Die großen Fragen der Liebe: Warum kann er sich nicht mehr verlieben?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 40/2014

Die Frage: Markus ist 27, er lebt in einer Wohngemeinschaft mit fünf anderen Männern in Konstanz. Manchmal fühlt er sich wie in einer Endlosschleife. Er hat bisher zwei "große" Lieben hinter sich, die erste dauerte ein Jahr; damals war er zwanzig. Die zweite, mit 24, dauerte ein halbes Jahr. Seither wurden die Beziehungen immer kürzer. Meist sind sie nach ein bis zwei Monaten wieder vorbei, und fast immer ist Markus auf der Suche. Er erlebt die Clubs und Bars wie Supermärkte, in denen die Besucher nach dem besten Produkt im Regal greifen, es aber bald wieder enttäuscht weglegen und weitersuchen. In seiner Wohngemeinschaft wird viel darüber diskutiert. Keiner dort lebt in einer festen Beziehung. Markus ist oft sehr unzufrieden, sieht aber keinen Ausweg.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wenn der soziale Druck schwindet, mit 25 Jahren verheiratet zu sein, vermehrt sich die Zahl derer, die mit 45 noch immer nach einer besseren Partie suchen. Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto höher die Ansprüche und desto schwieriger die Entscheidung. Der einsame Segler findet eine Insel, sie ist schön, aber nicht schön genug. Er segelt weiter. Die nächste Insel ist längst nicht so schön wie die erste – er ankert nicht, das wäre ja ein Rückschritt. Es ist schmerzlich, Verzicht zu lernen. Um in der Realität weiterzukommen und Entwicklungschancen wahrzunehmen, müssen wir die Illusion aufgeben, hinter dem Horizont werde es besser. Für viele ist es keine Freude mehr, erwachsen zu werden. Sie tun es nur, weil es noch unangenehmer ist, als Dauerjugendlicher alt zu werden.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau" ist bei Orell Füssli erschienen.

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