Ich habe einen Traum: Billy Idol

"Ich habe eine Suchtpersönlichkeit, in vielerlei Hinsicht"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 44/2014

Ich finde nicht hinaus. Egal, wie oft ich es versuche, es gibt kein Entrinnen. Ich bin in einer weitverzweigten Struktur, einer gigantischen Shoppingmall zum Beispiel. Ich renne Rolltreppen hinauf und hinunter, irre durch Flure, Räume, öffne immer weitere Türen. Immer wenn ich glaube, den Weg nach draußen gefunden zu haben, bin ich wieder da, wo ich losgegangen bin.

Dieser Albtraum hat mich vor einigen Jahren verfolgt, auch heute träume ich ihn noch manchmal. Vielleicht verarbeitet mein Unterbewusstes darin meine Drogensucht. Es war harte Arbeit, aus der Sucht herauszukommen. Ich habe eine Suchtpersönlichkeit, in vielerlei Hinsicht. Zugegeben, ich bin auch heute nicht abstinent, ich rauche manchmal etwas Gras oder trinke einen Whiskey. Aber ich lasse es nicht mehr zu, dass irgendwelche Substanzen mein Leben beherrschen. Vielleicht ist dieser Traum gleichzeitig Erinnerung und Warnung.

Der Heroinentzug war ein Albtraum. Um ehrlich zu sein: Ich liebte es, auf Heroin zu sein. Aber irgendwann wurde mir klar, dass die Drogen mein Leben kontrollierten. Diese Erkenntnis war ein ziemlicher Schock. Als es in den Siebzigern mit dem Punkrock anfing, ging es uns ja vor allem darum, uns von nichts und niemandem kontrollieren zu lassen. Jahre später festzustellen, dass ich in die Falle getappt war und in der Drogenabhängigkeit festsaß, war übel. Totaler Mist!

Ich bin in einer Vorstadt von London aufgewachsen. Damals, Mitte der Siebziger, fühlten wir uns eingesperrt in einem Leben, in dem es keinen Platz für uns gab, weder in der Gesellschaft noch in der Musikindustrie. England war gefangen in einer Depression, nicht nur wirtschaftlich. Egal, was du werden wolltest, welche Ausbildung du angefangen hattest – es gab keine Jobs. Egal, welche Träume du hattest, es gab keine Chance, sie zu verwirklichen. Wir hatten keine Zukunft, nicht mal eine Gegenwart. Wir fühlten uns, als wären wir auf der Müllhalde der Gesellschaft gelandet. Ein Gefühl, das viele Kids in England heute wieder haben.

Wir mussten uns den Raum für Träume selbst schaffen. Wir haben nach Wegen gesucht, das, was wir empfanden, rauszulassen. Manche haben sich politisch engagiert, andere in der Kunst oder im Journalismus. Wir Musikfans wollten eine musikalische Revolution. Mein großer Traum war es, eine Musik zu schaffen, die die Geschichten unserer Generation erzählt. Wir wollten selbst bestimmen, wo es langgeht. Und Spaß haben!

Im Punk ging es uns immer um Freiheit. Meine Freiheit endete, als meine Solokarriere in den Achtzigern explodierte, MTV meine Visage in Millionen Haushalte sendete und ich eine öffentliche Figur wurde. Und gleichzeitig beherrschten mich eben die Drogen. Ich war ein Gefangener – der Drogen und des Berühmtseins. Ein Albtraum! Zum Glück bin ich ein positiver Typ, sogar in meinen negativen Phasen. Ich habe immer gewusst, dass ich diese miesen Zeiten hinter mir lassen und mir meinen Traum zurückerobern kann.

Billy Idol, 58, brach Mitte der siebziger Jahre sein Philosophiestudium ab und stürzte sich in die Londoner Punkszene. Anfang der achtziger Jahre ging er in die USA und wurde zum weltberühmten Popstar mit Hits wie "Rebel Yell", "Eyes Without A Face" und "White Wedding". Soeben erschienen sein Album "Kings & Queens of the Underground" und seine Autobiografie "Dancing With Myself"

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Drogensüchtige, Alkoholiker und sonstige Süchtige sind dadurch nicht interessanter als andere Leute. Nein, sie sind uninteressanter, weil sie durch die Sucht nicht mehr selbstbestimmt leben können. Und dass es in den 70ern für die Jugend keinen Platz in der Gesellschaft gab, stimmt auch nicht. Millionen haben das Gegenteil bewiesen. Richtig ist, dass es für viele immer schwerer wird, eine erfüllende, ausreichend bezahlte Arbeit zu finden, weil durch die Automatisierung immer weiterer Bereiche des Lebens und der Arbeitswelt der Einsatz menschlicher Arbeitskraft überflüssig wird. Und es wollen eben nicht alle Ingenieure oder Physiker werden.

RosaroterBrillenträger
#1.1  —  8. November 2014, 11:35 Uhr

"Richtig ist, dass es für

"Richtig ist, dass es für viele immer schwerer wird, eine erfüllende, ausreichend bezahlte Arbeit zu finden, weil durch die Automatisierung immer weiterer Bereiche des Lebens und der Arbeitswelt der Einsatz menschlicher Arbeitskraft überflüssig wird. Und es wollen eben nicht alle Ingenieure oder Physiker werden."

Sie gehören aber nicht zu den Menschen die gerne einkaufen, v.a. billig, denn das ist eine Errungenschaft die nur durch Technik (und Ausbeutung anderer Länder) möglich geworden ist. Automatisierung ist auch die einzige Möglichkeit um mit China und Co und deren weit geringeren Lohnkosten mithalten zu können. Ansonsten gibt es auch weniger Kinder, was ja nur gut ist bei Überbevölkerung und zunehmenden Ressourcenverbrauch, somit weniger Arbeitssuchende in der Zukunft. Und falls immer noch bedenken sein sollten und Angst haben schaun sie das sie beim Staat unterkommen (natürlich mit Beamtenstatus), dann kann einen der Fortschritt karrieretechnisch egal sein.