Gesellschaftskritik: Über Tiervergleiche

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 41/2014

Die Queen schnurrt also. Hat der britische Premierminister gesagt. Nach einer Pressekonferenz mit Michael Bloomberg, dem ehemaligen Bürgermeister von New York, hatte David Cameron nicht bemerkt, dass irgendwo noch eine Kamera mitlief, und nun ist das mit dem Schnurren in der Welt.

Die Queen habe "gar nicht mehr aufgehört zu schnurren", als er ihr das Ergebnis des Schottland-Referendums mitteilte, erzählte Cameron. Die Schotten hatten gerade mit über 55 Prozent gegen die Unabhängigkeit von Großbritannien gestimmt.

Nun tut es Cameron sehr leid, dass ihm diese Worte herausgerutscht sind, wie er mittlerweile kundgetan hat. Der Guardian berichtete, dass er sich bei Elizabeth bereits für seine Indiskretion entschuldigt habe. Es sei ein persönliches Gespräch gewesen, aber eines, das er nicht hätte führen sollen und nicht wieder führen werde.

Das liegt nahe, denn der Premierminister darf nichts über seine Gespräche mit der Queen ausplaudern. Andererseits: Hätte die ganze Chose auch so viel Aufsehen erregt, wenn er gesagt hätte: Die Königin hat sich sehr über die Entscheidung der Schotten gefreut? Wahrscheinlich schon, denn die Queen äußert sich grundsätzlich nicht zu innenpolitischen Fragen. Aber so ein richtiger Medienhype entstand vor allem durch das kleine Wort "schnurren".

Eigentlich ein sympathisches Wort, man denkt an das weiche Fell einer Katze, über das man streicht und so derselben diese ungemein beruhigenden Töne entlockt, die kein anderes Lebewesen hervorbringen kann. Verglichen mit anderen Tierlauten wie Bellen, Grunzen, Quaken, Gackern, Blöken oder Wiehern ein wirklich freundliches Wort. Fast schon einschmeichelnd. Seltsam ist nur, dass es so gar nicht zu Elizabeth II passt. Sie wirkt eigentlich nie wie ein anschmiegsames Kätzchen, das sich gerne hinter den Ohren kraulen lässt.

Schwingt in Camerons Formulierung vielleicht mit, dass gerade die Queen und er ein bisschen sind wie Hund und Katze? Dass er wahnsinnig erleichtert ist, wenn sie ihm einmal nicht die Augen auskratzt, sondern eben schnurrt? Verniedlicht er, was er eigentlich fürchtet?

© ZEITmagazin

Wir wissen es nicht. Nur eines ist sicher. Der Schriftsteller Frank Wedekind hat es vor über hundert Jahren in einem Gedicht so umschrieben:

"Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein Jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung".

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

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"Purring Queen" - Yes, Prime

"Purring Queen" - Yes, Prime Minister, you got it. Komisch nur, daß alle immer an die Katze denken, deren Catical Correctness gegenüber (gnädig geduldeten) menschlichen Mitbewohnern darin besteht, sich Leckereien und Streicheleinheiten zu "erschnorren" (oh, sprachverwandt, aber nicht identisch). Sollte Cameron das gemeint haben ... dann stecke man ihn mit einer Katze in den Sack. Aber nein, das semantische Tertium comparationis ist doch noch gar nicht ausgeschöpft! Bekanntlich heißen solche Schnurrwesen) bei David's "purring machine" - als liefe der Lautautomatismus wie am Schnürchen (Wort nicht verwandt). Wer der alten Liz ins Gesicht schaut, erkennt darin vielmehr - jaa, ein altes Auto, wie etwa den "Woody"-Morris Minor Traveller - und erinnert sich sofort, daß die Queen einen ordentlichen Beruf gelernt hat (falls die Windsors doch mit ihrer Hände Arbeit ...). Sie war diplomierte Automechanikerin - so! Und ich muß an eine adäquate Song-Strophe der Beatles denken:
"In Penny Lane, there is a fireman with an hour glass,
and in his pocket is a portrait of the Queen.
He likes to keep his fire engine clean - it's a clean machine".
Man könnte sie glatt "Liz" nennen (geht aber nicht, Tin Lizzy ist von den ungehobelten Vettern jenseits des großen Teichs). Cameron mag gewiß ein schlechter Feuerwehrmann sein (er zündelt mehr, als er löschen kann) - aber die Queen als "Penny Lane" ... doch, das hätte was, in my ears and in my eyes.