Harald Martenstein: Über Ehrlichkeit in der Politik

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 44/2014

Helmut Kohls Biograf hat gegen den Willen von Helmut Kohl ein wunderbar trashiges und auch postmodernes Buch veröffentlicht, Vermächtnis. Es beruht auf langen Gesprächen mit dem Altkanzler. In diesem Buch werden fast alle Weggefährten von Helmut Kohl unflätig beschimpft. Thomas Bernhard, der Helmut Kohl der Literatur, hätte es genauso geschrieben.

Es ist ein ehrliches Buch, vielleicht die erste ehrliche, wenngleich inoffizielle Politiker-Autobiografie. Mehr Ehrlichkeit in der Politik – genau das wird seit Jahren immer wieder gefordert. Man muss Ehrlichkeit in der Politik dann aber auch aushalten können.

In der Zeitung taz ist Helmut Kohl vorgeworfen worden, dass er sich bei den Beschimpfungen sexistisch verhalte. Zitat aus der taz: "Politikerinnen werden besonders übel beschimpft." Das sehe ich nicht so. Gewiss, über die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sagt Kohl: "Eine Schreckschraube, die sich wegen günstiger Todesfälle in der Frauenunion hochhievte ins Kabinett." Das klingt erst mal hart. Aber ich finde es deutlich freundlicher als die Worte über den Ex-Bundespräsidenten Walter Scheel: "Eine charakterliche Null, der nichts einbrachte außer seiner NSDAP-Mitgliedschaft." Bei aller Kritik an Rita Süssmuth, Kohl spricht ihr weder Charakter gänzlich ab, noch stellt er sie, als Schreckschraube, in die Nazi-Ecke. Schrauben sind unpolitisch.

Hildegard Hamm-Brücher sei "eines der bösartigsten Weiber in der Geschichte der Republik", gewiss, das ist O-Ton Kohl, aber man muss es fairerweise im Kontext mit seiner Aussage über Lothar Späth sehen. Späth sei "der Dreckigste von allen", demnach doch wohl immer noch eine Spur dreckiger als Hildegard Hamm-Brücher. Bösartige Menschen können durchaus sauber sein. Wenn Kohl seiner Nachfolgerin Angela Merkel ankreidet, sie habe nicht mit Messer und Gabel essen können, dann ist das nur eine unbedeutende Kritik an einem Verhaltensdetail. Ganz anders, nämlich grundsätzlicher, klingt Kohls Beschreibung der Amtsführung des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss. "Wie oft war er am helllichten Tag betrunken. Fast in jedem Staatsakt saß er vorne und schlief." Ich finde, wenn man bei einem Staatsbankett schläft, dann ist das viel peinlicher, als wenn man versehentlich die Hummerconsommé mit der Kuchengabel isst.

Relativ gut kommen Heiner Geißler und Johannes Rau weg. Der verstorbene Bundespräsident Rau sei eine "absurde Figur" gewesen, Kohl stellt den großen Sozialdemokraten also in seiner ästhetischen Relevanz auf eine Stufe mit existenzialistischen Künstlern wie Albert Camus. Heiner Geißler, ein "Narr und Rechthaber", spielt bei Kohl sogar in einer Liga mit großen Clowns wie Charlie Chaplin, über den man das Gleiche sagen könnte. Pauschalurteile fällt Kohl selten, mit einer Ausnahme: Die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes seien allesamt "Arschlöcher". Da im diplomatischen Korps noch immer die Männer dominieren, fällt spätestens hier der Sexismus-Vorwurf der taz in sich zusammen.

Ich finde, das Kohl-Buch sollte verfilmt werden, der Film Vermächtnis müsste dann so ein bisschen im Stil von Quentin Tarantino gemacht werden, mit Samuel L. Jackson als dauerbedröhntem Theodor Heuss. Lothar Späth, den Dreckigsten von allen, muss natürlich Christoph Waltz spielen. Am Schluss nimmt Kohl, in dieser Rolle sehe ich Uma Thurman, sein japanisches Kampfschwert und verarbeitet mit den Worten "Nimm dies, Arschloch!" das Auswärtige Amt zu Hackfleisch. Die Jugend würde sich wieder für Politik interessieren.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sehr schön, insgesamt ware es doch 11ß textstellen, von denen Herr Kohl nicht mehr lesen wollte, das wurde jetzt doch unterboten, schade eigentlich. Ich werd mal gleich die TAZ informieren, daß hier Sexismus schamlos relativiert wurde, die freuen sich immer so über Sie. Bei "Ach lach doch mal!" kriegen die jetzt immer Schnappatmung. Und dann noch Uma Thurman als Helmut Kohl - wenn das mal nicht eine verdeckte Finte gegen Transgender ist - alter Chauvi ;o)

Mehr Ehrlichkeit am Menschen - "Schrauben sind unpolitisch" (HM). Oh nein, Sie sind Sexismus pur. Unverdächtiger Gewährsmann: Der Uralt-Linguist Varro, der - nebenbei gesagt - auch den ältesten Beleg für das genderverpönte Wort "angraben" liefert. "Scrobem fodere", eine Grube (für einen Baumsetzling) graben - und prompt sind die frühchristlichen Exegeten auf dieses Bild angesprungen. Und wie wehrt sich die fromme Frau, ihr geschlechtsspezifisches Sekundärteil auf den Akt der Penetration reduziert zu sehen? Mit Kronzeugin Hildegard von Bingen und einem Bild im "Scivias", wo die wehrhafte Politikerin ihre "vagina dentata" (ahja, Haare auf den Zähnen!) gar erschröcklich gegen Zudringlinge einsetzt. Der alte Kohl hatte also (unbewußt, natürlich) Angst vor dem Abbiss seines absurden Johannes. Wenn das nicht Elementarpolitik ist?!?