Harald Martenstein Über die zunehmende Zahl von Nichtschwimmern

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 43/2014

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft hat Alarm geschlagen, weil immer weniger Kinder das Schwimmen lernen. Ende der achtziger Jahre hätten 90 Prozent der Viertklässler den Freischwimmer besessen. Heute, gerade mal 15 Jahre später, seien es nur noch 50 Prozent. So schnell wie die Zahl der Freischwimmer in Deutschland schmelzen nicht einmal die Gletscher in Grönland. Nach meiner Erinnerung konnten früher in Deutschland fast alle schwimmen, außer meiner Oma. Heute sind wir bereits zu 25 Prozent ein Volk von Nichtschwimmern. Wenn man dazu die Zahl von 10.000 Brücken hört, die in Deutschland angeblich marode sind und von denen nicht wenige über Flüsse führen, wird einem ganz anders.

Es gibt also eindeutig Sachen, die früher besser gewesen sind als heute. Und da möchte ich diesmal keine Kritik hören. Wenn man von einer zusammenbrechenden Brücke in den Fluss springt, ist schwimmen zu können besser, als nicht schwimmen zu können. Darüber lasse ich nicht mit mir diskutieren.

Die DLRG sagt, es hänge mit den Spaßbädern zusammen. Seit 2007 sind 300 Schwimmbäder dichtgemacht worden, diese alten Schwimmbäder mit Chlorgeruch, Dreimeterbrett und eiskaltem Übungsbecken. Die Städte können und wollen das nicht mehr bezahlen. Die Leute wollen es auch nicht, sie wollen Spaßbäder mit Riesenrutsche, Massageliege und Whirlpool, wo man nicht schwimmen lernt, sondern im Prießnitzbad sitzt, abwechselnd Eisplättchen und heißen Dampf auf sich herabfallen lässt und dabei Spaß empfindet.

Ich selber gehe auch fast nur noch in Spaßbäder. Solidarisch wäre es, ins Stadtbad zu gehen. Die Bademeister sind meistens alte weiße Männer, wie ich – nicht einmal das bringt mich ins Stadtbad.

Außerdem fällt dauernd Sportunterricht aus, in Bremen jede dritte Stunde. Selbst wenn ein Wunder geschähe und die 300 Stadtbäder wieder aufmachten, die Lehrer fehlten immer noch. Natürlich könnten auch die Eltern den Kindern das Schwimmen beibringen, aber dazu haben die meisten keine Zeit. Wenn es jetzt heißt, eine moderne Familie muss Karriere, Kinder und dazu auch noch den Schwimmunterricht mühelos miteinander vereinbaren können, dann ist das too much.

Nun habe ich aber eine Pressemeldung der DLRG vom 21. März 2013 gefunden, in der steht, dass die Zahl der Ertrinkungsopfer in Deutschland seit Jahren sinkt, außer in besonders heißen Sommern. 1913 sind in Deutschland 5.000 Personen ertrunken, 2012 nur noch 383. Die meisten Opfer sind über fünfzig, bestes Stadtbadalter. Besonders stark entspannt habe sich die Lage bei Kindern und Jugendlichen, das sei eine Folge der "frühzeitigen Aufklärung bereits im Vorschulalter".

Mit anderen Worten, je weniger die Menschen schwimmen können, desto seltener scheinen sie zu ertrinken. Um Menschen vor dem Ertrinken zu schützen, muss man ihnen also gar nicht das Schwimmen beibringen. Es genügt, sie frühzeitig darüber aufzuklären, dass tiefes Wasser gefährlich ist. Dies entspricht ja auch dem aktuellen Trend in der Bildungspolitik, auswendig gelerntes Wissen wird abgelehnt. Statt irgendwelcher Fakten und Zahlen sollen die Schüler einfach "Kompetenzen" erwerben. Statt in stumpfsinnigem Drill auswendig zu lernen, wie die Kraulbewegung geht, erwerben die Kinder die Nichtertrinkungskompetenz, Gewässer und Brücken zu meiden. Dazu ist nicht einmal ein Sportlehrer erforderlich. Dieses Prinzip lässt sich vermutlich in sämtlichen Fächern anwenden. Ich sehe das kritisch.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Ist Satire, dennoch ein ernsthaft gemeinter Kommentar: Die Schwimmbäder, die ich besuche, sind fast jeden Morgen von Schulklassen besetzt, auf mindestens der Hälfte der Bahnen. Schwimmbäder, wohlgemerkt, in "Spaßbäder" gehe ich nicht, weil da meistens nur ein Becken ist, in dem man überhaupt ein paar Bahnen ziehen kann, dieses ist meistens so überfüllt, dass daraus dann nichts wird. Der Spaß hält sich also in überschaubaren Grenzen für mich. Ich glaube eher, dass die Kinder heutzutage weniger Interesse am Erwerb des Freischwimmers haben, das ist nicht mehr in.

Karlos111
#2  —  4. November 2014, 9:04 Uhr

Das System, Gewässer einfach zu meiden, ist töricht. Niemand kann vorhersehen, wann er doch in tiefes Wasser gerät. Deshalb kommt über das schwimmenlernen nichts hinweg. Um schnell und gut schwimmen zu lernen, gibt es Schwimmvereine und Kurse in den Bädern. Und: lebe Eltern, lasst die Ertrinkhilfen wie Schwimmringe, Aufblastiere und vor allem auch Flossen zu Hause. Schwimmen lernt man in der Reihenfolge Wassergewöhnung-Spiele ohne Auftriebsmittel und dann Technikübungen. Flossen verzögern das Ganze nur und vermittel eine scheinbare trügerische Sicherheit.

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Demokratie-Troll
#3  —  4. November 2014, 9:31 Uhr

Schon wieder so eine Satire von Herrn Martenstein.
Das Schwimmen zu verbieten, rettet Menschenleben, es ist also ein moralisches Gebot, den Menschen so ein Teufelszeug zu verbieten. Es ist wie mit dem Autoverkehr: Autos verbieten und wir haben das Paradies, denn Autofahrer sind Menschen- und Klimakiller. Und vom religiösen Standpunkt betrachtet, sieht man beim Schwimmen entblöste Haut in horizontaler Krabbelbewegung bei den Mädchen. Wer sich sportlich bewegt, wirkt sexy, also Teufelszeug, das Gott direkt und persönlich mit dem Absaufen des Delinquenten bestraft.