Die großen Fragen der Liebe: Soll sie ihm seine Reue glauben?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 44/2014

Die Frage: Marlene und Siegfried sind seit zwanzig Jahren verheiratet. Nach außen sieht ihre Ehe wie eine Erfolgsgeschichte aus. Aber es gab auch Unzufriedenheit. Während einer beruflichen Krise hat sich Siegfried mit einer Frau zusammengetan. Als Marlene das entdeckte, gab es zermürbende Szenen, Siegfried gab die Geliebte auf, verweigerte sich aber Marlenes Wunsch, zur Silberhochzeit das Treuegelöbnis zu erneuern. Er lasse sich nicht anketten. Jetzt hat sich Marlene verliebt. Sie sagt es Siegfried, der ihr Szenen macht, droht, sie zu verlassen. Er tut es nicht, sondern möchte recht plötzlich das Silberhochzeitsritual mit neuem Treueschwur haben. Er bereue, was er während seiner Krise getan habe, und bittet sie, ihm zu verzeihen. Marlene kann nicht glauben, dass seine Reue echt ist.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Das Rechtsempfinden vieler Menschen bleibt kindlich, vor allem was die Treue in der Liebe angeht. Wenn sie nicht erwischt werden, ist ihrer Überzeugung nach nichts Böses geschehen. Wenn sie damit nicht durchkommen, zeigen sie Reue. So gewinnen Beobachter den Eindruck, diese Reue sei nicht aufrichtig. Das trifft so nicht zu. Sie ist aufrichtig, aber nicht tief, sie reicht nicht weiter als der Wunsch des Kindes, die Mutter zu versöhnen. Siegfried hat seine Rolle als Typ, der sich nicht an die Kette legen lässt, nur so lange aufrechterhalten können, wie er sich Marlenes sicher war. Sich jetzt auf der Grundlage der Verlustängste neu zu binden mag nicht dem romantischen Ideal entsprechen. Wenn sich aber ein Paar mit diesem Ritual beruhigen kann, ist das nicht gering zu schätzen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau" ist bei Orell Füssli erschienen.

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