Das war meine Rettung "Der Schock war gelöst, es gab wieder Sätze"

Caroline Peters war 13, als sich ihre Eltern trennten und der Vater eine neue Freundin fand. Halt fand sie im Kino. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 38/2014

ZEITmagazin: Frau Peters, als Fernsehkommissarin sind Sie ja immer wieder Retterin in höchster Not. Waren Sie selber schon einmal auf Rettung angewiesen?

Caroline Peters: Man wird ja so ungern gerettet, man möchte lieber selber die Retterin sein. Aber ein bestimmter Satz zur rechten Zeit kann einem manchmal helfen. Da erinnere ich mich an mehrere Situationen. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 13 war. Das fand ich schon relativ schlimm, aber das steckt man irgendwie weg in so einem Alter, wo man eh mehr mit seinen Freunden und Freundinnen beschäftigt ist. Dann aber hat mein Vater eine neue Frau kennengelernt, und die zog bei uns ein, während meine Schwester und ich in den Ferien waren.

ZEITmagazin: Sie sind bei Ihrem Vater geblieben?

Peters: Ja. Und als wir zurückkamen, wohnte die Frau da schon. Darüber waren wir extrem schockiert und total in Panik. Wir hatten die noch nie vorher gesehen. Wir hatten noch nicht mal gehört, dass er eine Neue kennengelernt hatte. Da sind meine Schwester und ich dann quasi aus dem Haus geflohen und ins Kino gegangen. Wir schauten uns Jenseits von Afrika an mit Meryl Streep. Da gibt es diese Szene, wo sie schrecklichen Liebeskummer hat. Sie weiß, sie wird nie wieder mit ihrem Liebhaber, den Robert Redford spielt, zusammen sein. Dann kommt er sie noch mal besuchen. Sie sagt zu ihm, so ungefähr: "Wenn es ganz schlimm ist und es dann noch schlimmer kommt, dann weiß man, dass man alles überstehen kann." Dieser Satz hat mir geholfen, weil ich mir sagte: Okay, das mit dem unerwarteten Einzug war jetzt schlimm, aber es könnte noch viel schlimmer kommen, und man wird es doch ertragen.

ZEITmagazin: Wie ging es weiter?

Peters: Na ja, wir konnten im Kino erst mal irre heulen, denn wir hatten ja einen Grund, wir heulten wegen Meryl Streep und ihrer großen Liebe. Dann gingen wir nach Hause und konnten wieder reden mit allen, der Schock war gelöst, es gab wieder Sätze.

ZEITmagazin: Hat der Satz Ihnen später noch mal geholfen?

Peters: Natürlich, bei jedem Liebeskummer. Später waren es aber auch andere Sätze, die mir geholfen haben. Zum Beispiel bei der Beerdigung meiner Mutter, das war 2003. In meiner Familie waren alle aus der Kirche ausgetreten, nur ich nicht. Keiner glaubte da so richtig dran. Aber irgendwie fanden wir es dann total wichtig, dass sie kirchlich beerdigt wird, man kann doch nicht ohne so einen Segen unter die Erde fahren. Also musste der Pfarrer eine Rede halten über einen Menschen, den er gar nicht kannte. Und der sagte dann, dass die Hinterbliebenen lernen müssen, dass man die Fürsorge für einen Menschen loslassen muss, kann und darf. Da wäre ich in dem Moment nicht von allein drauf gekommen, dass man den Toten gegenüber Fürsorge empfindet. Tut man aber. Ich hatte regelrecht eine Manie mit dem Grab – wie das auszusehen hat. Und was man noch alles da mit reingeben sollte. Der Satz des Pfarrers half mir zu verstehen, dass man die Seele des Verstorbenen nicht ewig begleiten muss, dass die das schon alleine schafft und ich nicht für den Rest meines Lebens denken muss: Vielleicht hat die arme Frau den Weg nicht gefunden. Ich weiß noch, als wir mit dem Sarg zum Grab gingen, hatte ich plötzlich totale Panik, dass meine Mutter falsch rum im Sarg liegen könnte. Da fand ich es toll, dass mich der Pfarrer von der Sorge entbunden hatte: Die wird schon ihren Weg machen, du musst sie nicht die ganze Zeit führen.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass die Seele weiterlebt?

Peters: Irgendwie schon. Und wenn es nur in der Fantasie der Hinterbliebenen ist.

ZEITmagazin: Woher wusste der Pfarrer, dass jener Satz für Sie genau der richtige war?

Peters: Er hatte zufällig ins Schwarze getroffen. Manche Sätze geben einem in dem Moment genau den richtigen Schlüssel, den man braucht – aber man hätte im Leben nicht danach fragen können. Ich hätte nie sagen können: Ich habe Fürsorgegefühle meiner toten Mutter gegenüber. Das wurde mir erst durch diesen Satz klar. Und es gab noch einen weiteren hilfreichen Rat. Ich hatte mich mit meiner Mutter kurz vor ihrem Tod noch gestritten. Nach ihrem Tod sagte mir eine Freundin, die Buddhistin ist: Die Beziehung zu einem Verstorbenen bleibt immer dynamisch. Das hat mich auch aufgerichtet. Ich verstand, dass das Verhältnis zu meiner Mutter nicht eingefroren war im Moment des letzten Streits. In den Jahren seither merke ich, dass ich praktisch jeden Monat ein anderes Verhältnis zu meiner Mutter habe. Mal ist einem der Todestag total wichtig, und man kann an nichts anderes denken, mal vergisst man ihn fast. Das kommt alles in Wellen.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

Danke für das kurze Interview mit Frau Peters. Über sie erfährt man nicht so viel. Ich schau mir gerade die Staffeln an, die ich zur Sendezeit nicht alle sehen konnte. Erst jetzt kann ich sehen, welch witzige und pointenreiche Serie das ist, die von dem Schauspiel von Frau Peters getragen wird.
Alle Schauspieler spielen ihre Rollen. Wenn man sie in anderen Stücken sieht, ist man ganz erstaunt, dass sie ganz andere Personen spielen. Man meint, man ist dabei und sitzt mit guten Freunden. Gut, ich schau mir täglich drei Filme an, bin fürchterlich erkältet, befinde mich im Bett oder in der Wohnung. Die Serie hat mir sehr viel Vergnügen bereitet.
Vielen Dank.