Das war meine Rettung "Er hat mich richtig zur Brust genommen"

Hans-Dietrich Genscher war als 19-Jähriger nahezu unheilbar erkrankt. Da gab ihm ein Arzt einen Rat fürs Leben. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 42/2014

ZEITmagazin: Herr Genscher, Sie gelten als exzellenter Taktiker, Gesprächspartner loben Ihre List. Sind Sie jemals damit gescheitert?

Hans-Dietrich Genscher: Stratege wäre mir lieber, ich habe es ja nicht darauf angelegt, jemanden zu überlisten. Es macht das Leben einfacher, allen das Gleiche zu sagen und keine Gefälligkeitsbemerkungen zu machen. Sie müssen Ihr Gegenüber einschätzen und verstehen. Es geht darum, sich in die Schuhe des anderen zu stellen, ihn zu gewinnen, aber nicht zu besiegen.

ZEITmagazin: Zum Kriegsende 1945 waren Sie erst 18 Jahre alt und kamen als Soldat in amerikanische Gefangenschaft. Welche Narben hat der Krieg bei Ihnen hinterlassen?

Genscher: Von einem Erlebnis habe ich später immer wieder geträumt. Ich war nachts auf einem Bauernhof, hatte eine Maschinenpistole in der Hand, als sich die schwere Eichentür öffnete und auf einmal ein junger Russe mit Maschinenpistole ins Mondlicht trat. Wahrscheinlich habe ich damals genauso mit vor Angst aufgerissenen Augen geguckt wie er, aber wir haben beide das Richtige getan, nämlich nichts. Ich möchte meinen Iwan, so nannten wir die russischen Soldaten, noch einmal treffen in diesem Leben, um zu erfahren, was aus ihm geworden ist. Wir sind später mit hunderttausend Mann über die Trümmer einer Eisenbahnbrücke bei Tangermünde zu den Amerikanern gelaufen, während hinter uns die Rote Armee schoss. Das ist kein schönes Gefühl, mit erhobenen Händen über einen schmalen Steg zu klettern.

ZEITmagazin: Der Krieg ist verloren, aber man lebt. Beginnt eine neue Zeit?

Genscher: Da ist eine unendliche Dankbarkeit, zuerst habe ich an meine Mutter gedacht. Mein Vater war früh gestorben, ich war neun, seitdem fühlte ich mich für sie mitverantwortlich. Ich wollte sie nie enttäuschen und habe mich schon in der Schule dafür geschämt, wenn der Lehrer ins Klassenbuch schrieb: "Genscher stört". Wir beide waren eine kleine Familie. Sie hat bis zuletzt bei uns gelebt und ist 87 Jahre alt geworden. Als ich aus dem Krieg zurückkam, hat mir aber mein Vater so gefehlt, dass er emotional für mich eigentlich ein zweites Mal gestorben ist. Oft habe ich meine Mutter gefragt: Was hätte denn der Vati jetzt gemacht?

ZEITmagazin: Nach dem Abitur haben Sie ein Jurastudium begonnen und abgeschlossen, obwohl Sie an der damals kaum heilbaren Tuberkulose erkrankten. Woher haben Sie die Kraft genommen?

Genscher: Ende 1946 wurden mir im Krankenhaus aus dem Raum zwischen Lunge und Rippenfell eineinhalb Liter Wasser rausgezogen. Der Chefarzt hat mir gesagt, er könne nicht viel tun, vier meiner fünf Lungenlappen seien krank. Ich müsse Liegekuren machen und mich versorgen lassen. Es gebe aber Patienten wie im Zauberberg von Thomas Mann, die sich in diese Krankheit geradezu verliebten und lebensuntüchtig würden. Dann hat er mich richtig zur Brust genommen: Ich müsse den Kampf aufnehmen, um die Krankheit zu besiegen. Ich dürfe keine Rücksicht auf mich nehmen und solle unter den Besten sein, die das Examen machten. Ich sei nicht ansteckend, könne also ruhig auch bei den Weibern vorn sein. Das fand meine Mutter unerhört, aber sonst bewunderte sie ihn. Also, dieser Chefarzt hat mich richtig aufgebaut und mir weit über die Krankheit hinaus geholfen. Das war ein fantastischer Mann. Ich weiß gar nicht, ob er medizinisch eine so große Kanone war, aber psychologisch war er das auf jeden Fall. Er hat mir einen Leitfaden fürs Leben gegeben, ich habe mich immer wieder daran erinnert.

ZEITmagazin: Waren Sie bald geheilt?

Genscher: Nein, meine Tuberkulose ist wieder aufgebrochen, Mitte der fünfziger Jahre, da wohnten wir in Bremen. Ich weiß noch genau: Meine Mutter hatte eine Reissuppe gemacht, ich verschluckte mich, musste husten und hatte plötzlich einen Blutsturz. Drei Jahre bin ich insgesamt in Lungenheilstätten und in Krankenhäusern gewesen. Von den sechs Semestern Jura, die ich studiert habe, war ich nur dreieinhalb Semester in der Universität.

ZEITmagazin: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was waren die Höhen und Tiefen?

Genscher: Der Tiefpunkt war ganz sicher München 1972, als die Geiselbefreiung der israelischen Olympiamannschaft nicht gelang. Prag 1989 war der glücklichste Augenblick, als ich die Ausreiseerlaubnis in der deutschen Botschaft verkünden konnte, und ein Jahr später in Moskau war der wichtigste Moment, weil durch die Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags der Weg zur Wiedervereinigung möglich war. Wenn der Akteur Genscher einmal die Augen schließt, wird so viel da sein, da kann unendlich viel geschrieben werden.

Das Gespräch führte die Fotografin Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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