Die großen Fragen der Liebe: Muss sie ihm ihren Flirt beichten?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 37/2014

Die Frage: Schon einige Male während ihrer 20-jährigen Ehe hat sich Helga wegen Affären ihres Mannes Siegbert geängstigt und geärgert, wenn sie seinen nicht sehr geschickten Lügen und Schlichen auf die Spur kam. Die beiden haben sich aber immer wieder zusammengerauft. Wenn Helga überlegt, wie viel sie mit Siegbert gemeinsam unternimmt, wie sie beide Freude an ihrer Erotik haben, ist sie mit ihrer Beziehung ganz zufrieden. Jetzt hat sie auf einem Betriebsausflug mit Markus, einem etwas jüngeren Kollegen, geflirtet. Seither schreiben sie sich zärtlich-fantasievolle Mails. Mehr soll es nicht werden. Helga freut sich über die Schmetterlinge im Bauch – und hat ein schlechtes Gewissen: Nachdem sie immer auf Ehrlichkeit gepocht hat, ist sie doch verpflichtet, Siegbert ihren Flirt zu beichten!

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Man denkt ja oft, Moral sei logisch, aber dieser Fall zeigt doch, wie wenig das der Fall ist. Unter dem Gesichtspunkt des moralischen Kuhhandels hat Helga mindestens einige Monate, womöglich auch Jahre erotischer Heimlichkeiten gut. Aber sie ist sehr viel strenger mit sich, als es Siegbert jemals war, vielleicht weil sie mehr an die ideale Liebe glaubt und weniger an das Prinzip der Suche nach dem geringeren Übel. Eine Geständnispflicht lässt sich aus der Geschichte dieses Paares nicht ableiten. Es kann aber durchaus sein, dass sich Helga wohler fühlt, wenn Siegbert von ihrem Flirt weiß, während Siegbert sich wohler fühlt, wenn er nichts davon weiß. Vielleicht findet Helga einen Weg, taktvoll zu klären, ob die Beichte das kleinere Übel ist oder die Heimlichkeit.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau" ist bei Orell Füssli erschienen.

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