Internet Ja, wo ist das Internet?

© Heinrich Holtgreve
Mit dem Internet verhält es sich wie mit dem menschlichen Gehirn: Ganze Forschergenerationen scheiterten daran, es schlüssig zu beschreiben. Vielleicht macht ja genau das die Magie aus. Von
ZEITmagazin Nr. 45/2014

Kürzlich musste meine Tante ins Krankenhaus. Es ging nur um einen kleinen Eingriff, alles lief nach Plan. Bis sie mich am dritten Tag aus dem Klinikbett anrief:

"Das iPad, das du mir zum Geburtstag geschenkt hast, funktioniert nicht mehr."

"Was machst du denn damit?"

"Gleich kommt meine Zimmernachbarin vorbei, und wir wollen Filme schauen in der Mediathek. Aber jetzt kommt ein Warnzeichen, dass es kein Internet mehr gibt."

"Ach! Ich wusste gar nicht, dass das Krankenhaus WLAN hat."

"Wie meinst du? Das iPad sagt jedenfalls, es hat keine mobilen Daten mehr. Ja, wo ist das Internet?"

Das Gespräch mit meiner Tante, 82, brachte zwei Erkenntnisse. Erstens: In ihrem iPad steckte noch meine alte Mobilfunkkarte, die nach Verlassen der heimischen WLAN-Zone für den Preis eines Zwei-Sterne-Abendessens allzu lange die Versorgung mit datenintensiven ARD-Vorabendserien sichergestellt hatte.

Zweitens: Meine Tante, die mehrere Stufen der digitalen Evolution übersprungen und mit ihrem Tablet erst neulich das Netz betreten hatte, hat ein erheblich moderneres Konzept davon verinnerlicht als ich. Mein halbes Leben ist geprägt von der oft vergeblichen Suche nach Telefondosen, LAN-Kabeln, nach offenem WLAN, nach GPRS- und LTE-Empfang, nach irgendeiner noch so wackeligen Verbindung zu diesem Internet – sowie nach Ideen, wofür man es nutzen könnte, wenn es nur endlich funktionierte. Meine Tante hingegen setzt die ubiquitäre Existenz des Internets und aller in ihm enthaltenen Wunder als gegeben voraus.

"Information bewegt sich, oder wir bewegen uns zu ihr." Dieser große Satz steht am Anfang des vielleicht wichtigsten historischen Berichts von einer Reise zum Aufenthaltsort des Netzes. Der amerikanische Schriftstellers Neal Stephenson machte sich vor 18 Jahren auf, ihn zu suchen. Seine Expedition führte ihn über vier Kontinente, auf den Spuren des gigantischen Glasfaserkabels FLAG, des Fiber-Optic Link Around the Globe, das Daten um die Welt pumpt. Das Netz, so die Erkenntnis der Forschungsreise, hat keinen Ort. Es lebt irgendwo zwischen den Orten.

Auch der Fotograf Heinrich Holtgreve scheiterte auf grandiose Weise, als er sich aufmachte, das Internet abzubilden. Seine magischen Arbeiten zeigen die geheimen Gullydeckel in Alexandria, unter denen ein Tiefsee-Glasfaserkabel anlandet, zeigen Serverräume, LAN-Steckdosen. Das Netz ist nirgends zu sehen, es bleibt abstrakt.

Kein Wunder, denn so wurde es bereits geboren. Der Vorläufer des Internets, das Arpanet, kam ins Dasein vor genau 45 Jahren, am 29. Oktober 1969, und zwar in dem Moment, als mithilfe seiner frisch definierten Protokolle erstmals die Verbindung zwischen zwei kalifornischen Computern entstand. Heute verbindet das Internet, das eigentlich – noch abstrakter – nicht ein Netzwerk, sondern ein Netzwerk von Netzwerken ist, einige Milliarden Dinge, vom Tiefseeroboter über das iPad meiner Tante bis zur Raumstation ISS. Sogar meine neuen Glühbirnen sind im Internet, oder besser: Das Internet ist irgendwo zwischen ihnen.

Ja, wo ist das Internet? Das, was wir heute darunter zu verstehen beginnen, ist sogar noch schwerer zu fassen als die ursprüngliche Ingenieursdefinition. Mit dem Netz verhält es sich nämlich wie mit unserem Gehirn. Letzteres hat bereits Forschergenerationen zermürbt, weil es sich trotz der immer besseren Beschreibung seiner Synapsen, Botenstoffe und Aktivitätsmuster bis heute einem tieferen Verständnis entzieht: Was ist Bewusstsein? Ja, wo sitzt unser Geist?

Auch die Milliarden Onlineverbindungen haben etwas entstehen lassen, das weit über die verknüpfte Hard- und Software hinausweist. Nicht nur Großbanken und Glühbirnen sind heute verbunden, das allgegenwärtige Internet verbindet uns selbst in jedem Moment mit Milliarden Dingen und Milliarden Menschen. Im Netz fließen unsere Gedanken und Gelder, in ihm entstehen Liebe und Kriege.

Bleibt die Frage, wann dieser Weltgeist, der an keinem Ort zu finden ist und von dem wir uns kein Bildnis machen können, seine ganz eigene Form von Bewusstsein erlangt. Oder ob er das bereits getan hat.

Nachdem meine Tante aus dem Krankenhaus entlassen war, rief sie noch einmal an:

"Das Internet weiß, dass ich wieder zu Hause bin."

"Warum?"

"Ich kann wieder Mediathek-Filme schauen. Und grad kam ein Bote mit Blumen, ohne Absenderkärtchen."

"Ach!"

"Er sagt, die kommen vom Internet."

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