Lampedusa: Gestrandet in Hessen

© Armin Smailovic
Vor einem Jahr starben vor Lampedusa 387 Flüchtlinge. Fitsum entging dem Tod. Jetzt versucht er, ein neues Leben zu beginnen. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2014

Manchmal schreckt Fitsum nachts aus dem Schlaf. Der Boden ist im Traum unter ihm weggesackt, und er ist ins Wasser gefallen unter Menschenleiber, die um ihr Leben kämpfen. Er reibt sich dann die Augen und stellt beruhigt fest, dass er nicht im Meer treibt, sondern in einem Bett liegt, über dessen Bezüge rosa Schäfchen hüpfen. Das kleine Zimmer, das er sich mit zwei anderen Männern teilt, ist cremefarben gestrichen. Es gibt darin auch einen winzigen Flachbildfernseher und einen Elektroherd.

Wenn er ans Fenster tritt, sieht er einen Hügel voller Bäume und Häuser mit roten Dächern. Sie sind großzügig in dem Grün verstreut, dazwischen liegen Straßen von gleichförmigem Grau. Vor dem Haus, in dem er wohnt, steht ein Schild, auf das "Aparthotel Horizont" geschrieben ist. Fitsum hat Entbehrungen auf sich genommen, die sich die meisten Europäer nicht mal vorstellen können, nur um hier zu sein: in Deutschland. Sein Deutschland, das ist jetzt Gersfeld, ein kleiner Ort in der Rhön. Seit Dezember 2013 wartet Fitsum darauf, dass über seinen Antrag auf Asyl entschieden wird, und er fragt sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat.

Er ist ein schmaler Mann, fast noch ein Junge, 21 Jahre alt, aus Eritrea. Seine Haare sind zu kurzen Zöpfen gedreht, die wippen, wenn er lacht, und er lacht viel. Vielleicht hilft ihm das, die Erinnerungen von sich wegzuhalten und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. "Ich will Ingenieur werden", sagt er. Niemand hat ihm bisher die Frage beantworten können, ob das gehen wird. Es wäre das Größte für ihn, wenn er so leben könnte wie die Leute auf den Straßen vor dem Fenster. Sie fahren bunte Autos, und sie haben so viel Zeit, dass viele von ihnen nach Gersfeld kommen, um etwas für Fitsum völlig Verrücktes zu tun: Sie gehen wandern.

Es ist ein Sommertag 2014, an dem Fitsum von seiner Reise nach Europa erzählt, er hat die Arme schwer auf den einzigen Tisch im Zimmer gestützt. Seine Mitbewohner, Eritreer wie er, haben Handys und Kopfhörer genommen und sind leise hinausgegangen.

Es ist nicht leicht gewesen, Fitsum zu finden. Der "Nationalrat für Demokratischen Wandel in Eritrea" in Frankfurt am Main hat bei der Suche geholfen: Die Deutschen sollen erfahren, was in Eritrea vor sich geht. Ein Dolmetscher übersetzt Fitsums Tigrinisch, eine der eritreischen Sprachen. Fitsum ist einer jener Tausenden von Flüchtlingen, mit denen Europa gerade überfordert ist. Er ist einer, der das Gewissen des Kontinents herausfordert, weil er die Erinnerung an so viele Tote in sich trägt.

Er hat das Drama miterlebt, das den Kontinent wachgerüttelt und die Asylpolitik verändert hat: Am 3. Oktober 2013 sank vor der Mittelmeerinsel Lampedusa ein Boot mit mehr als 500 Flüchtlingen an Bord, sie hatten versucht, die italienische Küste zu erreichen – einer von ihnen war Fitsum. Mindestens 387 Menschen starben in jener Nacht. So viele Leichen fand man hinterher. Viele Eritreer waren darunter, die wie Fitsum vor der Diktatur in ihrem Land geflohen waren, und Somalier und Syrer, in deren Heimat Krieg ist.

Die Geschichte, die Fitsum zu erzählen hat, erklärt, warum Europas Politik für all die Opfer mitverantwortlich ist. Es stellt sich die Frage, ob Europa nicht zu lange nach den falschen Lösungen gesucht hat.

Seinen Eltern sagt Fitsum nichts, als er sie verlässt, möglicherweise für immer. Es ist der 11. Juni 2013, mitten in der Nacht. Ein Freund begleitet ihn. Er nimmt nichts mit außer einer Flasche Wasser, Geld hat er keines. Die Soldaten an der Grenze schießen auf Flüchtlinge, das weiß er, denn Freunde von ihm wurden angeschossen. Die Ausreise aus Eritrea ist streng verboten, das Land behandelt seine Bewohner wie einst die DDR.

Alle Macht hat der Präsident Isayas Afewerki, ein ehemaliger Freiheitskämpfer. Er hat sein Versprechen gebrochen, nach 30-jährigem Bürgerkrieg die Demokratie einzuführen. Die Letzten, die es vor einigen Jahren wagten, offen Kritik zu üben, waren Mitglieder der Regierungspartei, sie wurden verhaftet und verschwanden. Obwohl das Land seit 1993 von Äthiopien unabhängig ist und die letzten Schlachten gegen den alten Feind im Jahr 2000 geschlagen wurden, wähnt es sich noch immer im Krieg. Ein großer Teil der Wirtschaft ist in der Hand des Militärs. Frauen und Männer müssen Wehrdienst leisten, für viele endet er nie. Fitsums Vater, der in den achtziger Jahren im Bürgerkrieg kämpfte, ist immer noch Soldat.

Als Fitsum die elfte Klasse beendet, verlässt er sein Dorf und verbringt die zwölfte Klasse in Sawa, einer Stadt an der Grenze zum Sudan. Dort absolvieren alle Schüler die militärische Grundausbildung. Fitsum lernt marschieren und schießen. Er sagt, er habe zwar schon in seinem Dorf begriffen, wie korrupt und unfrei das Leben in Eritrea sei. Man könne jederzeit verhaftet werden, ohne Grund. "Aber erst in Sawa ist mir klar geworden, dass ich in Eritrea keine Zukunft habe, weil man in diesem Land keine eigenen Ziele verfolgen kann."

Sawa, das ist ein Ort der Unterdrückung, an dem Fitsum lernt, dass man in Eritrea alle Wünsche denen des Staats unterordnen muss. Die meisten Mitschüler kommen aus Dörfern wie jenem, in dem Fitsums Familie lebt. Es liegt im Süden Eritreas, in der Nähe der Grenze zu Äthiopien. Es gibt keinen Strom. Um Wasser zu holen, muss man eineinhalb Stunden laufen. Auf dem Markt gibt es praktisch nichts zu kaufen. Nur damit man sich das vorstellen könne, sagt Fitsum: "Keinen Joghurt, keinen Multivitaminsaft" – diese Wunderdinge hat er in Gersfeld zum ersten Mal gesehen. Sein Vater bekommt 500 Nakfa Sold im Monat, etwa 25 Euro. Die Familie isst, was der Garten hergibt, sie besitzt auch ein paar Ziegen.

Soldaten mit einem der Toten von Lampedusa. Die Katastrophe hat die Asylpolitik verändert. © Tullio M. Puglia/Getty Images

Einmal im Jahr findet in Sawa ein Musikfestival statt, und Eritreer aus dem Ausland kommen zu Besuch. Fitsum kann es kaum glauben, wie schön gekleidet sie sind. Sie wirken auf ihn glücklich und wohlhabend, "so reich wie Gott". Es muss ein anderes, besseres Leben geben, irgendwo jenseits der Grenzen.

Im Frühjahr 2013 schließt Fitsum Schule und Grundausbildung ab, und man teilt ihm mit, dass er nicht Soldat, sondern Lehrer werden soll. Das ist ein Glück, aber Fitsum sieht das anders. Er weiß doch gar nichts. Was soll er unterrichten? Er wird in eine Dorfschule geschickt, wo er ein paar Monate lang als Lehrer arbeitet, aber sein Plan steht fest.

An jenem Junitag gehen er und sein Freund zu Fuß zur Grenze, sie brauchen vier Stunden. Sie begegnen keinem Grenzposten, doch auf der äthiopischen Seite laufen sie der Polizei in die Arme. Die bringt sie in ein Flüchtlingslager in der Nähe der Stadt Shire. Sie sollen dort bleiben. Den Freund hat bereits der Mut verlassen, doch Fitsum flieht. Er schlägt sich allein in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba durch, dort kennt er Leute. Von Addis Abeba will er weiter in den Sudan reisen und dann nach Norden, durch die Sahara bis nach Libyen. Mehr als 3.000 Kilometer sind es bis zum Mittelmeer. Er wird die Hilfe von Schleppern brauchen, die die Fahrt in Minibussen und auf Lastwagen organisieren. Tausende von Dollar werden sie dafür verlangen, das ist ihm klar. Im Norden Afrikas ist ein ganzer Wirtschaftszweig damit beschäftigt, Menschen über Grenzen zu bringen. Woher hat Fitsum das Geld genommen? Man muss einige Male nachfragen, bis er damit herausrückt. "Von Addis Abeba aus habe ich meinen Bruder in Israel angerufen."

Sein Bruder ist bereits 2008 aus Eritrea geflohen. Seitdem habe er nichts mehr von ihm gehört, behauptet Fitsum. Erst in Addis Abeba habe er seine Telefonnummer herausgefunden. "Wie hast du es bis nach Israel geschafft?", will er von ihm wissen, aber der Bruder will nicht darüber reden. "Mach’s nicht!", sagt er nur. "Das überlebst du nicht." Vor allem die Route über den Sinai nach Israel sei gefährlich. Beduinenclans kidnappen dort Flüchtlinge, sie foltern und verstümmeln sie, um von den Familien Lösegeld zu erpressen. Die Hilfsorganisation Human Rights Watch hat diese Gräuel vor Kurzem ausführlich dokumentiert.

Was der Bruder über sein Leben in Israel erzählt, macht Fitsum wenig Hoffnung. Er lebt von einfachen Arbeiten, zwölf Stunden am Tag schuftet er für miserable Bezahlung. Er verspricht trotzdem, etwas Geld zu schicken, damit Fitsum wenigstens in Addis Abeba bleiben kann. Für eine Überweisung braucht man in Nordafrika keine Bank: Die Exil-Eritreer bilden ein Netzwerk. Gegen eine kleine Provision nimmt einer das Geld entgegen; dann ruft er einen Kontaktmann in dem anderen Land an. Irgendwann meldet dieser sich auf dem Handy des Empfängers und bringt das Geld vorbei.

Mit den 200 Dollar, die der Bruder schickt, beginnt Fitsum seine Reise, sie führt in den Sudan, nach Khartoum. Bei ihm sind jetzt 25 junge Eritreer, fast nur Männer, einige erst 14 Jahre alt. In Khartoum ruft er wieder den Bruder an und erpresst ihn: "Entweder gibst du mir noch mal Dollar, oder ich gehe so." Für Fitsum gibt es nun keinen Weg zurück. Wenn die sudanesische Polizei ihn erwischt, bringt sie ihn in eines der Flüchtlingslager an der sudanesisch-eritreischen Grenze, Orte, wo man bestohlen wird und drangsaliert – oder sie schickt ihn gleich zurück nach Eritrea, wo ihm Gefängnis droht.

Gab es einen Moment der Verzweiflung?

"An der libyschen Grenze schlugen die Schlepper uns mit Schläuchen. Einfach so, nur um ihre Macht zu zeigen." Fitsum klingt immer noch wütend. Er musste begreifen, dass er sich der Willkür skrupelloser Menschen völlig ausgeliefert hatte. "Du bezahlst viel Geld, aber eine Garantie dafür, dass du heil ankommst, ist das nicht."

Auf der Pritsche eines Lastwagens kauert er nun mit vielen anderen unter einem Eisengitter, auf das die Schlepper Wasserkanister gepackt haben, zur Tarnung. Nach ein paar Stunden ist die Fahrt bereits vorbei: Mitten in der Wüste haben 50 Bewaffnete den Schleppern aufgelauert. Seit der libysche Staat immer mehr zerfällt, ist das Land unter der Kontrolle von Stämmen. Die Bewaffneten schlagen einen der Schlepper zusammen, den anderen jagen sie fort. "Seid ihr Muslime oder Christen?", fragt einer auf Englisch. Ein paar Muslime melden sich, die Bewaffneten trennen sie von den Übrigen. Den Christen drohen sie: "Ihr seid keine guten Menschen. Wir bringen euch nur nach Tripolis, wenn ihr zum Islam konvertiert." Fitsum weigert sich. "Ich bin koptisch-orthodoxer Christ, ich kann gar nicht konvertieren!" Er hat jetzt Angst um sein Leben. Doch dann lassen die Entführer die Christen gehen: Jemand habe für sie bezahlt.

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

@DerFreudigeGötterfunken

@DerFreudigeGötterfunken
Sie sollten den Artikel noch mal lesen.
Schämen Sie sich.

Sie erdreisten sich ernsthaft den MENSCHEN zu diskreditieren als unfähig zum Ingenieur? Selbst wenn das nix wird, ist das sein Traum und das sollte man respektieren.

Dem Jungen droht Haft, er ist in seinem Land eingesperrt, er hat keine freie Berufswahl, er lebt in einer Diktatur verdammt noch mal und Sie reden von Wirtschaftsflüchtling? Dann waren DDR-Flüchtlinge auch Wirtschaftsflüchtlinge.

Ihre Forderung der Abschiebung lässt rethorisch Blut an ihren Händen kleben. Wenn man jemanden wegschieben sollte, dann eher Sie. Denn Sie stehen nicht auf dem Boden des Grundgesetzes und haben nichts als Haß übrig. Das Sie null Empathie besitzen zeigt das es ihnen in ihrem Leben immer viel zu gut gegangen ist. Sie sind nicht qualifiziert derart über Menschen zu richten und zu fordern diese Gewalt auszusetzen aus ihrem Wohlstandsnest heraus.

Wenn Sie sich nicht schämen, ich schäme mich für Sie.

teenriot
#4  —  17. Oktober 2014, 16:09 Uhr

Ein wirklich exzellenter Artikel, danke dafür. Man kann anhand des Einzelschicksals ein stückweit nachvollziehen was für ein Martyrium Flüchtlinge auf sich nehmen.

Das übliche "Wirtschaftsflüchtling", "die Kosten Geld", "bähh, andere Kultur" zerschellt an dem Artikel und legt den zugrunde liegenden menschenverachtenden Egoismus, Rassismus und die Verrohtheit offen die man mit Worten zu verschleiern versucht.

Nur fürchte ich das die Xenophoben diesen Artikel nicht lesen werden und weiter rhetorisch Menschen in den Tod schicken und ihnen ihr Einzelschicksal und ihre nachvollziehbaren Fluchtgründe durch stumpfe Ignoranz verwähren.