Redewendungen Was heißt hier polnischer Abgang?

© Ole Haentzschel
Viele Nationen benutzen die gleiche Redewendung für den grußlosen Abschied von einer Party. Aber ein aufschlussreiches Detail ist immer anders. Von und
ZEITmagazin Nr. 46/2014
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Von einem Fest zu verschwinden, ohne sich von Gastgebern und Gästen zu verabschieden, heißt im Deutschen entweder einen polnischen Abgang oder Abschied machen (vor allem in Berlin und im Osten) – oder sich französisch verabschieden (eher in Westdeutschland). Beide Nationen sind an diesen Ausdrücken vollkommen schuldlos, denn weder in Polen noch in Frankreich wird traditionell die Kultur des Nichtabschieds gepflegt. Dass diese Form des Abschieds eher beliebig nach Nationen benannt wird, zeigt sich auch daran, dass das, was in Deutschland polnisch heißt, in Polen englisch heißt und in England französisch und in Frankreich wiederum englisch. Es sind immer die anderen, die sich davonschleichen.

Der polnische Abgang ist dabei im Deutschen die jüngere Redewendung, entstanden in den Jahren nach dem Mauerfall, damals, als man auch noch Polenwitze machte, in denen es meistens um Diebstahlsdelikte ging. So steht es jedenfalls in der einzigen wissenschaftlichen Abhandlung zur Herkunft des Worts, einer Hausarbeit des Germanisten Dirk Ramthor. Dass man europaweit vor allem Franzosen und Engländern den schnellen Abgang unterstellt, liegt wohl ursprünglich daran, dass diese Nationen sich im Krieg feige verhalten haben sollen.

Inzwischen passt diese Unterstellung auch deshalb nicht mehr, weil der grußlose Abschied gar nicht mehr als so unhöflich empfunden wird. Warum den Gastgeber um 23 Uhr in seiner Feierlaune bremsen, nur weil man wegwill oder -muss? Partyverabschiedungen sind sowieso immer lau. Was gibt es schon groß zu sagen außer: Danke, auf bald? Dagegen haftet dem plötzlichen Verschwinden natürlich etwas Verwegenes an. Warum verschwindet sie oder er – und vielleicht auch: mit wem? Nur wenn es sich um eine Abendveranstaltung zu zweit handelt, sollte man einen anderen Weg finden.

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