Ich habe einen Traum Lavinia Wilson

"Ich bin allein zu Hause, plötzlich tauchen alle Frauen auf, die ich jemals gespielt habe"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 39/2014

Ich weiß nicht, wie sie in meine Wohnung gekommen sind. Wohl einfach hereinspaziert. Ich bin allein zu Hause, und plötzlich tauchen alle Frauen auf, die ich jemals gespielt habe. Sie benehmen sich, als wären sie öfter zu Besuch und als würden sie sich bei mir auskennen. Wie das so ist im Traum, finde ich das vollkommen normal. Obwohl sie so unterschiedlich aussehen, sind diese Frauen ja ein Teil von mir. Ich kenne sie seit Langem. Ich würde mich gern mit ihnen unterhalten, aber sie interessieren sich überhaupt nicht für mich. Besonders fällt mir Gisela Ellers aus Quellen des Lebens auf. Sie unterhält sich mit sich selbst – in drei Altersstufen.

Es bilden sich Grüppchen. Auf dem Balkon treffen sich die Mehrfachmörderinnen zum Rauchen. Am Herd fangen ein paar Frauen an zu kochen: patente Mädels wie die Ira aus Frau Böhm sagt Nein oder Kommissarinnen mit blöden Frisuren, deren Namen ich vergessen habe. Irgendwann komme ich doch mit einer ins Gespräch, die ich im Tatort gespielt habe: Sabrina Dobisch, eine pathologische Lügnerin. Sie will von mir wissen, warum ich sie so und nicht anders gespielt habe. Sie redet auf mich ein und überlegt, wie ihr Leben weitergegangen wäre, hätte ich sie weiter gespielt. Allmählich bemerken auch die anderen Frauen, dass man mich anscheinend ausfragen kann. Sie umringen mich und wollen wissen, warum sie so sind, wie sie sind.

Ich bemerke, dass die Stimmung kippt. Am Herd gibt es Streit. Elisabeth aus den Schoßgebeten schreit: "Ihr kocht ja gar nicht bio!" Ein Borderline-Charakter namens Maria hat die ganzen Teenagermädchen angestiftet, die Hausbar zu leeren. Eine kotzt mir vor die Füße. Maria selbst durchsucht meinen Medikamentenschrank. Jemand beschwert sich über Gisela Ellers, weil sie so laut lacht.

Dann kommt der Wendepunkt: Sabrina, die intrigante Tatort-Frau, erzählt den anderen, sie sei meine Lieblingsfigur. Da stürmen sie auf mich zu: wie ich behaupten könne, dass eine die Wichtigste sei. Mich hast du doch am liebsten gespielt! Schenk mir Aufmerksamkeit! Du musst mich weiter spielen! Ich will in Serie gehen! Ich versuche, mich zu rechtfertigen: Ihr seid mir alle gleich wichtig! Ihr seid mir so ans Herz gewachsen. Bitte zwingt mich nicht, mir eine von euch auszusuchen! Maria fuchtelt mit Rasiermessern herum und droht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Dann gehen alle aufeinander los.

Plötzlich steht eine Frau auf dem Wohnzimmertisch, die ich noch nicht so gut kenne. Sie schreit: "Raus hier! Alle!" Da erkenne ich sie: Das ist die neue Figur, die ich bald spielen werde. Vanessa. Sie schafft, was ich nicht geschafft habe: Sie schmeißt alle raus. Als sie weg sind, geht auch Vanessa und zwinkert mir noch zu: "Bis nächste Woche dann. Wir sehen uns bei den Proben." Die Tür fällt ins Schloss. Ich stehe allein in meiner Wohnung und freue mich darauf, bis nächste Woche ausschließlich Dinge zu tun, die nichts mit Schauspiel zu tun haben. Putzen, kochen, aufräumen, Baby hüten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Küchenpsychologie sagt: Die Rollen geben wenig zurück, was es im wirklichen Leben gibt. Sie sind egoistische und nur vermeintliche Freunde. Zweifel, ob man der jeweiligen Rolle gerecht geworden ist, ob man alles gegeben hat. Nicht-loslassen können, vielleicht bevorzugen, sich selbst über andere zu leben? Loslassenkönnen erst durch die neue Figur, die aufs Neue unwiderstehlich vereinnamt.