Das war meine Rettung "Ich komme aus einem sehr nationalistischen Land"

Ihre Eltern verließen mit ihr die russische Heimat. Für Marianna Salzmann begann die lange Suche nach ihrer Identität.
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 48/2014

ZEITmagazin: Frau Salzmann, Sie waren zehn, als Sie mit Ihren Eltern aus Russland nach Deutschland kamen. Wie gut ist Ihr Russisch noch?

Marianna Salzmann: Ich rede mit meinen Eltern Russisch, obwohl sie einwandfrei Deutsch können. Aber es ist ein kindliches Russisch. Und etwas zu literarisch, da ich auf Russisch lese. Insofern ist mein Russisch mal literarisch, mal kindlich. Straßensprache kann ich gar nicht. Das fehlt mir fürs Schreiben in meiner Muttersprache.

ZEITmagazin: Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Salzmann: Schon sehr früh, noch in Moskau. Auslöser war die Geburt meines Bruders. Er ist sieben Jahre jünger als ich. Bis dahin war ich der Mittelpunkt der Familie. Mit seiner Geburt verschob sich der Fokus. Also habe ich begonnen, dieses Wesen zu beobachten. Das erzählt meine Mutter gern: Mein erstes Schreiben waren Liebeserklärungen an meinen Bruder.

ZEITmagazin: Sind Sie sich denn heute nah?

Salzmann: In Deutschland war ich seine Bezugsperson. Und er war meine. Meine Eltern mussten Sprachkurse machen und arbeiten, da bin ich zum Beispiel zu seinen Elternsprechtagen gegangen. Und wenn er rassistischen Äußerungen ausgesetzt war, hat er sich an mich gewandt.

ZEITmagazin: Ein Beispiel?

Salzmann: Die Grundschullehrerin hat ihn als Pascha beschimpft, nur wegen seines Äußeren. Er sieht aus wie ein Türke.

ZEITmagazin: Wo war das?

Salzmann: In einem Kaff bei Hannover. Da haben wir beide viel einstecken müssen. Ich habe die ganze Zeit meine Lehrer beschimpft und dann die Schule abgebrochen ...

ZEITmagazin: Warum haben Sie die Lehrer beschimpft?

Salzmann: Ich war auf einer "weißen" Schule mit Lehrern, die mir sagten: Du musst einfach akzeptieren, dass du nie Deutsch können wirst. In der Orientierungsstufe war mein Deutsch natürlich nicht gut, ich hatte gerade angefangen, die Sprache zu lernen, meine Noten hätten fürs Gymnasium gereicht. Trotzdem habe ich nur eine Realschulempfehlung bekommen. Meine Mutter war empört. Als sie in der Schule nachfragte, hieß es: Auf dem Gymnasium ist sie so alleine, auf der Realschule hat sie wenigstens noch ihre Freunde. Gemeint waren: nichtdeutsche Freunde. Natürlich hat meine Mutter mich trotzdem aufs Gymnasium gesteckt. Aber die Konstruktion um meine Identität hat gewirkt: Ich habe mich dann tatsächlich als "die Andere" gesehen. Dieser Blick auf uns: Wir fangen ab einem bestimmten Punkt an, ihn zu erfüllen. Du sagst, ich bin ein Gangster? Dann bin ich ein Gangster! Du sagst, ich trag Goldkettchen, dann trage ich jetzt ein Goldkettchen. Ich hatte schon immer einen Freundeskreis, der türkisch- und arabischstämmig war. Ich habe die Leute immer als Deutsche gesehen, weil die ja viel besser Deutsch konnten als ich und in Deutschland geboren waren. Und dann hieß es: Das ist aber ein Türke!

ZEITmagazin: Was hat Ihnen geholfen, mit all den Schwierigkeiten fertigzuwerden?

Salzmann: Mein Bruder ist meine Rettung. Einfach weil da immer etwas war, worauf ich mich fixieren konnte. Wir konnten uns immer gut aneinander abarbeiten und ineinander spiegeln. An ihm kann ich analytisch, mit etwas Abstand, Dinge beobachten, die auch mir widerfahren sind.

ZEITmagazin: Warum sind Ihre Eltern eigentlich aus Russland weggegangen?

Salzmann: Auch wegen des Antisemitismus. Meine Familie hatte in Russland einen russischen Nachnamen angenommen. Aber das half nichts. In Russland gibt es eine Staatsangehörigkeit und eine Nationalität. Geboren bin ich mit der Staatsangehörigkeit russisch und der Nationalität Jüdin. Das ist Paragraf 5. Deshalb sagt man in Russland den schrecklichen Satz: Er oder sie krankt an Paragraf 5. Das heißt, die Person ist Jude. Die Leute in meiner Familie haben sich nie als gläubige Juden, sondern als überzeugte Kommunisten gesehen. Aber das hat ihnen nicht geholfen.

ZEITmagazin: Wie erleben Sie im Vergleich dazu Deutschland?

Salzmann: Es hat sich sehr verändert. Als ich hier ankam, war es noch nicht okay, die Deutschlandfahne zu schwenken. Und das fand ich gut. Ich komme aus einem sehr nationalistischen Land, und ich war stolz drauf, in einem Land gelandet zu sein, in dem Nationalismus nicht lebbar war. Ich finde, wir erleben in Deutschland gerade ein Rollback.

Marianna Salzmann, 29, ist in Wolgograd geboren, 1995 kam sie nach Deutschland. Sie studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. Seit 2013 ist sie Hausautorin des Berliner Maxim Gorki Theaters und leitet dessen Studiobühne "Studio Я"

Ijoma Mangold gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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