© Tanja Kernweiss

Kein schöner Ländle

ZEITmagazin Nr. 40/2014 Von , , und
Kein schöner Ländle: Baden-Württemberger erzählen von ihrer Heimat, ihren liebsten Orten und Landschaften – und vom Wesen ihres manchmal belächelten Volkes.

1 — Ein Badener in Stuttgart

Stuttgart ist heute so weltoffen, dass der "Tatort"-Kommissar ein Badener sein darf: Felix Klare

ZEITmagazin: Herr Klare, um "Tatort"-Kommissar in Stuttgart zu werden, muss man offensichtlich kein Stuttgarter sein: Sie sind in Heidelberg geboren.

Felix Klare: 2007 gab es beim SWR einige Verantwortliche, die den Tatort so lassen wollten, wie er war: im Dialekt und mit schwäbischen Originalen. Und andere, die es weltstädtischer wollten. Die haben sich durchgesetzt.

ZEITmagazin: Wie gut kennen Sie die Stadt inzwischen?

Klare: Noch nicht wirklich gut: hier ein Hügel, da ein Tal. Ganz am Anfang, zu Drehbeginn, gab es für uns mal eine Stadtführung, so einen halben Tag mit dem Team durch die Altstadt. Wir sind zum Beispiel zum Schlossplatz und zum Schiller-Denkmal gelaufen, sind eingekehrt und haben natürlich Maultaschen und Spätzle probiert. Aber dadurch lernt man keine Stadt kennen. Da müsste man mit den Menschen dort leben. Für den Tatort sind wir leider nur wenig in Stuttgart.

ZEITmagazin: Der "Tatort" wird gar nicht in Stuttgart gedreht?

Klare: Von vier, fünf Wochen Drehzeit sind wir nur circa eine in Stuttgart. Die Spielfilmabteilung des SWR sitzt in Baden-Baden, und dort ist auch das Kommissariat. Nur wirklich prägnante Außenszenen drehen wir in Stuttgart.

ZEITmagazin: Eine andere Stadt in Baden-Württemberg, die eine Bedeutung für Sie hat, ist Freiburg. Dorthin zogen Sie nach der Schauspielschule, um ein Engagement anzunehmen.

Klare: Ich habe bis zu meinem dritten Lebensjahr in Heidelberg gewohnt, danach nur in Großstädten: München, Hamburg, Berlin. Deshalb habe ich beim Umzug nach Freiburg auch gedacht: Ich ziehe jetzt in eine kleine, piefige Stadt. Mal sehen, wie das so wird.

ZEITmagazin: Sie hatten Vorurteile?

Klare: Ja, schon. Aber ich habe dort dann eine sehr vielseitige Stadt entdeckt und bin ins alternative Vauban-Viertel gezogen. Von der Zweier-WG bis zur Dreizehner-WG gab es da alles. Ich habe mit sechs Leuten zusammengewohnt. Erst als meine Freundin später nachkam, haben wir uns zusammen eine eigene Wohnung gesucht. Diese zwei Jahre in Freiburg waren sehr wichtig für mich. Ich hatte eine sehr gute Zeit dort!

ZEITmagazin: Warum?

Klare: In Freiburg bin ich Vater geworden, zum ersten Mal. Wenn ich mir jetzt Fotos von damals anschaue, sieht das aus, als ob ein Pubertierender ein Kind im Arm hält. Ich war 24. Das kommt mir im Nachhinein echt irre vor. Und ich denke auch: Obwohl Freiburg so eine kleine Stadt am Rande von Deutschland ist, herrscht da ein freier Geist. Die Menschen sind in Bewegung, sind offen und weitsichtig. Sie verändern sich die ganze Zeit.

ZEITmagazin: Spießig und zugleich recht aufsässig: Das scheinen so südwestdeutsche Merkmale zu sein.

Klare: Bei mir ist es so: Wenn ich Leute treffe, mit denen ich mich gut verstehe, sind die oft aus Baden-Württemberg. Irgendwie seltsam. Zum Beispiel mit meiner Filmfrau, jetzt Film-Exfrau, im Stuttgarter Tatort, Maja Schöne, habe ich mich auch privat gut verstanden. Sie kommt auch aus Baden-Württemberg. Ich entdecke in diesem Bundesland keine Kleinlichkeit, eher Vertrautheit. Freiburg hat zum Beispiel auch einen grünen Oberbürgermeister. Stuttgart hat einen grünen Oberbürgermeister. Baden-Württemberg hat den ersten grünen Ministerpräsidenten in Deutschland. Da kann man nicht sagen: Hinterwäldler, Maultaschen, Kehrwoche. Die Menschen da leben am Puls der Zeit. Das gefällt mir gut.

Das Gespräch führte Hannes Vollmuth

2 — "Wie ein Zugvogel komme ich immer wieder zurück"


Löwensteiner Berge

"Ich gehe gern in den Löwensteiner Bergen wandern. Meine Naturverbundenheit kommt aus meiner Kindheit in Baden-Württemberg. Meine Kunst braucht hier niemand. Ich baue ja diese Wagenräder. Mit denen kann ich in Berlin provozieren oder auch in New York. Hier ist es halt ein Rad"

– Anselm Reyle, 44, geboren in Tübingen, ist Künstler und lebt heute in Berlin

Künzelsau

"Von meinen 80 Lebensjahren habe ich 30 in Hotelbetten verbracht, habe die ganze Welt bereist. Aber wie ein Zugvogel komme auch ich immer wieder zurück. Die Toleranz im Land schätze ich besonders, den Liberalismus des deutschen Südwestens: ›Tue recht und scheue niemand‹"

Reinhold Würth, 79, machte das familieneigene Schraubenunternehmen zum Weltmarktführer und ist ein Kunstförderer

Unternehmer Reinhold Würth © Tanja Kernweiss

3 — Das Glück im Hegau

Hegau

Christoph Keller von der Brennerei Stählemühle schreibt über die Landschaft, die ihn glücklich macht

Ich habe etwas erschrocken reagiert, als mir meine Frau erklärt hat, dass wir wohl für immer, "bis an unser Lebensende", hier auf unserem Hof Stählemühle bleiben würden. Das sei jetzt nämlich unser Zuhause und auch das unserer Kinder. Und vermutlich hat sie damit sogar recht. Dabei können wir hier als "Neig’schmeckte" keine wirklichen Heimatansprüche formulieren, schließlich sind wir mehr oder weniger zufällig hier gelandet, im südbadischen Feindesland! Denn wenn ein "Ur-Schwob" wie ich (in Stuttgart geboren und in dessen Speckgürtel aufgewachsen) von Württemberg gen Baden zieht, dann grenzt das an Hochverrat.

Wir sind vor zehn Jahren hier in der Stählemühle, im oberen Hegau, dem Tor zum Bodensee, angekommen, mitten auf dem Land. Weit weg vom Kulturbetrieb der Metropolen, der zuvor unser eigentliches und vermeintlich natürliches Habitat war. Ich habe damals den Kunstverlag Revolver in Frankfurt betrieben. Nach einem längeren Exil in Dänemark haben wir eine grundlegende Veränderung der Lebensumstände angestrebt. Verlag und Wohnung wurden verkauft und eingetauscht gegen ein altes Mühlenanwesen aus dem 18. Jahrhundert, das einst den Salemer Mönchen gehörte und viel Platz für einige naive Utopien für uns damalige Agrarnovizen bereithielt. Ein Glücksfall war dabei, dass uns das traditionelle Abfindungsbrennrecht zufiel, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Hof liegt und mir zunächst ein spannendes Hobby ermöglichte, das schnell zur Leidenschaft, dann zur Wissenschaft wurde, und nun, seit einigen Jahren, ist das Schnapsbrennen tatsächlich mein Beruf.

Die Obstbrennerei im ehemaligen Brennhäusle ermöglicht uns heute, einen Hof, der mit zirka sieben Hektar Fläche für die Anforderungen der modernen Landwirtschaft und deren staatlich verordneter Megalomanie, viel zu klein ist, mit unseren vier Händen und viel destillatorischem Know-how tatsächlich ökonomisch zu betreiben.

Die Brennerei verbindet uns aber auch aufs Elementarste mit diesem Flecken Erde. Nicht nur weil wir unmittelbar vom Obst, den Wildfrüchten und Kräutern, die hier wachsen, abhängig sind – und damit auch von den Jahreszeiten, der Witterung, dem Klima und dem Boden, der für Spitzendestillateure genau wie das Terroir im Weinbau zu den großen Herausforderungen gehört. Sondern vor allem deshalb, weil wir auf diese Weise erst verstanden haben, welche kulturelle Höchstleistung die Hervorbringung einer Kulturlandschaft, wie wir sie hier im Hegau und am Bodensee erleben können, darstellt. Kaum eine andere Gegend in Deutschland ist so sehr geprägt vom landwirtschaftlichen Gestaltungswillen ihrer historischen Landesherren und von dem fundamentalen Wissen der mittelalterlichen Klöster um den Anbau von Obst, Nutzpflanzen und Kräutern. Ohne diese Kulturleistung hätten wir heute keine Pastorenbirnen, keine Gelbmöstler, keine Mirabellen, keine Klenkerles, Mispeln und Konstantinopler Apfelquitten, keine Gravensteiner und Goldmuskateller, keinen Speierling und keine Myrobalane – und wären um tausend Genüsse ärmer.

Schon seit dem 9. Jahrhundert – ausgehend von den großen Klöstern St. Gallen und Salem – wird rund um den Bodensee die Landschaft "gestaltet", fein ziseliert, gepflegt, gehegt und fruchtbar gemacht. Der erste Spätburgunder, der in Deutschland angebaut wurde, wächst in der Bodmanschen Kaiserpfalz, der Gemüseanbau wurde von den Reichenauer Mönchen erforscht und zu erster Blüte gebracht, und auch die detaillierten agrarischen Anleitungen Karls des Großen fanden hier schnell Umsetzung und Weiterentwicklung.

Leider ist diese Hegauer Kulturlandschaft aufs Schlimmste bedroht – von der Kurzsichtigkeit und dem Populismus unserer modernen Demokratie, für die landschaftliche Ästhetik überhaupt nichts zählt (man lebt ja in der Metropole), modische Schlagworte wie "erneuerbare Energie" hingegen kurzfristig Wählerstimmen und damit die kümmerliche Verlängerung von "Regierungsperioden" bedeuten.

Wir laufen derzeit Gefahr, eine Landschaft, die seit einem Jahrtausend entwickelt und ausgestaltet wurde, innerhalb von lächerlichen zwei Jahrzehnten zu zerstören – durch Biogasanlagen, die Monokulturen erfordern und damit die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts auf großen Flächen fördern, durch Solaranlagen, die auch vor idyllischen Dörfern und denkmalgeschützten Gebäuden nicht haltmachen, und durch sirrende Windräder, die einen schweifenden Blick über einen landschaftlichen Zusammenhang zur ästhetischen Folter machen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann sind die einzigartigen Vulkanberge des Hegaus – der Hohentwiel, der Hohenkrähen, Hohenstoffeln, Mägdeberg, der Staufen, der Hohenstoffeln und der Hohenhewen, die der Heimatdichter Ludwig Finckh dereinst als "des Hergotts Kegelspiel" bezeichnet hat – nur mehr Fundamente für Windkraftanlagen und Solarpanels. In Baden-Württemberg wird so etwas dann von politischen "Cleverles" als "g’scheit" verkauft.

Dabei ist die Ästhetik einer Landschaft nicht nur ein Nebengeräusch, ein folkloristisches Idyll, das man jederzeit den Anforderungen und Gegebenheiten einer modernen Zeit zum Fraß vorwerfen kann, weil man vom "Glück des Schauenden" angeblich nicht leben kann. Ich glaube fest daran, dass eine schöne Landschaft das Gemüt des Menschen nachhaltig bewegt und die Produktivität und Kreativität seiner Bewohner steigert. Ich wehre mich nicht aus verklärter Romantik gegen die Verbauung unserer Landschaft mit Plastikhallen, vorstädtischen Malls und Einkaufszentren und das Anstreichen unserer Dorfhäuser in Orangerot und Schweinchenrosa, sondern weil ich der festen Überzeugung bin, dass eine ästhetische Landschaft die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft – in Freiheit und Selbstbestimmung – fördert. Auch wenn unsere Effizienzgesellschaft, in der momentan nur der kurze Blick und das schnelle Geld zählen, den langen Atem scheut und dies niemals verstehen wird. Vielleicht gilt es heute schon als elitär, wenn man es sich leistet, in die Geschichte zurückzublicken, und sich Zeit nimmt, Landschaft nicht als Kulisse, sondern tatsächlich als alltägliches Lebensumfeld wahrzunehmen. Aber manchmal trauere ich tatsächlich der feudalen Perspektive nach. Ein hiesiger Großgrundbesitzer, Landwirt und Obstproduzent, dessen Adelsgeschlecht schon das Konstanzer Konzil im 15. Jahrhundert erlebt hat, sagte mir einmal, dass er seine Unternehmungen kaufmännisch auf 100 Jahre kalkuliere. Rendite als Generationenprojekt – für die Landschaft ein Segen.

Mein Lieblingsort im Hegau ist der Tannenberg, ein kleiner Hügel im Norden des Eigeltinger Ortsteils Münchhöf. Nicht weil diese Erhebung so imposant oder beeindruckend wäre. Es gibt dort nur die Ruine eines Flak-Fundaments, ein paar Rehe, Hasen und Füchse, Wiesen und Felder. Dort stehen auch ein kleines Bänkchen und ein hundert Jahre alter Birnbaum. Wenn man auf dem Bänkchen sitzt und den Birnbaum betrachtet, abends oft im Gegenlicht, dann breitet sich dahinter die ganze Schönheit der Hegauer Landschaft aus: Unten im Tal liegt Schloss Langenstein, und dahinter erheben sich vor einer weich fließenden Hügellandschaft in hundert verschiedenen Schattierungen die Kegel von Hohentwiel ("Hontes"), Hohenkrähen, Mägdeberg und Hohenstoffeln. Von der Moderne und den aktuellen Vergewaltigungen der Natur durch uns Zeitgenossen ist an dieser Stelle fast nichts zu sehen. Und wären da nicht einige Hochspannungsleitungen im Dunst auszumachen, dann könnte man die Zeit und unseren so kurzen Augenblick innerhalb einer viel größeren Kulturgeschichte fast vollständig aus den Augen verlieren und verstehen, wie die Landschaft und der in ihr lebende Mensch zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen und miteinander wirken.

4 — Feiner Wein, Feigen und Esskastanien

Insel Reichenau

Das milde Klima lässt im Südwesten Deutschlands Wein, Feigen und Esskastanien gedeihen. Auf der Insel Reichenau im Bodensee wurde der Klostergarten rekonstruiert, dessen Heil- und Küchenpflanzen der Mönch Walahfrid Strabo um 830 nach Christus in einem Lehrgedicht besang

Mauchen

Der Feinschmecker zählt das Weingut Lämmlin-Schindler in Mauchen im Markgräflerland zu den besten Deutschlands; im Gault Millau ist die Rede von "hervorragenden Rotweinen"

5 — Reutlingen: Grässlich und schön zugleich

Reutlingen

Wolfgang Bauer über seine Stadt, von der aus er als Reporter in die Krisenregionen der Welt aufbricht

Das Heimkehren. Von allen Phasen des Reisens ist das die anstrengendste. Ich halte mich an einem Griff im Regionalzug fest, damit die Wucht dieser Wiederkehr mich nicht umreißt, der abrupte Wechsel von Raserei zu fast völligem Stillstand. Das Quietschen der Neckartalbahn. Der Schaffner mit dem wilhelminischen Spitzbart, dem die Hose um die dürren Trinkerbeine flattert. Eine halbe Stunde hinter Stuttgart, eine Müllsortieranlage, ein Parkhaus: Der rote Punkt an der Zugtür schaltet auf Grün. Ich trete auf den Bahnsteig, den ich vor Wochen verließ, um nach Syrien zu reisen oder in die Ukraine, an Orte, an denen sich das Leben so schnell dreht, wie es nur kann, und stehe jetzt wieder in der Stadt, die wie immer ist. In der ich mich so beengt fühle wie unter der Plastikkuppel einer Schneekugel. Und in der ich mich so behütet fühle wie ein Baby im Mutterleib.

So viele Dinge zwischen ihr und mir sind ungeklärt. Ich würde am liebsten abbrechen. Das wäre das Vernünftigste, der Redaktion absagen. Die Kollegin aus Berlin hatte mich gebeten, schreib doch mal nicht über Kandahar oder Timbuktu, sondern über die Stadt, in der du wohnst. Auf den ersten Blick simpel, aber jetzt merke ich: Dieser Versuch gerät zu einer Art Eigentherapie. Er entwindet sich meiner Kontrolle.

Der Name. Rau wie ein Gurkenhobel der Anfang. Der Rest wird meist zügig weggenuschelt, mit einem Geräusch, das an ein Stück Seife erinnert, das versehentlich in den Abfluss rutscht. R.E.U.T.L.I.N.G.E.N. Offiziell 110.000 Einwohner, von denen nach neun Uhr abends nur drei oder vier in der Innenstadt zu sehen sind. Lautes Lachen im öffentlichen Straßenraum war hier noch in der Weimarer Republik verboten. Die Stadt hat nichts Großartiges, hier kreuzt sich schwäbischer Pietismus mit türkisch-kurdischem Arbeitsethos. Der Ausländeranteil liegt in der Altstadt, in der ich wohne, bei fast 60 Prozent. Reutlingen befindet sich geografisch im Bosch-Daimler-Gürtel, das ist ein Breitengrad vor der Vollbeschäftigung. Die Stadt duckt sich zwischen zwei Bergen, auf die die Reutlinger steigen, wenn sie ihrem Reutlingen entkommen wollen. Sie ist gegründet auf dicken Schotterdecken, dem Auswurf mehrerer Bäche aus dem Hochland hinter der Stadt. Wie ein Wall steigt dieses Gebirge hinter den Häusern auf, durch die Straßenfluchten strahlt es in die Stadt hinein, mal blau, mal rot, mal weiß. Wenn sie im Alltag dieses Leuchten trifft, halten die Menschen plötzlich inne, die Lehrerin im Klassenzimmer, der Gemüsemann am Stand. Sie öffnen staunend den Mund und sagen lächelnd: Die Alb!

Die Menschen bewegen sich hier wie in Zeitlupe, kein Staub ist auf dem Straßenpflaster, kein Unrat, und wenn doch, heften sich die Blicke aller Passanten darauf. Die Operationssäle in Sierra Leone sind nur halb so sauber wie die Fußgängerzone in Reutlingen. Die winzige Baustelle in der Seitenstraße ist nach drei Wochen immer noch da und hat sich nur um wenige Meter verschoben. In China baut man in der gleichen Zeit halbe Wolkenkratzer. Die Frisur meiner Lieblingsbuchverkäuferin bei Osiander ist seit Jahren dieselbe. Der Pudel im Pudelsalon wedelt hinter der Glastür mit dem Schwanz, wie er es immer tut, dieselben Kinder auf dem Spielplatz spielen immer noch dieselben Spiele. Ein gespenstisches Gefühl und ein wundervolles. Ein scheinbar ewig anhaltender Schwebezustand. Krisen sind immer anderswo.

Trotzdem ist Reutlingen anstrengend, voller Brüche, da ähneln wir uns, die Stadt und ich. Sie ist nicht so glatt wie das benachbarte Tübingen. Ihr Gesicht ist pockennarbig, vom Krieg zerfurcht, der Rest von zu viel Geld und Dummheit zertrümmert. Weil man in Schwaben gerne aus der Not eine Tugend macht, hat man die Hässlichkeit gleich unter Denkmalschutz gestellt. Das Rathaus etwa, das so monströs ist, dass selbst die CDU es abreißen will. Reutlingen liegt an der Abbruchkante des schwäbischen Idylls, wo das Groteske offen zutage tritt.

Es gibt Momente, da versöhne ich mich mit dieser Stadt. Da öffne ich meine Dachfenster, unter denen ich schreibe, und es strömt der betörende Duft des Krauts eines Nachbarn zu mir herein. Es braucht nur wenige Atemzüge, und sofort ist Reutlingen ausnehmend gut zu ertragen. Ich sehe die junge Frau von gegenüber, die auf ihrem wandfüllenden Monitor jeden Abend ganze Panzerarmeen zerstört. Im Stockwerk darunter die dicke alte Frau, die nachts bei offenem Fenster laute Selbstgespräche führt. Ihr Kanarienvogel fliegt häufig weg, dann schreit sie nach den Nachbarskindern. Die fangen ihr den Vogel meist wieder ein. Zum Dank streut sie dann Gummibärchen auf die Straße. Und Reutlingen hat die beste Schwarzwälder Kirschtorte. Ich liebe die junge Konditorin des Café Sommer, die mehrmals hintereinander zur Weltmeisterin der Kuchenbäcker gewählt wurde. Noch weiß sie von nichts. Ich bin zu schüchtern, es ihr zu gestehen. Der Himmel über Reutlingen ist in wolkenlosen Nächten mit Sternen besprenkelt, als seien es Sahnetupfen von ihr.

Je länger ich bleibe, in dieser Stadt, desto tiefer sinke ich ein. Reutlingen ist für mich wie ein Kissen, in das ich mich fallen lassen kann. Aber nur für eine gewisse Zeit. Dann, nach drei, vier Wochen, spüre ich die Kiele der Federn, die in diesem weichen Kissen verborgen sind, wie sie mir ins Fleisch stechen, sich tiefer, immer tiefer bohren, bis die Schmerzen zu groß werden, bis ich mich aufraffe, abermals aufbreche, ein weiteres Mal am Bahnhof stehe, wieder im Zug sitze, dem Schaffner mit dem wilhelminischen Spitzbart meine Fahrkarte zeige.

Das Erstaunliche passiert gleich hinter der Ortsgrenze. Ich beginne diese Stadt zu vermissen. Die Sache mit ihr und mir ist anstrengend. Aber so ist das wohl mit der Liebe.

6 — Hochdeutsch lernen mit Sabbertuch

Aalen

Maracujasaftschorle im Rambazamba trinken, in den Stausee springen: Katrin Bauerfeind über ihren Heimatort

ZEITmagazin: Frau Bauerfeind, man liest, der Bürgermeister Ihrer Heimatstadt Aalen sei nicht gut auf Sie zu sprechen ...

Katrin Bauerfeind: Das stimmt. Ich war vor einiger Zeit in Wieland Backes’ Talkshow Nachtcafé im SWR zu Gast und habe dort gesagt, dass ich aufgrund von zu viel Provinz nicht mehr auf dem Land wohnen könnte. Als ich danach den Bürgermeister traf, sagte er mir: Das geht nicht, dass Sie im Fernsehen so über Aalen schimpfen!

ZEITmagazin: Sie haben jetzt die einmalige Chance, es wiedergutzumachen.

Bauerfeind: Also dann: Ich wohne zwar schon seit ungefähr zwölf Jahren nicht mehr in Aalen, aber ich bin in der Tiefe meines Herzens natürlich Schwäbin. Ich habe meiner Heimat sehr viel zu verdanken.

ZEITmagazin: Was denn?

Bauerfeind: Vor allem, dass ich dort so eine behütete Kindheit gehabt habe. Ich dachte lange, dass Baden-Württemberg das ganze Land ist und Erwin Teufel, von dem alle Tanten und Omas in den liebevollsten Tönen sprachen, der Präsident. Dass es um dieses Land herum noch ein Land gibt, das Deutschland heißt, und dass es da noch einen Bundeskanzler gibt – das habe ich erst superspät erfahren. Da kann man sagen, das ist ja hinterwäldlerisch, aber auf der anderen Seite war es eben eine sorglose und unbeschwerte Kindheit.

ZEITmagazin: Stimmen die Klischees, die über die Schwaben kursieren?

Bauerfeind: Nun ja ... Neulich hat mir ein Bekannter erzählt, dass er auf eine Kommunion eingeladen war und 50 Euro geschenkt hat. Er musste aber, weil seine Frau wegwollte, schon nach dem Kaffeetrinken gehen. "Ja, pass auf, jetzt geb i dem Mädle 50 Euro und fahr um viere hoim, was hab i do ghett? Zwei Stückle Kuche, ’n Kaffee und a Mittagesse!" Er hatte das Gefühl, sein Geld fehlinvestiert zu haben, weil er die 50 Euro nicht rausgegessen hatte. Das ist mir heute schon etwas fremd.

ZEITmagazin: Wo gehen Sie auf jeden Fall hin, wenn Sie in Aalen sind?

Bauerfeind: In meine Stammcafés von früher, das Rambazamba und das Dannenmann, da trinke ich Milchkaffee oder Maracujasaftschorle. Wenn ich Zeit habe, fahre ich mit dem Rad an den Bucher Stausee.

ZEITmagazin: Ich habe gelesen, Sie gehen auch immer noch in Aalen zum Friseur.

Bauerfeind: Das habe ich lange gemacht, obwohl ich in Köln wohnte. Vier Stunden hin und vier Stunden wieder zurück. Einem Friseur bleibt man treu. Aber jetzt ist es mir zu stressig. Wo ich immer noch hingehe, wenn ich in Aalen bin: zum Triumph-Outlet. Ich habe meine komplette Unterwäsche dort gekauft. Da kommt einfach alles zusammen, was den Schwaben glücklich macht: vor der Haustür, gute Qualität und spottbillig.

ZEITmagazin: War der Umzug nach Köln dann ein Kulturschock für Sie?

Bauerfeind: Ich fand die kölsche Offenheit grandios. Einfach mal jemanden zu besuchen, ohne vorher zu überlegen: Bringen wir Blümchen mit oder Kuchen? Oder wenn jemand zu dir kommt: Haben wir das Bad geputzt, haben wir überhaupt was, was wir dem anbieten können ... Ich habe hier gelernt, fünfe gerade sein zu lassen. Wenn sich am Anfang meiner Zeit hier meine Mitbewohnerin mal eine Scheibe Brot von mir geliehen hat, dann habe ich die von ihr zurückverlangt, wenn sie sich Brot gekauft hat. Da hat die mir natürlich einen Vogel gezeigt. Aber ich habe gar nicht verstanden, warum: Du hast dir was ausgeliehen, dann gibt man das auch wieder zurück!

ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt: "Da kann ich mir noch so häufig einreden, dass ich eigentlich für New York konstruiert wurde und man mich lediglich in Aalen ausgeliefert hat. Man ist auch das, wo man lebt."

Bauerfeind: Genau. So ist es. Und das ist auch in Ordnung.

ZEITmagazin: Wo haben Sie eigentlich so gut Hochdeutsch gelernt?

Bauerfeind: Während meiner Praktika beim Radio habe ich ab und zu eine Stunde mit einer Sprecherzieherin bekommen. Eine hat mir den Tipp gegeben, mit einem Korken im Mund zu üben, das Problem der Schwaben ist ja, dass sie den Mund nicht richtig aufmachen. Ich habe mir drei Monate lang abends mit einem Korken zwischen den Vorderzähnen aus der Zeitung vorgelesen. Man sollte dabei viele Haushaltstücher bereithalten – es ist eine sabbrige Angelegenheit. Aber es hat ganz gut funktioniert.

Das Gespräch führte Anna Kemper

7 — Viele der besten Fußballtrainer kommen aus dem Ländle

Geislingen an der Steige

Warum gibt es so viele schwäbische Trainer in der Bundesliga? Eine Taktikanalyse von Heike Faller

Sobald in irgendeinem Bundesligastadion ein Trainer nach dem Spiel vor die Mikrofone tritt, um zu erklären, was passiert ist, stehen die Chancen gut, dass er dies auf Schwäbisch oder Badisch tut. 18 Trainer gibt es in der Bundesliga. Zwölf davon kommen aus Deutschland, sechs davon aus Baden-Württemberg: Jens Keller, Tayfun Korkut, Robin Dutt, Markus Gisdol aus dem Schwäbischen, Jürgen Klopp aus Nordbaden. Und als vor zwei Jahren Christian Streich beim SC Freiburg die Manege betrat, kam aus dessen Mund ein so ungeschliffenes Alemannisch, dass er sofort zum Medienliebling wurde. Hinzurechnen muss man außerdem Männer wie Ralf Rangnick, born and raised in Backnang, lange der Obertaktiker der Bundesliga. Und Jogi Löw, den Bundestrainer, mit langem u. Auch er ein Mann des Südens, ein Schwarzwälder, der die in seinem Job wichtige Fähigkeit besitzt, die Bürger noch nach der schmerzhaftesten Niederlage in seidenweichstem Badisch einzulullen.

Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung müssten bei zwölf deutschen Bundesligatrainern 1,5 aus Baden-Württemberg kommen. Aber es sind sechs. Plus Bundestrainer. Zufall? Kann sein, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Was ist es dann? Ein Nest? Eine Seilschaft? Eine Mode? Oder liegt es an der Arbeitsmoral, die den Menschen in dieser Gegend nachgesagt wird, dem Tüftlertum, dem Fleiß, die sie für den Trainerjob prädestinieren?

Tatsächlich kommen einige der Trainer aus Handwerkerhaushalten: Streich aus einer Metzgerei, Löw senior war selbstständiger Ofensetzer, Klopps Vater Feintäschner. Ist es dieser Handwerkerfleiß, der die Söhne so erfolgreich hat werden lassen? Christian Streich ist bekannt dafür, auch die steilsten Thesen ernsthaft in Erwägung zu ziehen, ehe er antwortet. Natürlich, sagt er, hätten seine Eltern in der Metzgerei in Eimeldingen nahe der Schweizer Grenze Tag und Nacht geschafft. Und natürlich habe er dort Dinge gelernt, die ihm als Trainer zugutekämen: Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen zum Beispiel oder die Erfahrung, dass es viele gut ausgeführte Arbeitsschritte braucht, damit das Ergebnis stimmt. So weit, so gut. Aber die Handwerkersöhne im Trainerberuf führt er eher darauf zurück, dass es eben viele Handwerker in Deutschland gibt und der Fußball seine Protagonisten lange aus diesem Milieu rekrutiert hat. Was ihn selbst betrifft, glaubt Streich eher, dass sein Verein ein gutes Pflaster war, um ein guter Trainer zu werden. Der SC Freiburg zählte schon immer zu den ärmeren Vereinen der Bundesliga, ein Wettbewerbsnachteil, den man nur durch besondere taktische Raffinesse wettmachen konnte sowie eine eigene Ausbildung. Und da ist der Trainer gefordert, und Streich war 16 Jahre lang Trainer in der Freiburger Fußballschule, ehe er bei den Profis einstieg.

Der Autor Christoph Biermann war einer der Ersten, die den Deutschen den Zauber von Spielsystemen nahebrachten. In seinem Bestseller Die Fußball-Matrix findet sich ein weiterer Hinweis auf den Ursprung des südwestdeutschen Trainernests. Die Geschichte, die Biermann ausgegraben hat, beginnt 1981 in Geislingen an der Steige. Der SC Geislingen, damals Fünfte Liga, wurde in jener Zeit von einem gewissen Helmut Groß trainiert, einem einheimischen Brückenbauingenieur. Das vorherrschende Spielsystem jener Tage war die Manndeckung, bei der jeder Abwehrspieler einem gegnerischen Angreifer zu folgen hatte. "Notfalls bis aufs Klo", wie die Trainer damals gerne sagten. Helmut Groß machte eine Beobachtung: Wenn der ballführende Gegner nicht bloß von seinem Manndecker angegriffen wurde, sondern der Libero dabei half, standen die Chancen, den Ball zu erobern, wesentlich höher. Wie, so fragte er sich, könnte man diese Überzahlsituation regelmäßig schaffen? Er erdachte ein System, das er "ballorientierte Raumdeckung" nannte: Dabei wird der Gegner mit dem Ball von zwei oder drei Verteidigern angegriffen, die nicht mehr stupide einem Spieler hinterherlaufen, sondern eine Zone des Spielfeldes beackern – immer mit Blick auf den Ball. Vorteil: Man spart Kraft. Und die Chance, den Ball zu erobern, erhöht sich enorm. Der SC Geislingen stieg von der fünften in die Dritte Liga auf, und Helmut Groß wurde Mitglied im württembergischen Trainerstab, einem Thinktank, der sich Ausbildungsprogramme für die Amateurtrainer des Verbands ausdachte. Dort lief ihm ein junger Spielertrainer namens Ralf Rangnick über den Weg. Groß überzeugte ihn von seinem "Sischdem", was einfach war, weil Dynamo Kiew und der AC Mailand mit einer ähnlichen Spielweise inzwischen europäische Wettbewerbe gewannen – die Idee war fast zeitgleich an mehreren Orten entstanden, sie hatte, wie viele gute Ideen, in der Luft gelegen. Als Rangnick Profitrainer wurde, beim SSV Ulm, führte er den Verein mit ballorientierter Raumdeckung von der Regionalliga bis in die Bundesliga. 1998 durfte der Mann mit der randlosen Brille seine Theoreme im Aktuellen Sportstudio darlegen und prägte so den Typus des schwäbischen Fußballtüftlers, Spitzname "Fußballprofessor". Vielleicht denken Vereinspräsidenten seither, wenn sie einen Taktikfreak als Trainer suchen, reflexhaft an Schwaben, so wie man lange an Brasilianer dachte, wenn man einen Ballzauberer brauchte.

Ralf Rangnick, 56, und Helmut Groß, 67, sind nach erfolgreichen Bundesligajahren inzwischen bei dem Fußballprojekt von Red Bull Salzburg/Leipzig gelandet; Rangnick als Sportdirektor, Groß als Assistent. Wir erreichen Groß am Telefon. Er erzählt, dass Rangnick der einzige Profitrainer geblieben sei, den er persönlich beeinflusst habe. Aber auch die meisten der sechs südwestdeutschen Bundesligatrainer seien indirekt mit seinem System in Berührung gekommen – und mit der Erkenntnis, dass man sich mit taktischen Mitteln lautere Wettbewerbsvorteile verschaffen kann: Robin Dutt, 49, heute bei Werder Bremen, war Amateur-Coach im Schwäbischen, als Rangnick und Groß beim VfB Stuttgart wirkten. "Als aufgeweckter Trainer der unteren Ligen schaut man automatisch, was man sich von den Profivereinen abschauen kann. Und von seiner Spielidee her gab es viele Parallelitäten – bis heute." Jürgen Klopp, 47, ist als Trainer von Borussia Dortmund der Prominenteste der südlichen Sechs. Anfang der nuller Jahre kämpfte er mit Mainz 05 um den Aufstieg in die Zweite Liga – direkter Gegner war damals Hannover 96 unter Rangnick. "Die beiden lieferten sich mit ihren Teams Duelle um den Aufstieg und beobachteten sich auch gegenseitig", erinnert sich Groß. Klopp habe Mainz damals auf die ballorientierte Abwehrarbeit geprägt und das System später in Dortmund perfektioniert. "Er hat das dort konsequent durchgezogen und weiterentwickelt und uns am Ende des Tages auch überholt", sagt Groß über die Zeit, als sie alle schon in der Ersten Liga gelandet waren, Klopp in Dortmund, Rangnick in Hoffenheim. In Hoffenheim traf auch Tayfun Korkut, 40, heute Coach in Hannover, auf Rangnick und Groß: Nach prägenden Jahren als Spieler in Spanien war er dort Hospitant und Jugendtrainer. Und Markus Gisdol, 45, heute Trainer in Hoffenheim, ist sogar im System aufgewachsen: Er war Jugendspieler beim SC Geislingen, als Groß dort bis in die C-Jugend hinunter Systemfußball üben ließ. Der kleine Gisdol habe den Fußballrevoluzzern aus der ersten Mannschaft damals in der Halbzeit eigenhändig isotonische Getränke angerührt, erinnert sich Groß. In jenen Jahren, vermutet er, muss in Gisdol eine Gewissheit gewachsen sein: dass man mit einer mutigen Spielidee weit kommen kann, wenn man an ihr mit Überzeugung festhält.

Und Jogi, der Weltmeistertrainer? Der sei eher in der Schweiz geprägt worden, wo er seinen Trainerschein machte. Später wurde er beim VfB Stuttgart Co-Trainer, bei einem der besten Schweizer Coaches. Auch Löw habe, glaubt Groß, von der speziellen Situation der Vereine im Südwesten profitiert: Stuttgart und Freiburg sind keine wohlhabenden Clubs. "Das Geld hat gefehlt. Und das musste man ersetzen durch Arbeit, durch besondere Ideen, durch Talententwicklung. Und davon haben eben nicht nur Vereine und Spieler profitiert. Auch die Trainer haben was für ihre Karriere getan."

8 — Thomas D feiert den Stuttgarter Sonnenaufgang

Stuttgart

"Nach einer durchgemachten Nacht den Sonnenaufgang von Stuttgarts Hügeln aus, auf dem kleinen Aussichtsturm neben der Stuttgarter Sternwarte, erleben, sie und ich, mit dem Moped hingefahren, Stuttgart und die Welt uns zu Füßen"

– Thomas D, 45, ist Mitglied der Fantastischen Vier und Träger des baden-württembergischen Landesordens

Schwäbisch Gmünd

Die Johanniskirche, das Wahrzeichen der Stadt, erinnert den Sternekoch Vincent Klink daran, was Toleranz ist

Agnes von Hohenstaufen, Tochter Kaiser Heinrichs IV. und Gemahlin des Herzogs Friedrich von Hohenstaufen, verlor bei der Jagd im Remstal ihren Ehering. In ihrer Verzweiflung gelobte sie, dass sie an dem Fundort eine Kirche bauen wolle. Sie fand den Ring im Geweih eines erlegten Hirsches und ließ an dieser Stelle die Johanniskirche errichten. Eine wirklich schöne Geschichte, die nicht stimmt, aber gerade deshalb mein uneingeschränktes Wohlwollen hat. Immer schon, als ich in der Johanniskirche zur Messe ging und noch alles glaubte, was von der Kanzel verkündet wurde, faszinierte mich dieser Ort. Unter der Herrschaft der Bauherrin blühten die Künste, Minnesang, Dichtung. Nie war Sizilien reicher als damals, als die Wurzeln bis ins Schwabenland reichten. Das Geschlecht der Hohenstaufen stand für Toleranz des Glaubens, das Reich erstreckte sich von der Ostsee bis nach Sizilien und beherbergte in Süditalien über zwei Millionen Muslime. Federico II. sprach perfekt Arabisch und Lateinisch sowieso. Er studierte die Philosophie des Orients und damit auch die des alten Griechenlands. Mit Papst und Kirchenmacht handelte er sich durch seine moderne Weltanschauung beträchtlichen Ärger ein. Die Johanniskirche, in der man sich nach Apulien versetzt wähnt – sie befriedigt meine lebenslange Sehnsucht nach Italien und gilt mir als Symbol für Kulturaustausch und -zugewinn.

9 — Industrieromantik am Rhein und Baukunst in Baden-Baden

Mannheim

"Von meinem Büro schaue ich über den Rhein. Wenn es dunkel ist und die Gebäude ringsum erleuchtet sind, herrscht Industrieromantik pur. Was ich an Baden-Württemberg so schätze: hier konzentriert zu arbeiten, aber dann mit voller Kraft die Welt zu erobern – Paris, New York, London"

– Dorothee Schumacher, 48, gründete vor 25 Jahren ihr gleichnamiges Modelabel und beschäftigt heute 140 Mitarbeiter

Singen

In der Arbeiterstadt hält sich seit 128 Jahren ein Kleidergeschäft. Wie das geht, erklärt Petra Fischer

Man muss es ehrlich sagen: In Singen gibt es nicht viel zu sehen für Besucher. Es kommen nicht viele Leute von außerhalb, nur um sich die Stadt anzuschauen. Wir haben hier wenig Laufkundschaft im Unterschied zu unseren Konstanzer Geschäften. Aber! Da muss man sich eben etwas einfallen lassen.

Wir setzen konsequent auf persönliche, ehrliche Beratung und auf Stammkundschaft. Unsere Kunden kommen nach Singen, um unser Geschäft zu besuchen. Unsere Mitarbeiter sind alle schon viele Jahre bei uns. Meistens rufen unsere Kunden an, bevor sie kommen, und machen einen Termin bei der Verkäuferin aus, die sie seit Jahren kennt und berät. Viele Kunden verbringen dann den ganzen Tag bei uns. Für die Männer gibt es eine FAZ, für die Kinder Bobbycars und für den Hund das Leckerli. Man sitzt bequem, und die Musik spielt leise im Hintergrund. Einige Kundinnen sind schon als Mädchen mit ihrer Mutter in den Laden gekommen und bringen jetzt ihre Töchter mit – unsere Kundinnen von morgen. Es ist also alles sehr traditionell und trotzdem modern bei uns. Das Kleid von Céline und von Dolce & Gabbana kostet bei uns genauso viel wie im Internet, aber der Einkauf wird bei uns zum Erlebnis und zum Familienereignis.

Baden-Baden

"Es gibt hier zwei außergewöhnliche Gebäude von Egon Eiermann: Sein Wohnhaus und eine Villa, die er für Graf Hardenberg baute. Letztere, auf dem Foto zu sehen, steht zum Verkauf. Ich hoffe, dass sich irgendwann jemand dieses Hauses annimmt und es der Öffentlichkeit zugänglich macht"

– Tomas Maier, 57, geboren und aufgewachsen in Pforzheim, ist Kreativdirektor des Modehauses Bottega Veneta

Gebäude von Egon Eiermann in Baden-Baden © Tanja Kernweiss


10 — Behäbig ankernde Häuser in Stuttgart

Stuttgart

Die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn über ihre Familiengeschichte und das Haus ihres Urgroßvaters

Jedes Haus, das mein Urgroßvater Alfred Seitz um 1900 in Stuttgart entworfen hat, gleicht einem Bilderbuch. Am vertrautesten ist mir ein Portal, über dem sich Mann und Frau die Hände reichen. Darunter steht in goldenen Lettern: Grüß Gott. Die vier Jahreszeiten behüten das Dachgeschoss: Der Frühling trägt ein Füllhorn, der Sommer Blumen, der Herbst Garbe und Sichel, während der Winter sich in einen Kapuzenmantel hüllt. Nackte Engel tragen Frucht- und Blumengirlanden: Kunstgeschichtler nennen diesen Stil Historismus. Er erzählt von der Sehnsucht nach großartigen Geschichten, von hoffnungsloser Romantik. Gotik, Renaissance und Spätmittelalter werden wild zusammengemixt – es gibt von jedem und für jeden etwas, so wie in den Imbissen in der Innenstadt, wo griechische oder bosnische Köche selbstbewusst Döner, Pasta, Curry und Sushi auf ein und derselben Karte anbieten.

Mehr als zwei Dutzend Gebäude mit der Signatur des Urgroßvaters haben den Zweiten Weltkrieg überstanden. Auch heute noch strahlen diese behäbig am Straßenrand ankernden Häuser ein enormes Selbstwertgefühl aus. In ihnen konnte das Großbürgertum all seine Ideale wiederfinden. Als Zeichen ihres wirtschaftlichen Aufstiegs errichteten sich die Untertanen des erst 1806 etablierten württembergischen Königs großstädtische Burgen. Gleichzeitig tobte im Stuttgarter Westen die Industrialisierung, Fabrik stand an Fabrik: Schokolade, Klaviere, Textilien – und natürlich Bosch. Auf dem Neckar tuckerten schon lange die ersten Motorboote und auf den Straßen Urformen des Automobils, zukünftige Goldesel der Region.

Ein pietistisches Christentum versorgte jeden, der sich auf Erden mühte, mit Trost und Kraft. Strotzend vor Stolz auf den einträglichen technischen Fortschritt und gleichzeitig bis über beide Ohren verliebt in den Rhythmus von Schillers Balladen, verwandelten die Stuttgarter ihre schlichte Fachwerkstadt in ein repräsentatives Landeszentrum. Gemauert aus roten Ziegeln, geschmückt wie Pfingstochsen, steuerten die vierstöckigen Titanics auf ihren Eisberg zu: den Ersten Weltkrieg. In den Bücherschränken standen neben Uhland, Mörike und Hauff auch die Schriften jener furchtbaren Historiker, Ärzte und Juristen, die den nächsten Krieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus vorbereiten halfen.

Mein Urgroßvater, der Architekt, baute seiner Familie 1906 ein eigenes Haus im Süden der Stadt, in der Alexanderstraße. Man lebte fast auf dem Lande, mit allem Luxus der neuen Zeit: Elektrizität, Zentralheizung, hohe, luftige Räume. Jede Wohnung besaß eine mit Terrakotta geflieste Loggia. Alfred Seitz, 1863 in Gera geboren, hatte seine eigene italienische Reise bereits hinter sich. Es gibt Zeichnungen von ihm aus dieser Zeit: römische Villen, Landschaften. Hinter dem Haus wurde ein Garten angelegt, in dem ein weißer Pavillon stand. Dort nahm man den Nachmittagstee, umgeben von Rosen und Hortensien. 1905 hatte Alfred Seitz als Zweitplatzierter für seinen Entwurf zur Neugestaltung der Liederhalle des Stuttgarter Liederkranz achthundert Goldmark erhalten. Sein Büro florierte. Zwei Töchter wurden geboren: Hildegard Maria und Gertrud Klara, meine Großmutter, das Trudele. Erst nach 1945 sollten die beiden Schwestern als erwachsene Frauen zurück in ihr Elternhaus ziehen.

Das Stuttgart meiner Kindheit bestand hingegen eigentlich nur aus Rohracker und Hedelfingen, zwei Dörfern unterhalb von Weinbergen. Nach der Schule konnten mein Bruder und ich zu Fuß in die Arztpraxis der Eltern laufen, die Ranzen loswerden, bevor wir zwischen den Rebhängen verschwanden. Seit 1937 gehörten beide Dörfer zwar offiziell zu Stuttgart, doch für uns fühlte es sich wie eine Weltreise an, hinunter "ins Städtle" zu fahren. Ins Zentrum brauchte die Straßenbahn fast eine Stunde. Auch ein Besuch beim Trudele in der Alexanderstraße war mehr Abenteuer als sonntägliche Pflicht.

In den siebziger Jahren waren die Paläste des Urgroßvaters billiger Wohnraum. Altbau war out. Hinter den staubigen Fensterscheiben entdeckten meine neugierigen Kinderaugen Trollingerflaschen mit tropfenden Kerzen, Batiktücher und Anti-AKW-Plakate. Die Fassaden waren abgasschwarz, in ihrer Verlotterung erhoben sie sich drohend vor mir, die an glatten, sauberen Beton gewöhnt war.

Auch Alfred Seitz’ steinerne Titanic war mit laufenden Maschinen ins Verderben gefahren. In der Inflation hatte der Architekt fast sein gesamtes Vermögen verloren. 1942 war er an Prostatakrebs gestorben. Es blieb das Haus, das sogar den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Hilde und Trudele bemühten sich als Vermieterinnen, ließen Freunde und Verwandte für wenig Geld einziehen. Aus dem Gärtle mit der Laube machten sie Parkplätze, weil ihre Mieter dies wünschten.

Von der geschnitzten Eingangstür grinste eine Maske herab, im Treppenhaus herrschte trübes Licht über grauem Linoleum, die Gerüche der verschiedenen Mietparteien hingen in der Luft. Manche Räume trugen merkwürdige Namen: Bügelzimmer, Mädchenkammer, Hausmeistertoilette. Meine Großmutter lebte im obersten Stock, sie lag immer auf einer blausamtenen Couch, ein vollgestopftes Bücherregal hinter sich, riesige Augen in dem auf stille Weise traurigen Gesicht. Von ihr haben wir das Balladenbuch geerbt, aus dem mein Vater mir Gedicht um Gedicht vortrug, auswendig, bei jeder längeren Autofahrt. Von ihr kommen auch Hauffs Märchen: Kalif und Großwesir werden zu Störchen, ein kleiner Junge wird zum hässlichen Zwerg. Mein Gruseln bei diesen Geschichten war nicht wohlig, ich spürte, dass es hier um mehr ging: Wer bin ich? Wer will ich sein? Märchen waren das Erste, was ich schrieb – als Kind Grimm-Imitate, als Jugendliche Hauff- und Wilde-Travestien. Bis heute sind sie mein Fundament geblieben.

In das Trottoir vor dem Haus wurden vor ein paar Jahren zwei Stolpersteine eingelassen, zum Gedenken an Dr. Fritz Erlanger und seine Mutter Frieda. Die beiden wurden 1942 in Auschwitz und Majdanek ermordet. Mein Vater hörte dadurch zum ersten Mal von diesen Mietern seines Großvaters. Plötzlich musste er an ein Bilderbuch denken, im Kohlenkeller habe es gelegen, Verse über Juden, Karikaturen dazu, es sei verschwunden gewesen, als er es sich am nächsten Tag noch einmal genauer ansehen wollte. Selbstverständlich unterzeichnete auch Alfred Seitz seine Briefe mit "Heil Hitler".

Bei der Verlegung der Stolpersteine für die Erlangers lerne ich Esther kennen, eine zum Judentum konvertierte Texanerin, die mit ihren drei pubertierenden Kindern neben mir und meinen Eltern steht. Esther heißt Rosenblatt mit Nachnamen, ihr Mann stammt aus New York. "I’ve been practising Judaism since I was 18 years old. I met my husband in the army." Mit den Rosenblatts erleben wir eine Bar-Mizwa auf dem Gelände der Patch Barracks. Wir tanzen mit jüdischen Amerikanern und schwäbischen Nachbarn zu Lady Gagas Musik in einer ehemaligen Wehrmachtskaserne.

Die Rosenblatts – hochrangige US-Militärs – kamen mit dem wiedergekehrten Schick des Viertels. Sie genießen die schönen Wohnungen, nicht anders als jenes neue Bürgertum, das Grün wählt, Fahrrad fährt, die Schulbildung seiner Kinder zum "Projekt" erklärt und sich vor vielen Dingen fürchtet: Nikotin, Fett, Statusverlust. Sie sind ihren Vorgängern vor hundert Jahren ähnlicher, als sie denken, doch zum Glück fehlt ihnen die Freude am Militarismus. Ich wohne auch hier, im Süden der Stadt, und immer mehr Nachbarn halten sich für die Vorlage meiner Romanfiguren. Deshalb können mich manche nicht leiden. Wenn ich auf der stillen Straße meine Söhne anbrülle, sehe ich schadenfrohe Gesichter.

Meine Eltern hat es ein ganzes Arbeitsleben gekostet, das urgroßväterliche Haus wieder in einen ansehnlichen Zustand zu versetzen. Lange Zeit schien es ein gigantisches Fass ohne Boden, das all ihre Kraft forderte. Als Kind habe ich es deshalb gehasst. Irgendwann ließen sie den Namen des Architekten in die Hauswand gravieren. Ihm hätte das sicher gefallen. Mich allerdings erinnert die goldene Inschrift stets an unser Familiengrab auf dem Pragfriedhof am anderen Ende der Stadt. Wer weiß, vielleicht werde auch ich dort einmal liegen. Es ist tröstend und unheimlich zugleich, das eigene Grab zu kennen. Efeu wächst darauf. Nebenan befindet sich die Bowl, ein Lieblingsplatz meiner Kinder. Das prickelnde Sausen der Boards ist zu hören, wenn die Skater die konkaven Wände hinaufzischen, das triumphierende Klacken, wenn sie wieder gelandet sind, ihre Rufe. Darüber hängt der Geruch von weed, Bier und viel zu süßem Jungsdeo. Eine herrliche Nachbarschaft für die letzte Ruhestätte.

Ebenso gut aber wäre es auf dem Friedhof in Rohracker neben den böhmisch-katholischen Eltern meiner Mutter, die keine Häuser mitzubringen hatten, nur einen Haufen Geschichten von verlorenen Dingen, einen seltsamen Dialekt und das Gefühl, am falschen Platz zu sein. Von hier kommen all die Gärten, in denen ich auf dem Papier immer weitergrabe.

Rohracker ist ein Dorf geblieben, mit einem Schwanz von Neubauten am Ortsausgang, den schwarz-weißen Bauten der Neuen Heimat. Trotzdem gibt es noch Weinberge und das, was man hier Stückle nennt: steil abfallende, von Trockenmauern gestützte Wiesen, auf denen Obstbäume stehen. In einem solchen Garten habe ich Apfelsorten und Vogelstimmen unterscheiden gelernt und nach Wanderungen jedes Unkraut nachgeschlagen: Taubnessel, Ehrenpreis, Vogelmiere. Es ist sicher gut, ein Grab zu haben, und wenn eines gut ist, sind zwei noch besser. Zwei Gräber, dazu zwei Gärten, einen wirklichen und den unter dem Parkplatz.

11 — "Aus der Distanz kann ich gut nachsichtig sein"

Freudental

Die Schauspielerin Friederike Kempter ist Schwäbin. Deshalb passe sie sehr gut nach Berlin, sagt sie

ZEITmagazin: Frau Kempter, Sie wohnen seit Jahren in Berlin, ist Ihnen die Heimat fremd geworden?

Friederike Kempter: Ich hatte ja den großen Drang, meine Heimat früh zu verlassen, aber wenn ich dort bin, merke ich, wie sehr ich mich mit ihr verbunden fühle. Auch wenn es vielleicht nervt – es fühlt sich so an, wie wenn man Eigenschaften an sich entdeckt, die man früher bei seinen Eltern doof fand, aber die Heimat, das verankert sich tief, das lässt sich nicht leugnen. Da ich weit weg wohne, kann ich aus der Distanz gut nachsichtig sein.

ZEITmagazin: Muss man Nachsicht haben mit den Schwaben?

Kempter: Ja, der Schwabe bruddelt viel. Bruddeln ist so ein typisch schwäbischer Begriff und bedeutet, dass die Menschen dort sich ständig beklagen, ohne richtig auszuflippen. Lustigerweise ist da der Schwabe dem Berliner sehr ähnlich, in dieser eher unfreundlichen Art. Auch dem Fremden gegenüber ist man in Schwaben zu Beginn eher skeptisch. Der Neig’schmeckte muss sich die Liebe des Schwaben erst erarbeiten. Das mag ich nicht.

ZEITmagazin: Und was mögen Sie an den Schwaben?

Kempter: Aus der Distanz kann ich liebevoll auf die ganzen Eigenarten schauen. Ein lustiges Völklein, das gerne und gut isst und trinkt und Sachen erfindet. Und sowenig aufgeschlossen der Schwabe am Anfang vielleicht scheint, ist er doch neugierig und tolerant. Frei nach dem Motto: Leben und leben lassen. Ich finde, das ist ein schwäbisches Prinzip.

ZEITmagazin: Wie darf man sich Ihre Achtziger-Jahre-Kindheit in Freudental bei Ludwigsburg vorstellen?

Kempter: Doppelhaushälfte, Grundschule im Dorf und nach dem Unterricht nach Hause laufen mit den Freunden. Beim Bäcker noch schnell für fünf Pfennig Süßigkeiten kaufen. Ewig trödeln, bis man zu Hause ist. Schnell Hausaufgaben machen, und dann klingelt jemand und fragt: Ist die Friedi da? Und dann ganz viel draußen herumstromern und den ganzen Tag Blödsinn machen.

ZEITmagazin: Und das haben Sie dann bis 18 gemacht?

Kempter: Nein, später, in den Neunzigern, habe ich es oft verflucht, in so einem kleinen Dorf zu wohnen, wo abends um sieben der letzte Bus fuhr. Da waren der Führerschein oder ältere Freunde, die schon Auto fuhren, die Rettung. Ich wollte ja auf Konzerte oder zu Partys oder nach Stuttgart in Clubs tanzen gehen und mit 16 nicht um Mitternacht von meinen Eltern abgeholt werden. Und dann saß ich auch zu oft mit klopfendem Herzen und Schwitzehändchen bei irgendjemandem im Auto, der eigentlich zu viel getrunken hatte oder zu müde war, um noch zu fahren, und habe gebetet, dass ich heil nach Hause komme.

ZEITmagazin: Hatten Sie da das Dorfleben hinter sich gelassen?

Kempter: Die Natur und meine Freunde waren nach wie vor toll. Wenn jemand ein Stückle hatte, ein Grundstück außerhalb des Dorfs, mit Obstbäumen, dann haben wir im Sommer da oft wilde Feste gefeiert. Mit Am-Lagerfeuer-Sitzen, bis die Sonne aufgeht. Und dann sind wir morgens verkatert und übermüdet nach Hause ins Bett geschlichen. Oder wir sind nachts heimlich im Freibad über den Zaun geklettert, haben die Planen von den Becken gezogen und dann gebadet.

ZEITmagazin: Ihre Schwester ist in der Heimat geblieben, bis heute. Können Sie das nachempfinden?

Kempter: Ich musste weg. Aber ich versteh auch die Menschen, die nicht wegmüssen. Die da bleiben wollen, wo ihre Wurzeln sind. Die daraus Kraft schöpfen, weil sie sich verbunden fühlen. Verbunden mit der Sprache, mit der Landschaft, mit der Art, zu denken und zu leben.

ZEITmagazin: Spielt Landschaft für Sie eine Rolle?

Kempter: Eine sehr große. Wenn ich auf dem Weg zu meinen Eltern bin und der ICE von Mannheim in Richtung Stuttgart fährt, da beginnt mein Heimatgefühl. Die Landschaft ist vielleicht nicht spektakulär, aber ich fühl mich in ihr zu Hause. Das leicht Hügelige, die Wälder, die Felder, die kleinen Dörfer. Ich sehe das und fühl mich sofort daheim. Wenn ich mit meinem Vater rund um mein Heimatdorf spazieren gehe, sagt er ganz oft: "Es ist so schön bei uns." Und ich sage: "Ja! Stimmt!"

ZEITmagazin: Gibt es einen Ort, der Ihnen besonders wichtig ist, an den Sie besonders gern zurückkehren?

Kempter: In Maulbronn gibt es das Naturfreibad Tiefer See. Den See haben die Zisterziensermönche damals angelegt. Jetzt ist das ein Freibad. Freibäder sind ja sowieso Kindheitserinnerungsorte. Die Mischung da ist richtig gut. Alles ist liebevoll angelegt und so schwäbisch sauber. Pommes essen und schlechten Kaffee trinken und auf einer Decke liegend lesen und den Badenden zusehen. Das ist mein konserviertes Sommerferienheimatgefühl.

ZEITmagazin: Wie schwäbisch sind Sie heute noch?

Kempter: Keine Ahnung. Ich mag Linsen mit Spätzle und Saitenwürschtle. Und den VfB Stuttgart, obwohl die Liebe da gerade zu erkalten droht. Ich spreche keinen Dialekt mehr, außer mit meiner Familie. Aber ich sag immer noch Röhrle, wenn ich Strohhalm meine. Ich bin nicht besonders sparsam, und in dem Haus, in dem ich wohne, macht der Hausmeister die Kehrwoche. Und trotzdem fühl ich mich meinen schwäbischen Freunden in Berlin auf eine andere Art verbunden, auch wenn die Herkunft kein besonders großes Thema für uns ist.

ZEITmagazin: Würden Sie gern mal einen Film auf Schwäbisch drehen?

Kempter: Ja. Im eigenen Dialekt spielen ist gut. Anders, aber gut.

ZEITmagazin: Was wäre das für ein Film?

Kempter: Am besten wäre ein großes Drama mit viel Erotik. (lacht) Erotik auf Schwäbisch geht ja für den großen Rest der Republik gar nicht, da könnte man Pionierarbeit leisten.

Das Gespräch führte Hannes Vollmuth