© Samuel Nyholm

Willemsens Jahreszeiten Es wird Herbst!

Nein, ein schöner Sommer war das nicht, auch nicht aus der Sicht unseres Kolumnisten. Schuld daran waren nicht nur die Kriege. Von
Aus der Serie: Willemsens Jahreszeiten ZEITmagazin Nr. 39/2014

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast: Du hast Merkel gewählt! Nun grusele dich durch die zweite Fortsetzung: Die Heldin ist erst 60 Jahre alt. Im Castingshow-Deutsch aber müsste man ihr sagen: Du hast mich irgendwie nicht abgeholt, nicht mal in deinem Kimono von Bayreuth. Ich weiß nämlich noch, was du vor 18 Jahren getragen hast: denselben.

Im Psychologen-Deutsch würde man außerdem sagen: Du musst lernen, dich selbst zu akzeptieren. So wird Merkel zwar als "modernes Superweib", von Veronica Ferres als "extrem weiblich" bezeichnet und gespielt, sagt im großen Sommerinterview aber: "Ich bin jemand, der ..." Ist sie also eigentlich doppelgeschlechtlich wie die Nesselwürmer und die Landlungenschnecken? Und vielleicht sogar doppelgesichtig?

Mit ihr werde es keine Maut geben, hatte sie gesagt. Da lacht die Maut. "Umweltkanzlerin" wollte sie sein, besucht aber nicht mal mehr den Klimagipfel. Abhören unter Freunden gehöre sich nicht, hatte sie gesagt, verteidigte aber die BND-Bespitzelung der Türkei. Ausgewogen wolle sie sein, hatte sie deklariert, fand im Nahost-Konflikt aber kein Wort für die Palästinenser, nur viele gegen sie. Doch dann die Sensationsmeldung: "Merkel ruft Studenten zu kritischer Haltung auf." Fehlalarm, gemeint waren die Studenten in China! Die hiesigen sind ihr nämlich genau kritisch genug, also stumm.

Abgesehen davon nennen die Zeitungen die Kanzlerin nur mit ihrem neuen Doppelnamen: "Merkel-Droht". Was hat die Frau in den letzten Monaten nicht alles niedergedroht! Da brauchte Putin gar nicht mehr barbusig durch die Tundra zu reiten, er musste nur "Neurussland" sagen und wirkte in seiner Merkel-Renitenz schon ganz von allein unerschrocken und männlich.

Überhaupt: Ist es das, was man die Ironie der Geschichte nennt? Zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs überall Kriege und hochgerüstete Rhetorik. Thomas de Maizière sitzt in der BamS zwischen Christenkreuz und Fahne und sagt: "Ich bin stolz darauf, dass Terroristen Deutschland hassen." Wie kommt man auf so was? Auch gesagt hat er: "Beim Mensch ärgere Dich nicht lasse ich schon mal die Sau raus." Jetzt wäre es Zeit, dass die Sau mal sagt: Minister, bleib bei deinen Brettspielen!

Zeitgleich verlangt der Bundespräsident vom "glückssüchtigen" Volk mehr Bereitschaft zu Auslandseinsätzen. Das Glück des Fronteinsatzes überlässt er aber immer noch anderen. Von der Leyen will bewaffnete Drohnen und überhaupt mehr Waffen fürs Heer. Joschka "I am not convinced" Fischer ist jetzt convinced: Waffen müssen in den Irak! Wo es ehemals keine Massenvernichtungswaffen gab, sollen sich die Massen jetzt mit deutschen Waffen vernichten. Als ob sie das nicht schon längst täten! Mit dem Liefern von Waffen hatten wir immer weniger Probleme als mit dem Aufnehmen von Flüchtlingen. Dirk Niebel wird Rüstungslobbyist, und die Regierung sieht in Konflikten ihrer Wahl eine Bedrohung unserer Sicherheit. War das nicht so auch in Mali? Vergessen. Im Irak? Übergangen. In Afghanistan? Es ist unsicherer dort denn je, doch plötzlich findet diese Kämpfer niemand mehr bedrohlich für uns.

Ja, Kriegsrhetorik nutzte immer schon dieselben Floskeln: den Angriff auf unsere Freiheit, unsere Sicherheit, unsere Werte ... Dabei räumt der regierende Friedensnobelpreisträger noch unverblümt ein: "Wir haben einige Leute gefoltert ..." – die halbe Wahrheit, "... und foltern sie weiter", muss es heißen, wie in Guantánamo, so anderswo. Doch die Regierung behandelte ja schon früher Waterboarding wie eine Eiskübel-Challenge und nennt es "Wertegemeinschaft".

Unseren Werten aber könnte es entsprechen, zum Krieg in Gaza nicht zu schweigen. Doch dem begegnet der israelische Botschafter mit der Aussage, Juden würden auf Deutschlands Straßen heute so behandelt wie 1938. Bei anderen würde man dergleichen "antisemitisch" nennen in der Verniedlichung dessen, was 1938 wirklich auf deutschen Straßen passierte. Hier geht es wohl nicht nur um den triftigen Einspruch gegen Antisemitismus, sondern auch um die Unterbindung der "Normalität" plausibler politischer Kritik, um Sabotage an der deutschen Solidarität mit der israelischen Friedensbewegung und ihrer Bitte: Lasst uns nicht im Stich!

Während wir alle vor Kriegen nicht wissen, wohin zuerst schauen, meldet das "Relevanz"-Magazin stern: "Australier revolutionieren das Buttermesser". Dann gelingt der Scoop: Exklusiv spürt die Redaktion die öffentlichkeitsscheue Naddel in Hamburg auf, was gewiss noch schwerer ist, als das Buttermesser zu revolutionieren. Und alle, die sich vom Goldenen Blatt unterversorgt fühlten, kampierten vor den Kiosken, um die ersten Leserinnen und Leser zu sein: fünf Seiten stern für Naddel! Das hätte Mozart nicht geschafft!

In derselben Woche kriegt der Hund von Lagerfeld einen Werbevertrag, und der stern-Chefredakteur wird entlassen. Mit Inhalten hat das nichts zu tun, die kommen in der Kommentierung erst einmal nicht vor, sind sie doch offenbar so lange das Verzichtbarste an einer Illustrierten, wie sich Belanglosigkeit noch steigern lässt und das Verhältnis zwischen redaktionellem und Anzeigenteil innig bleibt. Wenn man aber weder Relevanz noch Unabhängigkeit anzubieten hat, welchen Grund gibt man Lesern, Käufer zu werden?

Es ist wie Kulturfernsehen. In aspekte tanzte neulich eine Burlesque-Tänzerin vor dem Moderator Tobias Schlegl, der ehemals im ProSieben-Nachmittagsprogramm Zwei-Zentner-Frauen im Bikini konkurrieren ließ. Er war also qualifiziert. Aspekte schaffte an diesem Abend mit 3,5 Prozent den Marktanteil von Streuverlust. Wie wäre es statt "Ausziehen"! mit "Aufhören!", ehe jemand ernsthaft auf die Idee kommt, hier ginge es um Kultur? Das tun weit eher Sing meinen Song (Vox) und Got to Dance (Sat.1/ProSieben).

Und wenn das ZDF in eine Arena lädt zum XL-Sommergrill-Spektakel und sich das nur 2,12 Millionen Menschen anschauen, von den 14- bis 49-Jährigen sogar nur 0,34 Millionen, könnte man nicht stattdessen Faust II auf Aramäisch senden? Die Quote wäre sicher nicht schlechter. Steigern ließe sie sich noch, übertrüge man anschließend die Lesung der Produktionskosten für das Grill-Spektakel, damit wir wissen, was uns dieser Kokolores gekostet hat. Jetzt, Claus Kleber, wäre Ihr Einsatz, twittern Sie los: "Täter: I hate you". Please!

Und von hier gleich in die Gerichtssäle: Beate Zschäpe lehnte ihre Anwälte ab, obwohl die Stahl, Sturm und Heer heißen, was ihr eigentlich liegen müsste. Der Bestechungsprozess gegen Bernie Ecclestone wurde gegen eine Zahlung von 100 Millionen Dollar eingestellt. Ecclestone fand anschließend den Kapitalismus gut. Wäre er Kassierer und hätte einen Flaschenbon verschwinden lassen, wäre er jetzt arbeitslos und fände den Kapitalismus weniger gut.

Gerechtigkeit ist eben nicht, sondern sie wird gemacht, weiß auch Gustl Mollath, der sich jetzt offiziell "Justizopfer" nennen darf. Ex-Karstadt-Manager Middelhoff dagegen flieht aus einem Gerichtsgebäude über die Regenrinne und verschwindet in einem von psychisch Kranken montierten Modellauto der Marke "Haderthauer". Die Chefin der Staatskanzlei, so befindet die CSU spät, tauge nicht mehr zum Vorbild, und all die Kids mit dem Haderthauer-Poster über dem Bett weinen bitterlich.

Bei so vielen ruinierten Reputationen hilft nur noch eine Rankingshow aus dem ADACDF. Zwar bin ich nicht sicher, ob Katrin Müller-Hohenstein wirklich die 42stwichtigste Frau Deutschlands ist, aber zur WM in Brasilien konnte sie ihre Leistung hundertprozentig abrufen. Da gewann Deutschland erst dezent mit 7 : 1 gegen den Gastgeber – "das sind 14 : 2 in DM" schrieb ein Fan –, dann weltmeisterlich knapp mit 1 : 0 gegen Argentinien und endlich millionenfach ungeschlagen in der Kategorie lateinamerikanische Tänze, hier: Gaucho-Polonaise.

Danach wandte sich die öffentliche Welt wieder den großen Fragen zu: Was erlauben Wulff? Wer ist der "Kampfmönch von Rottweil"? Kann man von einem Schlaganfall schwul werden, und gibt’s die in Harvard gefundene in Menschenhaut gebundene Schwarte schon als E-Book? Historisch auch diese Ironie: "Das Schicksal der Seele" trägt einen Speckmantel.

Kommentare

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Oha ! Da hat jetzt aber ein edellinker Intellektueller alles rausgelassen, was ihm gegen den Strich geht. Lebt er wohl in der gleichen Welt wie ich ? Das kann man bezweifeln, aber heh! - unsere freiheitliche Gesellschaft erlaubt auch so etwas und es wird sogar bezahlt. Eigentlich seltsam, denn wenn man das alles zusammen fasst, was hier geschrieben wurde, dann müsste der Autor schon auf dem Weg in die deutsche Ausgabe von Guantanamo sein. So furchtbar wie das Land ist, welches er da beschreibt. Weiß jemand, was aus dem armen Menschen geworden ist ? Nein ?

Eigentlich bin ich kein AfD-Wähler, aber noch so ein paar Artikel und ich ziehe es ernsthaft in Erwägung.