Genozid an Armeniern: Das Geheimnis der Bäume

Es war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts: Der Genozid an den Armeniern. Die Fotografin Kathryn Cook hat sich auf Spurensuche begeben. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2014

Wie viel Zeit muss vergehen, bis Wunden heilen, Schmerzen nachlassen und Narben verblassen? Der Völkermord an den Armeniern ist bald ein Jahrhundert her, aber das Trauma prägt das kollektive Bewusstsein dieser Nation heute vielleicht mehr denn je. Weil noch immer geleugnet und geschwiegen wird in Bezug auf das, was im Mai 1915 in Istanbul per Gesetz beschlossen und umgesetzt wurde. Offiziell war von einer Umsiedlung die Rede. Tatsächlich aber wurde die christliche armenische Minderheit aus dem Osmanischen Reich deportiert und vernichtet.

Zu Hunderttausenden wurden Frauen, Kinder, Männer in die syrische Wüste bei Aleppo getrieben. Wer den Marsch und die Übergriffe überlebte, landete später in Lagern in Syrien oder im Libanon, wo Erschöpfung und Krankheit weitere Tote forderten. Insgesamt starben im Schatten des Ersten Weltkriegs mehr als eine Million Armenier, weitgehend unbemerkt von der Weltpolitik. Es war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts, von Hitler später als eine Art Blaupause genutzt. Vor seinem Überfall auf Polen 1939 hielt er eine Ansprache auf dem Obersalzberg und fragte die Anwesenden: "Wer redet denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?"

Tatsächlich redete außerhalb Armeniens und seiner Diaspora lange Zeit niemand von diesem Genozid, die junge Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches schon gar nicht. Erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts befassten sich Historiker mit der Auswertung von Dokumenten und Zeugenaussagen. Sehr zum Missfallen der Regierung in Ankara. Immer wieder gab es diplomatische Verstimmungen zwischen ihr und Ländern, die das Verbrechen als solches benannten. Als vor drei Jahren die französische Nationalversammlung ein Gesetz verabschiedete, das die Leugnung offiziell anerkannter Völkermorde – und damit auch des Völkermords an den Armeniern – unter Strafe stellte, zog die Türkei zeitweise ihren Botschafter in Paris ab. (Das Gesetz trat nicht in Kraft, da es vom Verfassungsgericht gekippt wurde).

Sich in der Türkei öffentlich zur Armenier-Frage zu äußern kann als "Beleidigung des Türkentums" ausgelegt und mit Freiheitsentzug geahndet werden. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk musste sich deswegen ebenso vor Gericht verantworten wie der armenische Journalist Hrant Dink, der 2007 in Istanbul von einem türkischen Nationalisten erschossen wurde. Über den Mord wollte Fatih Akin einen Film drehen. Das Vorhaben scheiterte. Der Regisseur fand keinen türkischen Darsteller, der bereit gewesen wäre, den Journalisten zu spielen – aus Angst vor ultranationalistischer Rache. Akins neuer Film The Cut erzählt nun eine fiktive Geschichte, die vor dem Hintergrund des Völkermords angesiedelt ist; die Hauptrolle übernahm ein Franzose mit algerischen Wurzeln. Auf dem Filmfestival von Venedig wurde The Cut erstmals gezeigt. Dass der Film in türkischen Kinos läuft, würden türkische Rechtsextremisten gern verhindern.

Die Fotografin Kathryn Cook lebte zum Zeitpunkt des Mordes an Dink in Istanbul. Der Vorfall war für sie der Auslöser zu ihrem Langzeitprojekt Memory of Trees. Die Bäume, von denen im Titel ihres im April im Kehrer Verlag erschienenen Fotobandes die Rede ist, stehen in einem Dorf in der türkischen Provinz Adana. Bis 1915 wurde es von Armeniern bewohnt. Sie nutzten die Maulbeerbäume zur Zucht von Seidenraupen. Heute führen kurdische Bewohner diese Tradition fort. Außer den Bäumen erinnert nichts mehr an früher.

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