzupassen scheinen, hat viel damit zu tun, dass man dem Fortschritt heute nicht mehr traut. Dabei war der Fortschritt stets die freundliche Seite des Luxus. Die Produkte waren zwar nur für eine kleine Gruppe von Menschen erschwinglich. Aber durch die technische Entwicklung standen sie schon bald den Massen zur Verfügung – am Ende hatte jeder etwas davon.

Die Sankt Galler Marke Akris zeigt jetzt, dass sich Luxuskleider sogar mit eingearbeiteter Elektronik vertragen. Albert Kriemler hat für das Label ein Kleid mit Leuchtstickereien entworfen. Kleine LEDs, deren Kabel unsichtbar eingearbeitet sind, lassen das Kleid leuchten wie einen Sternenhimmel. Man kann hoffen, dass das Beispiel keine elitäre Ausnahme bleibt. Denn Luxus ohne Technik bedeutet Abgrenzung. Er ist nur noch für die Reichen da.

Foto: Abendkleid mit Leuchtstickereien von Akris

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