Gesellschaftskritik: Über Preisreden

© Kevin Winter/​Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 47/2014

Vor ein paar Tagen ist die Schauspielerin Emma Watson zur "Britischen Künstlerin des Jahres" gekürt worden, ein Preis, der in Los Angeles von der Vereinigung Britischer Filmschaffender vergeben wird. Als Emma Watson die Trophäe entgegennahm, sagte sie: "Ruhe in Frieden, Millie! Der hier ist für dich!"

Millie war, wie man sofort überall nachlesen konnte, ihr Hamster, und er ist seit 13 Jahren tot. Er starb an Herzversagen, als Emma Watson im ersten Harry Potter-Film mitspielte. Damals war sie elf. Die Bühnenbildner hätten, so erzählte sie, für Millie damals einen kleinen, mit Samt ausgeschlagenen Sarg gebaut. Das klingt niedlich, aber wir von der Gesellschaftskritik fragen uns: Was ist der eigentliche Grund dafür, in so einem Moment an seinen Hamster zu erinnern? Gab es da nicht wichtigere Weggefährten für Emma Watson? Wollte sie sich über Preisverleihungen lustig machen?

Seitdem der Hamster tot ist, hat Emma Watson fast jedes Jahr einen Harry Potter-Film gedreht, sie ist daneben zur Schule gegangen und hat diese mit den besten Noten abgeschlossen. Im vergangenen Frühjahr hat sie ein Literaturstudium beendet. Sie arbeitet als Model und tritt als UN-Botschafterin für die Belange von Frauen ein. Außerdem ist es ihr gelungen, sich eine Filmkarriere nach Harry Potter aufzubauen. Emma Watson ist so was wie ein Role-Model für eine ganze Generation von Mädchen. Das klingt toll – und wahnsinnig anstrengend.

Vermutlich waren jene Momente mit Millie auch die letzten Momente von Emma Watsons Kindheit. Einem Hamster ist es egal, wie gut du schauspielerst, es ist ihm egal, wie hübsch du bist, einem Hamster ist es auch völlig wurscht, wie berühmt du bist, und Role-Models braucht er in seinem Hamsterrad auch nicht.

Ein Hamster ist darüber hinaus auch noch ein sehr bescheidenes Haustier. Mit ihm kann man nicht angeben, man kann mit ihm noch nicht einmal promenieren, und cool ist er auch nicht. Der Hamster ist einfach ein Tier für Kinder.

"Ich bin stolz, dass Emma immer noch schauspielern will", sagte Joanne K. Rowling in einem Einspieler, der bei der Verleihung gezeigt wurde. "Das heißt, wir haben ihr Leben nicht ruiniert." Damit hat sie bestimmt recht, aber vielleicht sollte sie Emma Watson trotzdem einen Hamster schenken. Einen, der Emma jeden Tag aus seinen treuen Hamsteraugen anschaut, ohne sie zu bewerten. Vielleicht brauchten wir alle so einen Hamster.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Jean-Anthelme Brillat-Savarin

#1  —  17. November 2014, 9:21 Uhr

"Gesellschaftskritik"? Eher der Wunsch nach einem eigenen Hamster; und so was in der ZEIT. Wenn das die Gräfin wüßte ...

... und die Hamster sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Gute Millie (sie war ein Weibchen! Eigentlich Emily), als sie ging, schlüpfte Miss Watson alsbald in ihre Rolle, unverdrossen das Hamsterrad und sich selbst zu drehen - bis hin zur physiognomischen Angleichung bei obiger Preisverleihung. Lächle, HamsterIn, lächle schneller - auf deinen Platz warten schon viele andere aufstrebende HamsterInnen, deren BotschafterIn zu sein du wahrlich verdienst. Wer mich jetzt für eine Reinkarnation des hamsterhassenden Voldemort hielte, läge völlig schief. Ich vergöttinne Miss Watson - und auch die unermüdlich schaffenden GesellschaftskritikerInnen, die wie die Zeus-Töcht- und EnkelInnen sich von neuem in alle möglichen trojanischen Kriege stürzen, spätere Heirat inbegriffen: Do it like Hermione. Nur die späten Adepten gehobener Fresslust sehen in ihnen Schnepfenwürfel an Trüffelscheiben - aber so jemand macht ja auch alles zum Tartelette. Die ostpreußische Gräfin hingegen - ein Muster an Pflichterfüllung wie Miss Watson - hat zwar in ihrem Beritt so manches Hamsterrad aufgestellt - aber so humorlos wie ein Physiologe du Gout war sie nie. Fragt doch Alice ...

Ein Hamster ist kein Tier für Kinder, da er nachtaktiv ist, wenn die lieben Kleinen eigentlich im Bett sein sollten. Aber nun ist sie ja im richtigen Alter für einen Hamster. ;)