Truman Capote: "Er musste mutig sein, um zu überleben"

Truman Capote besaß eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Was war sein Geheimnis? Ein Gespräch mit Gerald Clarke, einem seiner engsten Freunde. Interview:
ZEITmagazin Nr. 42/2014

Es sind die letzten Sommertage auf Long Island. Gerald Clarke sitzt im Restaurant Bobby Van’s an der kleinen Hauptstraße in Bridgehampton. Hinter ihm holzvertäfelte Wände mit großen Spiegeln, die Tische sind mit weißen Tischtüchern gedeckt.

Gerald Clarke: Truman und ich haben uns hier sehr oft zum Mittagessen getroffen. Es sah hier damals allerdings noch etwas anders aus. Die Türen zur Straße waren nicht offen, und es war ruhiger. Truman kannte jeden Kellner – well, ich kannte sie natürlich auch alle.

Kellner: Möchten Sie bestellen?

Gerald Clarke: Einen Salade Niçoise, bitte. Und ich hätte gerne ein Bier.

Kellner: Wir haben Amstel, Heineken, Monkey Fist IPA ...

Gerald Clarke: Monkey Fist IPA? Das nehme ich!

ZEITmagazin: Was hätte Truman Capote jetzt bestellt?

Gerald Clarke: Screwdriver, also Wodka und Orangensaft, und Eggs Benedict – Toast mit Speck, pochierten Eiern und Sauce hollandaise. Mit Truman Lunch oder Dinner zu essen machte mehr Spaß als alles, was man sich sonst vorstellen kann. Wenn er nicht zu betrunken war. Er erzählte Geschichten und Witze, und er hatte diese unglaubliche Gabe, Intimität herzustellen. Er konnte zuhören und sich in dich hineinfühlen. Er wurde umgehend dein bester Freund – wenn er dich mochte.

ZEITmagazin: Wann haben Sie Capote das erste Mal getroffen?

Clarke: Das war in den späten sechziger Jahren auf einer Party. Die Party gab der Mitbegründer der Paris Review, George Plimpton, in seinem Apartment direkt am East River. Es war kein schickes Apartment, aber es war sehr groß. Und alle waren da, Hollywood-Stars, berühmte Schriftsteller, Medienleute. Dann kam Truman, und es war, als ob sich das Rote Meer teilen würde. Er hatte diese hohe kindliche Stimme, aber man vergaß sie in der Sekunde, in der man ihm begegnete.

ZEITmagazin: Und danach haben Sie sein Leben bis zu seinem Tod 1984 mehr oder weniger mitgelebt und dokumentiert.

Clarke: Ja. Zuerst habe ich ein Porträt und dann eine Biografie über ihn geschrieben. Dass die erst nach seinem Tod fertig werden würde, hatte ich damals nicht geplant. Aber es passierten ständig diese unglaublichen Sachen in Trumans Leben, sodass ich es nie wagte, die Arbeit abzuschließen. Truman hatte praktischerweise ein Haus hier auf Long Island, in Sagaponack, nicht weit von mir entfernt. Wir trafen uns hier bei Bobby’s zum Essen, fuhren dann zu mir, oder wir haben einfach nur in seinem Wohnzimmer gesessen. Es hatte diesen wunderbaren blauen Holzfußboden. Wir können ja mal hinfahren.

Clarke trinkt sein Bier aus, bezahlt, und wir gehen zu seinem Mercedes. Er fährt durch Bridgehampton, vorbei an hohen Hecken, einem alten Friedhof und Feldern, auf denen früher Kartoffeln angebaut wurden. Der Himmel ist blau und wolkenlos. Bis auf ein paar Arbeiter in den Gärten ist keine Menschenseele zu sehen. Der Mercedes fährt über eine kleine Brücke, darunter Schilf und blaues Meer, bis zu einem von krummen Kiefern gesäumten, dicht bewachsenen Weg, an dessen Ende ein Jaguar zu sehen ist.

Clarke: Truman mochte es, dass das Haus so versteckt liegt. Als es noch ihm gehörte, war es ein einfaches zweistöckiges Holzhaus mit flachem Dach und einer großen Fensterfront über beide Etagen mit Blick auf die Dünen. Es gab eine blaue Metallwendeltreppe und Bücherregale bis unter die Decke.

ZEITmagazin: Kam er hierher, um zu schreiben?

Clarke: Ja, hier war es viel ruhiger als in Manhattan. Als ich Truman kennenlernte, war er auf dem Zenit seines Erfolges. Er kannte jeden, er war mit Hemingway befreundet und mit den Kennedys. Er war Stammgast im Studio 54, und wenn er durch Manhattan lief, winkten sogar Lkw-Fahrer aus den Fahrerhäuschen und riefen: "Hey, Truman, wie geht’s, Kumpel?" Die hatten natürlich nicht seine Bücher gelesen, die kannten ihn aus dem Fernsehen! Aus den Late-Night-Shows, in denen er oft zu Gast war.

ZEITmagazin: Capote war also der Popstar seiner Zeit. Und das, obwohl er sehr klein, sehr feminin und offen schwul war. Eine Kombination, die ihm in den fünfziger Jahren ganz schön viel Mut abverlangte. Damals wurden Männer, von denen man vermutete, dass sie schwul seien, aus der Regierung entlassen, weil man Angst hatte, die Russen könnten sie damit erpressen.

Clarke: Truman akzeptierte, wie er war. Und hat es für sich eingesetzt. Als er in Greenwich in Connecticut auf der Highschool war ...

ZEITmagazin: ... die Geschichten in diesem Heft hat er dort geschrieben ...

Clarke: ... haben sich die Footballspieler bestimmt über ihn lustig gemacht, aber das war ihm egal. Er hing mit den Mädchen rum und organisierte sich seinen eigenen Freundeskreis. Später saß er mal mit einigen Freunden in einem Taxi, und der Fahrer fragte abfällig: "Na, was habt ihr Mädchen denn noch vor?" Truman erwiderte kühl: "Wir bezahlen dich dafür, dass du uns fährst, also halt die Klappe und fahr!"

ZEITmagazin: Hat es Sie erstaunt, wie selbstbewusst Capote war? Ein Junge, dessen Mutter von seinem Schwulsein regelrecht abgestoßen war, die ihn als Kleinkind im Hotelzimmer einschloss, um sich mit ihren Freunden zu treffen, und auch später nicht viel Zeit und Begeisterung für ihn aufbringen konnte. Und ein Vater, der so gut wie nie da war.

Clarke: Er musste so mutig sein, um zu überleben. Ich bin einmal mit ihm zu einer seiner Lesungen hier auf Long Island, in East Hampton gegangen. Es war sehr heiß in dem Raum. Vor Truman las ein anderer Schriftsteller, ein sehr gut aussehender, sehr maskuliner Typ mit tiefer Stimme. Und die Leute schliefen ein. Dann kam Truman, mit seinem kleinen Stimmchen, und die Leute waren wie elektrisiert. Er war ein perfekter Entertainer.

ZEITmagazin: Woher hatte er das?

Clarke: Schon als 16-Jähriger ist Truman heimlich in den Stork Club oder das El Morocco gegangen. Das waren in den fünfziger Jahren zwei Nachtclubs an der Upper East Side. Dort trug man Anzug, schwarze Krawatte, die Damen trugen Abendkleider. Und Truman ist da als 16-Jähriger hin! Aber Truman war so überschäumend, so sprudelig, dass ihm keiner widerstehen konnte. Und so ließen sie ihn immer wieder rein.

ZEITmagazin: Wie wichtig war ihm Wirkung? Mit den Schriftstellern Dorothy Parker und Norman Mailer war er einmal zu Gast in einer Fernsehsendung, und sie sprachen über Bücher. Capote und Mailer stritten sich über die Bedeutung der Beat Generation – am nächsten Tag erinnerten sich alle, die die Sendung gesehen hatten, nur an Capotes einen Satz: "That is not writing, that is typing" (das ist nicht Schreiben, sondern Tippen).

Clarke: Er war einfach gut darin, schnell zu kategorisieren, und das hat er auch privat gemacht. Es war ein Talent von ihm. Über die Bestsellerautorin Jacqueline Susann, die etwas männlichere Züge hatte, sagte er einmal: "Sie sieht aus wie ein Lkw-Fahrer in Frauenklamotten." Sie hat ihn dafür verklagt.

ZEITmagazin: Und auch das Foto auf seinem ersten Buch, "Andere Stimmen, andere Räume", hat er ganz bewusst ausgesucht. Er liegt da wie ein Kind, hübsch und blond, auf einem Sofa und guckt von unten in die Kamera. Wie eine Einladung für einen Pädophilen. Es ist, als spiele er mit dem falschen Bild, das er in der Öffentlichkeit oft erzeugte. Capote wurde auch als Erwachsener noch lange für ein Kind gehalten – bei einer Dinnerparty sogar für den Sohn der Gastgeber.

Clarke: Natürlich war das kalkuliert, auch wenn er das hinterher geleugnet hat. Und wer weiß, ob es ihm nur geholfen hat. Die Leute sprachen vor allem über das Bild, dabei war Andere Stimmen, andere Räume wirklich ein gutes Buch.

Clarke fährt jetzt zurück zu seinem Haus in Bridgehampton. Seit Jahrzehnten wohnt er mit seinem Lebensgefährten hier draußen auf der Südspitze von Long Island, seine Wohnung in Manhattan hat er längst verkauft. Er deutet zu einem Anwesen hinter den obligatorischen hohen Hecken.

Clarke: Dort wohnt der Schriftsteller James Salter ...

ZEITmagazin: ... ein Klassenkamerad des Beatnik-Stars Jack Kerouac und gut befreundet mit dem Autor Richard Ford.

Clarke: Er ist 89, nur ein Jahr jünger, als Truman heute wäre, und hat kürzlich seinen neuen Roman herausgebracht.

Gerald Clarke fährt jetzt an einer großen Wiese vorbei, auf der ein Polospieler seinen Schläger schwingt.

Clarke: Kennen Sie eine Sängerin mit dem Namen Madonna?

ZEITmagazin: Ja ...?

Clarke deutet zu einem großen Grundstück.

Clarke: Dort steht ihr Haus. Sie lässt es gerade erweitern.

Clarke biegt in die Einfahrt daneben ein. Der Geruch von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. Wir betreten das Haus durch die Küchentür, die beiden kleinen Hunde Raven und Missy begrüßen Clarke überschwänglich. Er entschuldigt sich, er will die Hunde kurz auf die Wiese lassen. An einer Wand hängt ein Ölbild des jungen Capote, auf einer Anrichte steht eine Acrylbox, die Capote gebaut hat. Als Clarke zurückkommt, schlägt er vor, sich an den Pool zu setzen.

ZEITmagazin: Capote begann sehr früh zu schreiben, die neu entdeckten Geschichten, die wir in diesem ZEITmagazin erstmals drucken, schrieb er als Schuljunge, die beiden anderen wahrscheinlich auch. Heutzutage werden viele Kinder so früh wie möglich gefördert. Das war bei Capote nicht der Fall. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in dem kleinen Städtchen Monroeville in Alabama bei seinen alten Tanten. Wie hat er in Monroeville sein Talent entwickelt?

Clarke: Die Leute in Alabama ... ähm, Sie müssen nicht so ungemütlich auf der Liege sitzen. Entspannen Sie sich – legen Sie sich hin!

ZEITmagazin: Es ist ganz bequem so.

Clarke: Lassen Sie mich Ihnen helfen.

Der Rest des Interviews wird im Liegen geführt.

Clarke: Also, ja – die Leute in Alabama waren großartige Geschichtenerzähler. Es gab damals keine Klimaanlagen, und so saß man auf der Veranda vor dem Haus und erzählte sich Geschichten über Menschen, die alle kannten. Die alte Frau Soundso hat das und das gemacht. Und Truman saß dazwischen und hat zugehört. Außerdem haben sich die Leute damals sehr viele, sehr lange Briefe geschrieben. Und auch die wurden vorgelesen. Das alles hat sein Talent, Geschichten zu erzählen, bestimmt gefördert. Heute haben die Leute Klimaanlagen, sie sitzen drinnen und sehen fern.

ZEITmagazin: Capote hat schon sehr früh, mit sechs Jahren, heißt es, gesagt, dass er Schriftsteller werden wollte. Wie hat er das geschafft? Wie wurde er zum Schriftsteller?

Clarke: Tja, das ist die Frage der Fragen. Truman saß oft vor mir, genau wie Sie jetzt hier, und fragte: "Kannst du dir das vorstellen: Der kleine Junge aus Alabama, wie ist er zu dem geworden, was ich jetzt bin?" Ich glaube, es hat damit zu tun, dass man sich mit dem Schreiben gut in seine eigene Welt zurückziehen kann, man kann eigene Welten erfinden.

ZEITmagazin: Themen, die immer wieder in seinen Texten auftauchen – auch in den neu entdeckten Jugendgeschichten –, sind die Flucht aus einem als bedrückend empfundenen Leben, die Einsamkeit und die große Sehnsucht nach Liebe. In der Geschichte Das hier ist von Jamie beschreibt Capote einen Jungen in New York, der statt der Eltern nur eine mit sich selbst beschäftigte Kinderfrau zu Gesicht bekommt. Seine größte Freude ist es, auf dem Spielplatz mit der Mutter eines anderen Jungen zu sprechen.

Clarke: Truman hat sich mit dem Schreiben an seinen Dämonen abgearbeitet. Und es sind immer wieder ähnliche Figuren, die in seinen Texten vorkommen. Zum Beispiel in Frühstück bei Tiffany. Der ursprüngliche Name von Holly Golightly ist Lula Mae. Der ursprüngliche Name seiner Mutter Nina war Lillie Mae.

ZEITmagazin: Er schien zudem eine Begabung dafür zu haben, sich immer genau das zu nehmen, was er für seine Entwicklung als Autor brauchte.

Clarke: In der Schule weckte Truman die Aufmerksamkeit seiner Englischlehrerin, die ihn dann sehr unterstützte. Er hatte nämlich ständig Streit mit dem Direktor. Truman verweigerte sich strikt dem Sportunterricht, und auch Mathematik lehnte er als nutzlos ab. Die Lehrerin rettete Truman mehrmals vor dem Schulverweis. Zu dem Direktor sagte sie: "Truman wird einmal sehr berühmt sein, und dann werden Sie sehr froh sein, dass er die Greenwich High School besucht hat." Und sein erster richtiger Partner war ein Englischprofessor, über den Truman sagte: Er war mein Yale und Harvard.

ZEITmagazin: Capote hat sich seine Ausbildung also mehr oder weniger selbst zusammengesucht. Er war sein eigener Montessori-Schüler.

Clarke: Und Truman hatte außerdem einfach auch Glück. Er schrieb Kurzgeschichten, als die hoch im Kurs standen. Er ging zu den Frauenmagazinen Harper’s Bazaar und Mademoiselle und bot ihnen seine Texte an. Beide veröffentlichten damals Avantgarde-Fiction, und sie veröffentlichten Truman. Er kam einfach auch zur richtigen Zeit.

ZEITmagazin: Konnte man Capote sagen: An den Text musst du noch mal ran? Als er das Manuskript zur Grasharfe, seinem zweiten Buch, einschickte, riet ihm sein Lektor, das Ende neu zu schreiben.

Clarke: ... und er hatte recht ...

ZEITmagazin: Aber Capote bestand darauf, dass es so verlegt wird, wie es war. Hat er Kritik nicht akzeptiert?

© ZEITmagazin

Clarke: Doch, aber Truman hatte einfach eine andere Meinung. Und ein Autor ist verantwortlich für sein Buch. Truman ist zum Beispiel einmal für einen New Yorker-Artikel nach Moskau gefahren, um über die Kinder der russischen Oligarchen zu schreiben. Er hatte schon sehr viel daran geschrieben, aber dann hat er es nicht beendet. Es wäre einfach sehr gefährlich für diese jungen Leute gewesen. Hätte der KGB erfahren, was für westliche Ansichten sie hatten, dann hätte er sie in den Gulag geschickt. In der Geschichte kam auch "Boris the Bunny" vor, ein Literaturprofessor an der Universität von Leningrad. Er war Trumans Lover während des Aufenthaltes. Ich kenne seinen echten Namen, und ein russischer Journalist versucht ihn gerade zu finden.

ZEITmagazin: Was war für Capote das Wichtigste in seinem Leben?

Clarke: Schreiben. Und er mochte Sex. Aber nein, Schreiben war das Wichtigste.

ZEITmagazin: Hatten Sie mal Sex mit ihm?

Clarke: Neeeeein! Nein, nein, nein. Ich mochte ihn sehr gerne, und er mochte mich sehr. Aber wir hatten niemals etwas miteinander. Ich mochte seine Gesellschaft – wenn er nicht betrunken war. Wenn er es war, konnte es sehr ermüdend sein. Einmal, eine Woche vor Weihnachten, trafen Truman und ich uns in Manhattan zum Mittagessen im Vier-Sterne-Restaurant Quo Vadis. Wir trafen uns um zwölf Uhr, und um zwei wollte ich mich verabschieden. Ich hatte damals einen Job beim Time Magazine. Aber Truman sagte: Nein, nein, du musst bleiben. Ich rief also mein Büro an und sagte, dass ich noch etwas länger wegbleiben würde. Truman redete und redete, bestellte Dinner und redete und redete.

ZEITmagazin: Worüber haben Sie geredet?

Clarke: Über alles. Einfach alles. Er war damals sehr einsam. Als das Restaurant um Mitternacht schloss, sind wir zu einer Bar in der Nähe seiner Wohnung gegangen. Truman lebte im UN Plaza, damals das schickste Apartmentgebäude in Manhattan, direkt am East River. In der Bar hat ihn dann sein Lebensgefährte Jack Dunphy eingesammelt. Er rief: Toute de suite! Toute de suite! Komm! Sofort! Truman hatte wieder einmal viel zu viel getrunken.

ZEITmagazin: Er hat unter der Alkoholabhängigkeit seiner Mutter gelitten. Und dennoch konnte er dem Alkohol selbst nicht entkommen.

Clarke: Er hat mehrere Entzüge gemacht, aber nichts hat funktioniert. Am Ende seines Lebens hat er mir einmal gesagt: Ich kann einfach nicht ohne das Trinken leben.

ZEITmagazin: Es war wichtiger als das Schreiben geworden?

Clarke: Truman hat sich immer sehr gut konzentrieren können. Das hat er zu Hause bei seiner Mutter Nina gelernt, ihre Wutanfälle konnte man durch das ganze Haus hören. Aber das Trinken hat das alles verändert. Nach einem Streit mit einem Freund konnte er sich früher einfach umdrehen und an seinem Buch weiterschreiben. "Man braucht immer ein gutes Buch, an dem man schreibt", hat er oft gesagt.

ZEITmagazin: Er konnte sich mit dem Schreiben betäuben?

Clarke: Irgendwie schon. Er hat es sehr, sehr lange geschafft, auf diese Weise seine Kindheitsdämonen loszuwerden. Erst Ende der sechziger Jahre begann sein Leben auseinanderzufallen. Sein Buch Kaltblütig über die Ermordung einer Familie in Kansas, an dem er fast sechs Jahre lang gearbeitet hatte, war für ihn so etwas wie eine Heroin-Erfahrung. So hat er das mal ausgedrückt. Er war danach völlig erschöpft. Er hatte sich selbst in Perry, einem der beiden Mörder, gesehen. Auch der hatte eine sehr unglückliche Jugend. Truman sagte einmal, dass Perry seine dunkle Seite sei. So hätte er auch enden können. Und er fühlte sich schuldig, weil er wollte, dass beide hingerichtet werden, damit sein Buch endlich veröffentlicht werden konnte. Danach begann er viel zu trinken.

ZEITmagazin: Sich immer wieder, auch in Long Island, zum Schreiben zurückzuziehen, war das auch so etwas wie ein Schutz vor den eher zerstörerischen Teilen seiner Persönlichkeit?

Clarke: Gut möglich, statt zu schreiben, saß er nun auf der Jacht der Agnellis oder versuchte, Jacqueline Kennedys Schwester Lee Radziwill zum Kinostar zu machen. Sie war sehr hübsch, aber sie konnte einfach nicht schauspielern. Als er sie jedoch einmal brauchte, in einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit seinem verhassten Schriftstellerkollegen Gore Vidal, ließ sie ihn hängen. Ich rief sie danach an und fragte, warum sie das gemacht habe, und sie sagte nur: Ach, da sind doch nur zwei Tunten, damit wollen wir uns nicht belasten. Truman fühlte sich betrogen. Danach ist er im Fernsehen aufgetreten, um sich über sie lustig zu machen. Aber er war zu betrunken, und sie haben ihn aus der Show genommen.

ZEITmagazin: Sein anderer Anker war sein langjähriger Partner Jack Dunphy.

Clarke: Ja, und auch diese Beziehung zerbrach in dieser Zeit. Beide waren immer weniger bereit, Kompromisse zu machen. Jack fuhr gerne Ski, Truman hasste es. Truman mietete ein Haus in Palm Springs, das wiederum hasste Jack. Einmal verbrachte Truman Weihnachten in meiner Wohnung in Manhattan, weil Jack unbedingt in die Oper gehen wollte. Ohne Jack verlor Truman die Balance. Den Rest besorgte La Côte Basque.

ZEITmagazin: Der erste Teil seines Enthüllungsromans Erhörte Gebete über die New Yorker Gesellschaft.

Clarke: 1975 nahm Truman mich zum Schwimmen zu einem Freund mit. Truman schrieb auf einer Art Floß in der Mitte des Pools, und ich saß am Rande und las das Manuskript zu La Côte Basque.

ZEITmagazin: Es war benannt nach dem berühmten Restaurant in der 55. Straße an der Upper East Side, in dem Capote die It-Girls von damals regelmäßig traf: Jacqueline Kennedy, Lee Radziwill, Gloria Vanderbilt, Carol Matthau und Slim Keith, die Exfrau von Regisseur Howard Hawks. Und die er in dem Buch dann vorführt ...

Clarke: Als ich fertig gelesen hatte, sagte ich zu ihm, dass die Leute ziemlich sauer über den Text sein würden. Aber Truman winkte nur ab. Als der Text dann 1975 im Esquire veröffentlicht worden war, waren die Reaktionen vernichtend. Slim Keith, die mir Truman noch in der Woche zuvor als ihren allerbesten Freund beschrieben hatte, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Gloria Vanderbilt kündigte an, ihm ins Gesicht zu spucken, sollte sie ihn noch einmal sehen, und als Truman und ich ins La Grenouille an der 52. Straße gingen – das es übrigens auch heute noch gibt –, da setzten sich die Leute weg. Truman lachte einfach.

ZEITmagazin: Tat er Ihnen leid?

Clarke: Er hatte sie alle einfach überschätzt. Sie hatten nicht verstanden, was er mit dem Text sagen wollte: dass dieses ganze gesellschaftliche Getue leer ist.

ZEITmagazin: Er hat das Getue aber selbst lange mitgemacht.

Clarke: Jeder Mensch glaubt ja an etwas. Für manche Leute ist das Jesus Christus. Für Truman war es Style. Wahrer Stil erhebt einen, er macht dich besonders. Und Truman hat irgendwann gemerkt, dass das einfach nicht genug zum Leben war. Er hat am Ende seines Lebens seinen Glauben verloren.

ZEITmagazin: War er enttäuscht von Freunden wie Lee Radziwill? Oder warum hat er seine Freunde so vorgeführt?

Clarke: Ich glaube, er wollte seine Unabhängigkeit wiederhaben. Wenn diese sehr reichen Leute auf ihren Jachten sitzen und Urlaub machen, dann ist ein Mensch wie Truman ein superber Unterhalter. Aber alles, woran diese Milliardäre dann doch nur denken, ist ihr Geld. Es ist einfach eine andere Welt.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass Capote Ihnen immer die Wahrheit erzählt hat? Haben Sie ihm vertraut?

Clarke: Ja, das habe ich. Er hat vielleicht manchmal etwas übertrieben. Aber ich glaube schon, dass er die Wahrheit gesagt hat. Er hat mir zum Beispiel mal erzählt, dass er einen One-Night-Stand mit Errol Flynn gehabt habe. Als ich dann in Hollywood für ein anderes Buch recherchierte, hat sich das bestätigt.

ZEITmagazin: Capote ist 1984 an einer Überdosis Tabletten gestorben. Können Sie verstehen, dass ein Mann, der so viel erreicht hat, so endet?

Clarke: Truman wollte, dass ihn alle als den besten Schriftsteller Amerikas wahrnehmen. Aber er wusste auch, wenn man wirklich bekommt, was man sich wünscht, ist das fast wie die Erfüllung eines Todeswunschs. Die erhörten Gebete seien die schlimmsten, sagte er immer.

Dieser Text ist eine leicht veränderte Version des Interviews, das im ZEITmagazin Nr. 42 erschienen ist.  

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