Zeigen und Verhüllen Es ist nie zu spät, um doch noch entdeckt zu werden

Hermann Glöckner? Ein Maler? Ja, sicher! In der DDR, immerhin, war er bekannt. Richtig berühmt aber wurde er nie. Zu Unrecht – wie eine Ausstellung in Berlin jetzt beweist.
ZEITmagazin Nr. 38/2014

Wer kennt heute noch Hermann Glöckner? In der DDR war er bekannt, ja, er war unter den Künstlern des Ostens sogar der berühmteste Abstrakte, aber das war in der DDR eine ganz eigene Geschichte. Im Westen wurde die Abstraktion nach dem Zweiten Weltkrieg als Kunst der Freiheit gefeiert, im Osten galt sie als "Ausdruck des kapitalistischen Niedergangs", so Walter Ulbricht, als "schroffster Widerspruch zum heutigen Leben in der DDR". Die Kunst in der DDR hatte volkstümlich zu sein. So fand Glöckners eigentliches künstlerisches Schaffen hauptsächlich im privaten Raum statt. Viele seiner Bilder und Skulpturen sind klein und aus häuslichen Materialien wie Schnur, Tapete, Zeitungspapier, Stoffresten und Streichholzschachteln gefertigt. Sogar eine Cornflakes-Schachtel, die ihm wohl seine Freundin aus West-Berlin mitgebracht hat, hat er zu Kunst gemacht.

Geboren in Dresden 1889, im selben Jahr wie Chaplin und Hitler, machte der junge Glöckner zunächst eine Lehre als Musterzeichner in Leipzig. Im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen, arbeitete er seit 1919 freischaffend für verschiedene Dresdner Modehäuser und konnte in den 1920er Jahren, mittlerweile verheiratet, endlich an der Dresdner Akademie studieren. Unter den Nazis war es ihm unmöglich, seinen Lebensunterhalt als freier Künstler zu verdienen. Andererseits war er noch nicht profiliert genug, um als "entartet" verfolgt zu werden. So arbeitete er während des "Dritten Reichs" gemeinsam mit seiner Frau an Wandgestaltungen für Bauwerke, auch wenn er sich dadurch stets von seinen "eigentlichen Arbeiten" abgelenkt fühlte. Auch nach dem Krieg, als in der DDR abstrakte Kunst wiederum angeprangert wurde, war er auf Baustellen tätig und gestaltete Fassadenornamente in Kratzputztechnik. Ganz im Geheimen entstanden seine Malerei und Skulpturen jedoch nicht, und auch in der DDR hatte er Anhänger und konnte sich, als alter Mann, über gewisse Erfolge freuen: 1969 widmete ihm das Dresdner Kupferstichkabinett Dresden eine Jubiläumsausstellung. "Es ist merkwürdig, ja ungeheuerlich", sagte er zu diesem Anlass, "dass man achtzig Jahre warten musste, ehe man anerkannt wurde." Allerdings wurde der Verkauf des Katalogs nach dem Ende der Ausstellung verboten.

Jetzt ist in Berlin das erstaunliche Œuvre des Künstlers wiederzuentdecken, und manche der Werke aus einer Dresdner Privatsammlung sind schon für dreistellige und niedrige vierstellige Beträge zu erwerben: Landschafts- und Figurenzeichnungen aus den 1910er Jahren, die noch dem Umfeld der Expressionisten angehören, abstrakte Werke, konstruktivistische Malereien und gefaltete Skulpturen, die er bis kurz vor seinem Tod 1987 schuf. Immer scheint die Suche nach der verborgenen Struktur hindurch: Auch wenn Glöckner eine Mähmaschine zeichnet, scheint er im Gesehenen durch das Einteilen der Flächen in geometrische Formen einen höheren Sinn zu finden. Unglaublich experimentell sind viele Arbeiten, Faltskulpturen aus Buchseiten, Pappe, die durch wenige Einschnitte die Silhouette einer spitznasigen Figur wiedergibt. Auch als sehr alter Mann scheint seine Schaffenslust ungebändigt: Mit 95 Jahren zeichnet er voll Freude an der Form große, souveräne Kreideschwünge.

Das Tuch, über drei Stützen, gipsübergossen aus der Zeit um 1960 ist mit gerade einmal 23 Zentimetern Höhe alles andere als monumental, aber doch gelingt es ihm, mit der kleinen Skulptur auf Stäbchen einen philosophischen Gedankengang auszulösen, über das Tragen und das Lasten, über Stabilität und Fragilität, über das Zeigen und Verhüllen. Über Vergänglichkeit und Bleibendes.

19.9.-1.11. Ausstellung in der Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, Berlin

Der Katalog "Hermann Glöckner. Patriarch der Moderne" erscheint im Wolff Verlag

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren