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Das war meine Rettung "Zeigen, was du wirklich wert bist"

Als der Fotograf Elliott Erwitt sich gegen eine Millionenklage wehren musste, spornte ihn das an, noch erfolgreicher zu sein. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 50/2014

ZEITmagazin: Herr Erwitt, Sie haben berühmte Persönlichkeiten fotografiert, zum Beispiel den Präsidenten John F. Kennedy und Marilyn Monroe. Wie haben Sie die beiden in Erinnerung?

Elliott Erwitt: Ich mochte Präsident Kennedy, er war nett, witzig, klug und nahbar. Marilyn war natürlich vor allem schön. Sie hatte Charme, und sie war ein bisschen verrückt. Im Grunde war sie unsicher, einfach sehr menschlich, nicht wie andere große Filmstars. Sie mochte mich. Aber ich hoffe, meine Karriere beruht nicht nur auf Bildern von Berühmtheiten!

ZEITmagazin: Ganz und gar nicht, Sie haben viele wunderbare Fotos unbekannter Hunde gemacht.

Erwitt: Ja, ich mag Hunde sehr. Sie leben nicht so lange wie Menschen.

ZEITmagazin: Wann haben Sie Ihre Liebe zur Fotografie entdeckt?

Erwitt: Als ich 16 war, kaufte ich mir eine Kamera und fing einfach an, Bilder zu machen. Ich musste damals schon meine Miete selbst zahlen, also fotografierte ich Leute aus der Gegend, meine Nachbarn, den Zahnarzt, und verkaufte ihnen die Bilder. Und dann bekam ich zum Glück einen Job in einem Fotolabor in Hollywood. Dort entwickelte ich Bilder von Filmstars in der Dunkelkammer. Ich wurde besser und besser, und irgendwann konnte ich davon leben. Die Mieten waren damals noch nicht so hoch.

ZEITmagazin: In den fünfziger Jahren wurden Sie Mitglied der Fotoagentur Magnum, später waren Sie ihr Präsident. Haben Sie überhaupt jemals daran gedacht, einen anderen Beruf zu wählen?

Erwitt: Nein, tut mir leid, wenn ich Sie jetzt für Ihre Kolumne enttäusche. Aber ich wäre kein guter Verkäufer oder Ingenieur geworden. Ich mag es einfach nicht, für andere Leute zu arbeiten. Die einzige Zeit, in der ich nicht selbstständig gearbeitet habe, war meine Zeit in der Army. Ich bin der geborene Freiberufler. Und ich konnte immer meine Kinder ernähren, Unterhalt für meine Ehefrauen zahlen und ein bisschen was zur Seite legen.

ZEITmagazin: Sie waren vier Mal verheiratet ...

Erwitt: Ja. Ich mag Frauen sehr und hatte deswegen so manche Krise. Für meine Kinder tut mir das natürlich leid. Ich habe vier Töchter und zwei Söhne, und ich bedauere es schon, früher nicht mehr Zeit mit ihnen verbracht zu haben, ich war viel auf Reisen. Aber heute verstehen wir uns sehr gut. Einer meiner Söhne ist übrigens auch Fotograf, und drei meiner Töchter haben mit Fotografie zu tun.

ZEITmagazin: Und beruflich, gab es da eine Krise?

Erwitt: Es gab einen Menschen in dem Verlag, an den ich gebunden war, der mich daran hindern wollte, mein Leben so zu leben, wie ich es will. Ein schrecklicher Mensch, der jeden vor Gericht zerrte, also erwähnen wir lieber nicht seinen Namen, sonst verklagt er mich schon wieder. Er war sehr intelligent, er wusste, wie man Menschen mit Verträgen übers Ohr haut. Er hat mich auf eine Million Dollar verklagt, bloß weil ein Abzug von mir leicht beschädigt war. Und das war nur eine seiner Klagen, es gab weitere. Bis ich dann endlich den Verlag verlassen konnte.

ZEITmagazin: Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Klage erfuhren? Waren Sie wütend, hasserfüllt, rachsüchtig?

Erwitt: Von alldem etwas. Ich war zu der Zeit gerade in Brasilien und dachte: Ich verfluche ihn einfach mit einem Voodoo-Zauber, vielleicht funktioniert das ja! Aber leider benötigt man dafür irgendwas von der Person, der man mit dem Zauber schaden will, Haare oder so etwas. Egal, er hat es überlebt.

ZEITmagazin: Wie sind Sie aus der Krise rausgekommen?

Erwitt: Für die Klage gab es wirklich keine Grundlage, er wollte mich einfach nur einschüchtern. Was macht man also, wenn man verklagt wird? Man nimmt sich Anwälte. Aber das ist teuer, sehr teuer, und damals stand ich finanziell nicht so gut da. Ich habe im Lauf von drei Jahren ungefähr eine Viertelmillion Dollar ausgeben müssen, um mich zu verteidigen. Ich hatte keine Wahl. Doch mich hat das angestachelt, ich wollte unbedingt beweisen, dass ich besser bin, als er mich darstellt. Sein Verhalten hatte den umgekehrten Effekt: Es schüchterte mich nicht ein, sondern ich wollte noch erfolgreicher sein, noch mehr Bücher veröffentlichen.

ZEITmagazin: Sie haben nicht aufgegeben, sondern gekämpft. Sind Sie ein stolzer Mensch?

Erwitt: Ja. Ich glaube, wenn jemand so offensichtlich auf dich scheißt, willst du einfach erst recht zeigen, was du wirklich wert bist.

Elliott Erwitt, 86, wurde in Paris geboren. 1939 emigrierte seine Familie in die USA. Erwitt studierte Fotografie in Los Angeles und New York, von 1953 an arbeitete er für Magnum. Er spielt in seinen Fotos mit den absurden Momenten des Alltags, eines seiner Lieblingsmotive sind Hunde.

Der Psychologe Louis Lewitan gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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