Ich habe einen Traum Bjarne Mädel

"Nach der Scheidung meiner Eltern merkte ich, dass wir nicht so glücklich waren"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 50/2014

Als Kind hat mich einige Jahre lang ein seltsamer Albtraum verfolgt: Große, orangefarbene Steinkugeln kommen von oben auf mich zu. Sie fallen nicht, sie rollen wie auf Schienen. Anfangs sind sie weit von mir entfernt und haben die Größe von Fußbällen, doch je näher sie kommen, desto größer werden sie. Am Ende haben sie die Ausmaße von Lastwagen. Aber das Bedrohlichste ist der ohrenbetäubende, immer stärker werdende Lärm, mit dem sie sich nähern. Bevor die Kugeln mich erdrückt haben, bin ich wach geworden, schweißgebadet. Ich hatte große Angst, wieder einzuschlafen. Angst davor, dass der Lärm zurückkommt.

In einem anderen Albtraum, den ich eine Zeit lang immer wieder hatte, sind mir alle Zähne ausgefallen. Ich habe gehört, so ein Traum würde für Verlustängste stehen und für die Angst vor sexuellem Versagen. Das klingt einleuchtend. Die Kugeln allerdings kann ich mir bis heute nicht erklären. Glücklicherweise hatte ich beide Albträume schon seit Jahren nicht mehr. Was immer dahinterstand – es scheint sich erledigt zu haben.

Es ist wohl bezeichnend für mich, dass mir als Erstes meine Albträume einfallen. Es gibt frühe Kinderfotos, auf denen man einen Hang zur Melancholie in meinem Gesicht erkennen kann. Ich habe keine Ahnung, wo die herkommt. Ich genieße es, wenn es mir gut geht. Aber ich bin mir immer bewusst, dass alles Schöne enden kann.

Diese Haltung wurzelt wohl in meiner Kindheit. Die war toll, behütet, ich lebte in einer glücklichen Familie. Als sich meine Eltern dann scheiden ließen, musste ich feststellen, dass wir doch nicht so glücklich waren, zumindest nicht alle.

Einer meiner schönsten Träume hatte mit Neugier und Freiheit zu tun: Als Junge habe ich mir häufig gewünscht, unsichtbar zu sein. Zum einen, weil ich dann im Traum meine hübsche Deutschlehrerin unter der Dusche beobachten konnte. Aber vor allem, weil ich so die Möglichkeit hatte, unerkannt mir unbekannte Bereiche des Lebens zu beobachten. Zusehen, ohne teilzunehmen – das gab mir ein Gefühl von Sicherheit.

Beim Aufwachen erinnere ich mich meistens sehr gut an meine Träume, und wenn in diesem Moment ein Gesprächspartner da ist, erzähle ich gern von ihnen.

Manchmal bringen mich meine Träume sogar zum Lachen. Kürzlich hatte ich einen völlig albernen Traum, in dem ein absurd dicker Spatz auf einem Ast saß, für den er viel zu fett war und auf dem er sich nicht halten konnte. Im Traum musste ich über dieses absurde Bild laut lachen. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil ich sonst nicht dazu neige, laut zu lachen. Obwohl ich gerne Menschen zum Lachen bringe und mich intensiv mit Humor beschäftige, lache ich selbst eher trocken nach innen. Da bin ich wie Schotty, meine Figur, absolut norddeutsch von Natur.

Bjarne Mädel, 46, wurde in Hamburg geboren. Nach einem Literaturstudium besuchte er die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam, spielte am Volkstheater Rostock und am Schauspielhaus Hamburg. Bekannt wurde er durch seine Rolle in der TV-Serie "Stromberg". Als Heiko "Schotty" Schotte spielte er die Hauptrolle in der Serie "Der Tatortreiniger", für die er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Noch bis zum 16. Dezember ist er dienstags um 20.15 Uhr in der ARD-Serie "Mord mit Aussicht" zu sehen

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