Die großen Fragen der Liebe: Soll sie versuchen, zu sein wie er?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 42/2014

Die Frage: Tanja ist Pädagogin, ihr Partner Max Sachbearbeiter und begeisterter Sportler. Die beiden sind bald dreißig Jahre zusammen und haben erwachsene Kinder. "Ich wäre viel lieber wie Max", sagt Tanja zu ihrer besten Freundin. "Er ist immer so ruhig und so ausgeglichen. Nichts regt ihn auf. Wenn ich mal allein verreise, kann er vierzehn Tage zur Arbeit gehen und nach Feierabend trainieren oder was im Garten machen. Er trifft keinen Menschen, und es geht ihm doch gut. Mir würde nach zwei Tagen die Decke auf den Kopf fallen, ich wäre todunglücklich und würde denken, niemand mag mich. Und wenn etwas mit den Kindern ist, rege ich mich schnell auf. Er sagt, lass doch, die sind doch gut aufgehoben. Wenn ich das nur könnte! Ich muss mir mehr Mühe geben, so zu werden wie er!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Tanja sollte aufhören, sich mit ihrem Partner zu vergleichen. Es ist ein liebenswerter Zug von ihr, dass sie das geringere Kontaktbedürfnis und die leichte Dickfelligkeit ihres Ehemanns bewundert. Aber ihre soziale Sensibilität, ihr Interesse an anderen Menschen sind nicht nur ein Zeichen dafür, dass sie schnell Verlassenheitsängste bekommt. Sie sind vermutlich der Grund, warum sie ihren Beruf immer noch ausüben kann. Wenn sie den Eindruck hat, abhängiger als Max zu sein und sich öfter über ihre Beziehung zu anderen Menschen aufzuregen, sollte sie nicht vergessen, dass sie auch mehr seelischen Gewinn aus Beziehungen zieht. Und Max ist sicher dankbar, dass sie in ihm den Felsen in der Brandung sieht. Wäre Tanja auch ein Fels, könnte die Ehe recht langweilig werden.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau" ist bei Orell Füssli erschienen.

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