Wim Wenders "Mein erster Film ist leider verschüttgegangen"

Als junger Mann fehlte Wim Wenders Geld für eine Kamera. Schweren Herzens musste er einen Tauschhandel eingehen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 45/2014

ZEITmagazin: Herr Wenders, Sie haben mehr als vierzig Filme gedreht – dabei wollten Sie eigentlich Maler werden.

Wim Wenders: Tja, erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt ... Ich habe mich in jungen Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie beworben, wo ich dann aber – vielleicht zu meinem Glück? – nicht angenommen wurde. Auf der Grafenberger Allee in Düsseldorf hatte ich unter dem Dach ein Atelier, dort habe ich gemalt, Saxofon gespielt und Gedichte geschrieben. Und im Hinterkopf hatte ich irgendwie, dass es eine tolle Sache wäre, einen Film zu machen. Eine ganze Menge amerikanischer Maler wie Andy Warhol, Stan Brakhage oder Michael Snow waren unter die Filmemacher gegangen. Ihre experimentellen Filme schienen mir eine hochinteressante Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln. Ich hatte schon als Jugendlicher viel auf 8 mm gedreht, aber für einen richtigen Film hätten es schon 16 mm sein müssen! Doch das war unerschwinglich.

ZEITmagazin: Wie haben Sie es denn dann geschafft, Ihren ersten Film zu machen?

Wenders: Ich kam in der Düsseldorfer Altstadt zufällig an einem Pfandgeschäft vorbei. In der Auslage lag mein absoluter Traum: eine Bolex-Kamera mit drei Objektiven! Ich hab mir die Nase am Schaufenster platt gedrückt. Dann bin ich reingegangen und hab gefragt, was die Kamera kosten würde. Tausend Mark müsste ich schon haben, meinte der Pfandleiher. Am nächsten Tag habe ich dann mein Selmer-Tenorsaxofon mitgebracht und ihn gefragt, was ich dafür kriegen könnte. Tausend Mark, sagte er natürlich. Also habe ich ihm mein herrliches Tenorsaxofon dagelassen und die Bolex bekommen. Im Nachhinein klingt es ein bisschen wie das Märchen von Hans im Glück, der mit jedem Tausch ärmer wird ...

ZEITmagazin: Sie haben Ihr Tenorsaxofon geopfert?

Wenders: Wahrscheinlich was das Eintauschen meines geliebten Saxofons meine Rettung. Ich wäre bestimmt ein schlechter Musiker geworden, vielleicht auch ein schlechter Maler. Auf jeden Fall hat diese olle Bolex eine Berufsentscheidung für mich gefällt. Ich habe seither nie mehr ein Saxofon angerührt. Das Ding stand lange noch in der Auslage, ich hätte es auch nach ein paar Monaten wieder auslösen können. Aber ich hatte natürlich nicht noch mal tausend Mark. Das Filmemachen war teurer, als ich dachte.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihren ersten Film noch?

Wenders: Der ist leider verschüttgegangen. Er hat mich viel Geld gekostet, das Filmmaterial war teuer, es musste entwickelt werden, eine Klebepresse brauchte ich auch noch, und einen 16-mm-Projektor musste ich mir dann leihen. Ich habe die Kamera noch als Student an der Filmhochschule in München benutzt, wo ich schließlich aufgenommen wurde. Viele meiner Kommilitonen haben damit gedreht. Schließlich wurde sie auf einer Demo 1968 von der Polizei beschlagnahmt. Und dann war sie weg.

ZEITmagazin: Ist Ihnen jemals ein Film aus Ihrer Sicht misslungen?

Wenders: Allerdings. Ich war ein naiver junger Filmemacher, und nach meinem ersten richtigen Film, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, bot man mir an, einen Film mit einem verhältnismäßig großen Budget zu machen – frei nach Nathaniel Hawthornes Roman Der scharlachrote Buchstabe. Ich hatte in meiner Abiturprüfung über dieses Buch geschrieben und dachte: Fantastisch, kenne ich, kann ich! Und damit fing der Stress an. Eine lange Geschichte. Ich bin immer erleichtert, wenn jemand sagt, den Film habe er nicht gesehen ...

ZEITmagazin: War das eine Selbstüberschätzung?

Wenders: Das auch, aber es war einfach alles verkehrt. Ich war der falsche Mann am falschen Ort, um die falsche Geschichte zu erzählen, mit den falschen Schauspielern. Aber immerhin habe ich daraus gelernt.

ZEITmagazin: Was haben Sie gelernt?

Wenders: Nie mehr einen Film zu machen, bei dem ich nicht genau weiß, ob ich es überhaupt in mir habe, diese Geschichte zu erzählen. Ein Film muss auf einer Erfahrung beruhen, das war die große Lektion, sonst wird er eine pure Behauptung. Man ist nicht mehr wie ein Fisch im Wasser, sondern außerhalb seines Elements. Wenn du dich in einer Zone bewegst, wo du dich nicht mehr auskennst, bist du auch nicht mehr bei dir selbst. Das ist verheerend. Das ist die Definition von Stress.

© ZEITmagazin

Wim Wenders, 69, wurde in Düsseldorf geboren. 1984 gewann der Regisseur in Cannes die Goldene Palme für seinen Film Paris, Texas, zwei Jahre später wurde er dort für Der Himmel über Berlin ausgezeichnet. Mit zwei Dokumentarfilmen war Wenders bereits für den Oscar nominiert. Nun läuft Das Salz der Erde im Kino – ein Film über den großartigen Fotografen Sebastião Salgado

Der Psychologe Louis Lewitan gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

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Unwahrheit unterstellen? neun,aber...Atelier unterm Dach.Saxofon spielen? auf Zimmerlautstärke? glaub ich nicht.Das mit der Nichtaufnahme auf die Akademie glaube ich auch nicht Beuys hätte ihn genommen.Der nahm doch jeden.Zum Thema Chefarztsohn möchte ich aber sagen dass das natürlich typisch ist für Düsseldorf Westdeutschland, dass da immer nur die obere Mittelschicht überhaupt die Chance hat erfolgreich Kunst zu machen.Bei Kraftwerk ist es das selbige.usw.