Das war meine Rettung: "Ich habe mich wie ein verletztes Tier aufgeführt"

Christina Paulhofer brach bei einer Inszenierung zusammen. Sie zog aufs Land – und entdeckte die Langsamkeit. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 44/2014

ZEITmagazin: Frau Paulhofer, sind Sie ein rastloser Mensch?

Christina Paulhofer: Eigentlich sehne ich mich nach Ruhe, aber wenn sie da ist, kann ich sie nicht aushalten. Ich habe dann das Gefühl, ich lebe nicht. Dann muss irgendwas passieren.

ZEITmagazin: Wie sieht Ruhe als Idealbild für Sie aus?

Paulhofer: In einer coolen Beziehung lebend, möglichst für längere Zeit am selben Ort bleiben, so etwas wie Heimat finden, nicht ständig denken, man verpasst irgendwas.

ZEITmagazin: Wann waren Sie diesem Zustand am nächsten?

Paulhofer: Ich hatte 2009 einen Zusammenbruch. Danach habe ich drei Jahre kein Theater gemacht und ganz anders gelebt.

ZEITmagazin: Wie kam es dazu?

Paulhofer: Ich hatte Fidelio in Frankfurt inszeniert. Bei der Oper hat man anders als beim Schauspiel nicht die Zeit, Sachen zu entwickeln, dafür sind die Sänger zu teuer. Also muss man vorher ein klares Konzept haben, wer steht links, wer steht rechts und was passiert dann. Ich hatte alles wunderbar mit meinem Bühnenbildner vorbereitet. Dann bin ich nach Frankfurt gefahren, saß bei den ersten Proben und konnte den Mund nicht mehr aufmachen. Ich hatte Schweißausbrüche. Es war praktisch alles gemacht, ich hätte es nur den Sängern mitteilen müssen. Aber ich konnte nicht mehr sprechen.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich diesen Zusammenbruch?

Paulhofer: Ich hatte wahnsinnig viel gearbeitet, drei bis vier Inszenierungen pro Jahr. Man gründet ja mit jeder neuen Inszenierung einen mittelständischen Betrieb, immer an anderen Orten, mit anderen Menschen. Ich will mich nicht beklagen, aber ich wurde ziemlich jung sehr hochgeschossen. Mit 26 wurde ich zur Regisseurin des Jahres gewählt, Intendanten riefen mich an, vom Burgtheater bis zum Hamburger Schauspielhaus. Da sagt man alles einfach zu, ohne zu wissen, was man eigentlich tut. Irgendwann hatte ich mich verloren. Alle meine Beziehungen zerbrachen, ich hatte keine Identität mehr, bin schwindlig in der Gegend rumgelaufen, von einem Ding zum anderen.

ZEITmagazin: Was hat Sie aus dieser Krise gerettet?

Paulhofer: Mein damaliger Freund wohnte auf dem Land in Franken. Ich hatte ihn schon zu Schulzeiten angehimmelt. Damals war er 17, ich 14, und er immer nur so: Die Kleene! Zweimal sind wir uns noch begegnet und dachten jedes Mal: Wir probieren es wieder. Aber nie klappte es, weil ich zu viel unterwegs war, während er sehr sesshaft ist. 2007, als ich in Basel war, kamen wir endlich zusammen. Er blieb allerdings auf dem Land, in Lauf an der Pegnitz. Er arbeitetet dort in der Firma seines Vaters.

ZEITmagazin: Fränkischer Mittelstand?

Paulhofer: Genau. Nach dem Zusammenbruch habe ich zu ihm gesagt: Ich schmeiße alles hin, ich brauche eine Auszeit. Da hat er gesagt: Zieh halt zu mir! Und dann habe ich entdeckt, dass die Dinge auch ganz langsam und ruhig sein können. Habe morgens Sport gemacht und für ihn und seinen Sohn gekocht. Ich fühlte mich wie eine fränkische Hausfrau, mir gefiel das. Vielleicht habe ich die Rolle der fränkischen Hausfrau auch nur gespielt, aber es hat mir auf jeden Fall gutgetan. Zwei Jahre ging das so, zwei Jahre ohne Theater. Jetzt kommt das Allerschönste: Ich war auch so verliebt, dass wir beschlossen zu heiraten. Im August 2009 sollte die Hochzeit stattfinden. Aber sie ist geplatzt.

ZEITmagazin: Warum?

Paulhofer: Ich habe mich angegriffen gefühlt von den Leuten dort, seinem Freundeskreis. Ich fühlte mich als Außenseiter, mir wurde bewusst: Du hast hier keine wirkliche Freundin. Die gucken dich auch alle so komisch an. Er meinte: "Du wirst dich schon dran gewöhnen, du bist eben anders, du bist Künstlerin, das werden die schon kapieren." Aber ich wurde immer paranoider und in meinen Reaktionen immer vehementer und schrie aus Verletztheit herum, das seien doch alles Idioten! Damit habe ich ihn komplett überfordert. Seine Freunde, vor allem die Frauen, sagten: "Die spinnt, die Alte, trenn dich von ihr. Was will die überhaupt hier? Die will doch nur dein Geld!"

ZEITmagazin: Wie ging es dann zu Ende?

Paulhofer: Mit einem Riesenknall. Ich habe mich wie ein verletztes Tier aufgeführt, geschimpft und geschrien und ihm Vorwürfe gemacht, bis er nicht mehr konnte, mich ins Auto packte und zu meiner Mutter fuhr. Return to sender. Jetzt lache ich drüber, damals war es nicht so lustig. Aber wir sind immer noch sehr gut befreundet.

ZEITmagazin: Und heute arbeiten Sie wieder als Regisseurin.

Paulhofer: Ich habe das Theater dann doch vermisst. Aber ich versuche, nur noch zwei Sachen im Jahr zu machen.

Christina Paulhofer, 45, wurde in Bukarest geboren und flüchtete 1975 mit ihrer Mutter nach Deutschland. Sie studierte Filmregie in Paris, ihr erstes Theaterstück inszenierte sie 1996 am Schauspielhaus Bochum. Zuletzt inszenierte sie ebenfalls in Bochum Shakespeares "Sommernachtstraum"

Ijoma Mangold gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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