Bankenskandal Berlin Am Pranger

Christian Neuling galt 2001 als eine zentrale Figur im Berliner Bankenskandal, sein Fall brachte Klaus Wowereit nach oben. Ein Lehrstück über die Brutalität der öffentlichen Jagd. Von
ZEITmagazin Nr. 51/2014

Neuling stand an einem tiefen Abgrund, und da steht er immer noch. Neuling sagt, im Grunde gehe es bei ihm um die Frage, "ob ich am Ende leben oder sterben will. So einfach ist das."

Die Geschichte über einen Mann, der sich einer existenziellen Seelenkrise stellt, wäre schon genug. Aber Neulings Geschichte reicht weiter, sie ist auch die Geschichte von Klaus Wowereit und der Art und Weise, wie er 2001 nach der Macht gegriffen hat. Ohne Neulings Sturz wäre Wowereit nicht Regierender Bürgermeister geworden. Dreizehn Jahre hielt Wowereits Macht, in diesen Tagen ist er zurückgetreten. Regelrecht gestürzt hat er sich damals auf Neulings Krise, in den Archiven ist vor allem ein Satz Wowereits festgehalten: Er hoffe, dass Neuling "einer gerechten Strafe zugeführt" werde.

Wäre schon genug, diese Geschichte von Aufstieg und Niedergang, aber der Fall Neuling geht noch viel weiter: Er taugt für ein Lehrstück über die Brutalität des öffentlichen Prangers und die manchmal buchstäblich fast tödliche Mischung aus Politik, Justiz und Medien, die nichts anderes als die Jagd zum Prinzip erklärt, bis es endlich erlegt ist, das Opfer. Ein Lehrstück auch darüber, warum in dieser Hatz nichts weniger Platz hat als die zweifelnde Frage, ob man mit dem Gejagten auch wirklich den richtigen Mann aufs Korn genommen hat.

Christian Neuling ist 71 Jahre alt, weiße Haare, schmal, durchtrainiert. Bei unseren Treffen in einem Berliner Café wirkt er immer ein wenig, als sei er auf der Durchreise. Und das ist er ja auch: Er lebt vor allem in London als Privatier, ist aber öfter zu Besuch in Berlin, seine Frau und die beiden erwachsenen Söhne leben hier, sein dritter Sohn ist in Dubai. Neuling strahlt eine gewisse Regungslosigkeit aus, ähnlich dem amerikanischen Filmschauspieler Humphrey Bogart. Da haben sich Jahrzehnte eines merkwürdigen Lebens in das Gesicht geschrieben, da spiegelt sich eine Versteinerung wider, die Neuling nicht wundert: "Ich habe als kleiner Junge im Alter von zehn Jahren beschlossen, jede Art von Emotionen aus meinem Leben zu verbannen. Das hinterlässt Spuren." Er macht eine Pause und sagt: "Eigentlich katastrophal, aber damals hat mir diese Eigenschaft, alles von mir fernzuhalten, geholfen. Damals war es gut."

Damals, als 2001 der Skandal um die Bankgesellschaft Berlin explodierte, in dessen Mittelpunkt umstrittene Immobilienfonds standen, damals, als es eine Zeit lang so aussah, als wären Christian Neuling und sein damaliger Geschäftspartner Klaus Wienhold mit ihrer Immobilienfirma Aubis die zentralen Bösewichter der milliardenschweren Bankenpleite, die Berlin ins finanzielle Desaster führte. Fakt war, dass Aubis einen Kredit in Höhe von 500 Millionen Mark von der Bankgesellschaft-Tochter Berlin Hyp bekommen hatte, für den Kauf von zigtausend Wohnungen in Ostdeutschland. Fakt war, dass Aubis dann in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und schon Ende 1999 die Wohnungen an die Bankgesellschaft verkauft und den Kredit beglichen hatte. Schlagzeilen und Fotos der Zeitungen machten Neuling damals zum Gesicht des Bankenskandals.

"Es war eine seltsame Erfahrung, dass plötzlich Leute, die ich sehr gut kannte, die Straßenseite wechselten, wenn sie mich kommen sahen. Meiner Frau wurde von Freunden nahegelegt, sie solle sich doch besser aus karitativen Organisationen zurückziehen, sie müsse verstehen, wegen ihres Ehemannes. Auch für andere Familienmitglieder wurde unser Nachname plötzlich ein Problem." Neuling sitzt vor seinem frisch gepressten Orangensaft, den er wie immer mit Wasser verdünnt hat, und erinnert sich, nichts davon hat er vergessen. Er sagt: "Es gab einen Vernichtungswillen. Ich kann es nicht anders formulieren."

Die erste von 54 Nächten in Untersuchungshaft überstand er, indem er im Kopf einfache Rechenaufgaben löste

Dann kam am 28. Februar 2002 die Verhaftung, gegen Mittag in der Tiefgarage des Hotels Adlon: "Ich habe das damals wie ein Zuschauer wahrgenommen, ohne jede Regung, ohne jede innere Gefühlssituation, ohne jede Angst, ohne jedes Sonstwas. Ich dachte, das weiß ich heute noch, besser, sie verhaften mich in der Tiefgarage, als oben im Foyer. Ich fragte, ob ich mein Handy mitnehmen kann und ob mein Sohn den Wagen abholen kann. Ich stieg zu den Polizisten ins Auto und wurde in einer Zweigstelle einer Polizeidienststelle zwischengeparkt. Einzelzelle, ich musste meine Schnürsenkel abgeben. Und dann bekam ich den Haftbefehl: Betrug, Fluchtgefahr, ich dachte, die sind ja völlig besoffen, wie kann man so einen Schwachsinn schreiben? Das habe ich gleich kapiert. Nach zwei Stunden brachte man mich dann ins Gefängnis nach Moabit."

Neuling erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. "Wie meine erste Nacht im Knast war? Die Einweisung ist eben so, wie sie ist. Man muss sich nackt ausziehen, überall wird reingefasst, nach irgendwelchen Drogen gesucht. Das ist schon ein bestimmter Vorgang, den muss man erst mal kappen nach außen hin. Ich weiß noch, dass ich damals ein Kreuz bei mir hatte, das mir auf einer Südamerika-Reise ein Guarani-Indianer geschenkt hatte. Es gab eine Diskussion, ob ich das mit in die Zelle nehmen darf. Ich nahm es dann einfach mit. Dann die Zelle, und die Tür geht zu. Alleine. Ein unglaublicher Moment. Ich weiß noch, anscheinend spürte ich eine Art von Angst. Ich dachte: Du darfst auf keinen Fall der Panik nachgeben, du musst was tun dagegen. Mir fiel Homo faber von Max Frisch ein, der Held fängt während der Notlandung des Flugzeuges, in dem Moment größter Angst, an, innerlich Schach zu spielen. Und ich fing mit Mathematik an, simpelste Rechenreihen, zwei mal zwei ist vier, drei mal drei ist neun, ich rechnete und rechnete die ganze Nacht. Das hat mir sehr geholfen." 54 Tage und Nächte Untersuchungshaft wurden es insgesamt, bis er auf Kaution freikam.

Neulings Sturz hatte eine gewaltige Fallhöhe. Er war CDU-Bundestagsabgeordneter, Freunde von ihm waren CDU-Größen auf Bundes- und Landesebene, mit Eberhard Diepgen und seiner Familie fuhren die Neulings an die Ostsee in die Ferien. Er war ein vermögender Mann, er hatte schon sehr früh die Firmengruppe seiner Familie übernommen und saniert und sie dann in den neunziger Jahren für viele Millionen verkauft. Und er war Geschäftsmann geblieben. Nach der Wende stieg er ins Immobiliengeschäft ein, gründete mit einem CDU-Kollegen, dem früheren Polizeikommissar Klaus Wienhold, die Firma Aubis, dessen Idee war es, gemäß dem Altschuldenhilfe-Gesetz Tausende von Wohnungen im deutschen Osten aufzukaufen und zu renovieren, zu hundert Prozent finanziert durch den Bankkredit. Berlin war damals fest in der Hand der CDU, mit Diepgen als Regierendem Bürgermeister und Klaus-Rüdiger Landowsky als allmächtigem Fraktionsvorsitzenden. Und Neuling drehte kräftig am Rad mit.

Wenn er heute den Erfolgstypen Neuling, den von damals, anschaut, wie fällt sein Blick aus? "Ich kann nicht sagen, dass mir der Mann sympathisch ist. Ich muss ziemlich aufbrausend gewesen sein, oft arrogant zu meinen Leuten." Neuling ist gnadenlos mit sich selbst. "Und ich hatte auf eine unangenehme Art Geltungssucht. Ich wollte Anerkennung, Lob, aber ich, also der, der das wollte, war fremdbestimmt. Keine gute Mischung. Und im Beruf waren mir nur Männer wichtig, alles immer Männer." Und dann empfindet er aber auch Verständnis für den Mann, der er einmal war. "Meine Schutzfunktion war zu teuer eingekauft. Ich habe ein Leben gegen mich selbst geführt. Wenn Sie alles wegdrücken, nehmen Sie Schaden, das ist wie eine Selbstvergewaltigung, und irgendwann kollabiert die Seele. Dass ich das 50 Jahre durchgezogen habe, ist sowieso ein Wunder. Ja, das alles sehe ich, wenn ich diesen Mann anschaue, der ich einmal war."

Existiert noch was von den damaligen politischen Freundschaften? Da müsse man unterscheiden, sagt er, "die Berliner Parteifreunde haben sich alle abgewandt". Er erzählt von einem "letzten Treffen" mit Eberhard Diepgen, vor einiger Zeit. "Ich wollte mit ihm auf einen Punkt kommen, was gewesen ist, auch was gut gewesen ist. Aber es war unmöglich. Es war schrecklich. Ein totales Un-Gespräch." Völlig anders sei die Lage bei der Bundes-CDU, die Freundschaften etwa mit Hans-Peter Repnik, Christian Schwarz-Schilling und Volker Kauder hätten bis heute gehalten. Die Bundes-CDU hatte ihm auch seinen ersten Anwalt vermittelt, es war Ronald Pofalla, der spätere Kanzleramtsminister und zukünftige Bundesbahnvorstand.

Neulings Firma Aubis spendete an die CDU und löste einen politischen Flächenbrand aus. Gegen Neuling liefen 15 Ermittlungsverfahren

Alles begann am 10. Februar 2001, als Eberhard Diepgen aus dem Roten Rathaus anrief und sofort auf die Parteispende aus dem Jahr 1995 in Höhe von 40 000 Mark zu sprechen kam, die Christian Neulings Partner Wienhold an Fraktionschef Landowsky und die Berliner CDU überreicht hatte. "Ich hatte kurze Zeit vorher zum ersten Mal davon gehört." Diepgen sagte, Neuling solle die Verantwortung für 20.000 Mark übernehmen, bis zu dieser Summe mussten damals Einzelspender nicht in dem Jahresbericht der Partei benannt werden. "So wie ich damals war, habe ich das gemacht, aus einem falschen Solidaritätsverständnis heraus." Man könnte auch sagen, da versuchte einer den anderen zu decken, das Problem war nur, Landowsky hatte die Spende von Wienhold nicht nur in bar erhalten, sondern sie war auch nicht ordnungsgemäß verbucht worden, der Schwindel flog also schnell auf. "Mir hatte das alles niemand gesagt. Aus heutiger Sicht empfinde ich die Szene mit Diepgen als Verrat. Ich wurde reingelegt."

Als die dubiose Parteispende öffentlich wurde, nahmen die Verdächtigungen den Lauf eines wilden Flächenbrandes: Aubis spendet an CDU-Boss Landowsky, der auch der Boss der Berliner Hyp ist, die wiederum an Aubis zweifelhafte Bankkredite vergibt. Dubiose Spende, dubiose Geschäfte, und dies alles bei einer Staatsbank, die Milliarden vernichtete.

Der Flächenbrand fraß sich weiter und weiter, Rücktritt Landowsky, Rücktritt Diepgen, politischer Chefankläger Klaus Wowereit, damals Fraktionsvorsitzender der SPD und Juniorpartner in der großen Koalition. Gegen die Verantwortlichen von Aubis und der Bank wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, allein 15 gegen Neuling. Auch in den Medien begann ein Wettlauf, wer den Aubis-Managern die allerschlimmste Verfehlung nachweisen könne. Mal wurde "nachgewiesen", wie die "Aubis-Monster" die Berliner Bankgesellschaft zum Einsturz brachten. Mal wurde spekuliert, wie heftig sie "Geld über private Darlehen abgezweigt haben, etwa über lukrative Beraterverträge oder mit Rechnungen einer Firma, die es nie ins Handelsregister brachte". Mal wurde über die "Installierung eines geheimen Geldkreislaufs" zugunsten der Aubis-Leute berichtet, und dann "führt die Spur plötzlich in die Schweiz", Neuling sollte 12,5 Millionen beiseitegeschafft haben. Und schließlich hing ein Aubis-Mitarbeiter, ein Computerspezialist, an einem Baum im Berliner Grunewald. Die Polizei ging von Selbstmord aus – in einigen Medien wurde rasch die Verbindung zu Neuling und vor allem zu Wienhold hergestellt. Angeblich sollte der Tote Wienhold erpresst haben oder damit gedroht haben. Angeblich hatten sie also mit seinem Tod etwas zu tun.

Angeblich. Muss doch so sein. Bestimmt.

Über Schuld und Unschuld entscheiden in einer Demokratie Gerichte, das ist die zentrale Grundlage eines Rechtsstaates. Die Gesetze der Richter. Von allen Ermittlungsverfahren, von allen Verdächtigungen blieben zwei Verfahren übrig. Eines wegen möglicher Steuerhinterziehung und das andere wegen möglichen Betrugs, der Vorwurf lautete: Über den nahestehenden Leipziger Fernwärme-Lieferanten Elpag habe Aubis überhöhte Wärmepreise abgerechnet.

Nach dem 83. Verhandlungstag bricht Neuling zusammen. Auf einmal hat er starke Sehnsucht, sich umzubringen

Neuling ist Marathonläufer, ein Internist hatte ihm vor Jahren dringend geraten, mit dem Laufen anzufangen und mit dem Rauchen aufzuhören. Marathonläufer haben die Eigenschaft, durchzuhalten – manchmal eine gute Eigenschaft, manchmal kann sie auch gefährlich werden, weil sie keine Fragen zulässt, keine Korrektur. Das Elpag-Verfahren wurde 2004 eröffnet und dauerte zwei Jahre, 83 Verhandlungstage hielt Neuling durch. Und ein Ende war noch nicht abzusehen.

Dann brach Neuling psychisch zusammen. Völlige Schlaflosigkeit, Weinkrämpfe. Der Gerichtspsychiater Thomas Kasten erklärte ihn für verhandlungsunfähig. "Drückeberger" und "Simulant" waren noch die netteren Begriffe, die diese Entscheidung medial begleiteten. Auch Klaus Wowereit meldete sich zu Wort, nannte die vorläufige Einstellung des Verfahrens "enttäuschend und unbefriedigend" und warnte vor einem "Versanden". Der Regierende Bürgermeister forderte, dass der Prozess so bald wie möglich neu aufgerollt werde: "Das ist auch eine Frage der politischen Hygiene."

Der Sturm der Öffentlichkeit ging dann aber erst richtig los, als Neuling im Herbst 2006 nach einem viermonatigen Klinikaufenthalt und Rücksprache mit seinen Ärzten am Berlin-Marathon teilnahm. In der Bild erschien auf Seite eins ein Foto: Neuling am Ziel, mit hochgestreckter Faust, neue persönliche Bestzeit, viereinhalb Stunden. Der Kommentar lautete: "Dreist". In kaum einer Zeitung wurde nicht ein "Experte" zitiert, der sich über die körperliche Leistung des Depressiven wunderte.

Lag es daran, dass die Gesellschaft so wenig weiß über psychische Erkrankungen? Als sich der Torhüter Robert Enke vor den Zug warf, war sicherlich nicht mangelnde Fitness sein Problem. Oder ist es schlicht und einfach die Gier des Prangers, die immer wieder neue Opfer braucht?

Für Neuling hatte das neue mediale Feuer eine fatale Wirkung: "Es fing an mit einem suizidalen Flash. Plötzlich war diese Sehnsucht da, mich umzubringen. Ich kannte das nicht. Es war eine ganz, ganz starke Sehnsucht." Er musste in stationäre Behandlung.

Am 30. November 2006, wenige Wochen nach dem Marathonlauf, wurde das Steuerstrafverfahren gegen Neuling eröffnet, und die Richterin zeigte sich durchaus beeindruckt von dem öffentlichen Getöse und bestellte den Gutachter Kasten ein. Er blieb bei seiner Diagnose einer "ernst zu nehmenden suizidalen Gefährdung", riet von weiteren Verhandlungstagen ab und musste sich deswegen heftige Vorwürfe wegen angeblicher Voreingenommenheit anhören. In einem abschließenden Gutachten hielt Kasten seine Erlebnisse vor Gericht fest: "Als sehr beeindruckend hat der Gutachter selbst die misstrauische Grundhaltung, die im Gerichtssaal herrschte, in Erinnerung, die zu fast ausschließlichen Nachfragen in Richtung einer möglichen Krankheitssimulation führte. Eine vergleichbare Atmosphäre hat der Gutachter bisher bei keinem Strafprozess während seiner Sachverständigentätigkeit seit 1991 erlebt." Das Gericht gab ein neues Gutachten in Auftrag, bei Professor Hans-Ludwig Kröber, dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité, einem Großen seines Fachs.

In der Nacht nach jenem Verhandlungstag brachen bei Neuling sämtliche Dämme, seine Verzweiflung nahm derart dramatische Ausmaße an, dass er in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Landesklinik Wehnen eingewiesen wurde. Er notierte in seinem Tagebuch: "In dieser Nacht brach mein Bollwerk, wurde mein Schutzpanzer zerstört. In dieser Nacht konnte mein Urfeind, meine Urangst mit der Gewissheit ›Tod ist Erlösung‹ durchbrechen, die ich seit meiner Unkindheit irreversibel verinnerlicht hatte. In dieser Nacht brach mein Seelenkrebs aus." Für seine Verzweiflung fand er ein Bild: "Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, dem man Arme und Beine abgetrennt hat und das man alleine im Wald ausgesetzt hat."

Kröber ließ sich nicht beeindrucken von der öffentlichen Meinung und erkannte in seinen Gesprächen sofort die Dramatik des Falles, er erklärte Neuling für weiter verhandlungsunfähig. Kröber beschrieb ihn in seinem Gutachten als einen Mann mit "typisch depressiven Denkmustern in einer enormen Starrheit, die in seiner eigenen Argumentationskette keinen anderen Ausweg als den Suizid zulassen". Er empfahl eine "kompetente stationäre psychiatrische Behandlung".

Und so geschah es, Neuling begann seine lange Reise in die Psychiatrie, die mit Unterbrechungen fünf Jahre dauern sollte. In den Mittelpunkt rückte rasch Neulings Kindheit: Nach dem frühen Tod des Vaters aufgewachsen in einer Art Patchwork-Großfamilie, völlig ignoriert von seiner eiskalten Mutter, die ihn dann, als er neun Jahre alt war, in ein bayerisches Internat verschickte. Dies war der Moment, der sein Leben prägen sollte. Abgeschoben von der eigenen Mutter, das Empfinden tiefster Einsamkeit, tiefster Verlassenheit, grenzenlosen Verrats. Und die unbewusste Reaktion des Jungen: Nie wieder lasse ich in meinem Leben Gefühle zu, die mich derart verletzen. "Ich verbannte jede Emotion", sagt Neuling, "von da an führte ich im Grunde ein Anti-Leben, ein Anti-Leben gegen mich selbst."

Fünf Jahre hat Neuling in der Psychiatrie verbracht. Heute versteht er den Mann nicht mehr, der er früher war

Neuling bekam in der Psychiatrie Medikamente, er führte weit über 500 Stunden Therapiegespräche, er schrieb rund 2000 Seiten Tagebuch. Er suchte den Weg zurück in ein normales Leben, machte Fortschritte – und stürzte immer wieder ab. Eine enge Freundschaft mit einer Mitpatientin entstand, sie war geplagt mit einer ähnlichen depressiven Problematik. Sie versuchten sich gegenseitig nach oben zu ziehen, doch dann entschied sie sich für den anderen Weg und nahm sich das Leben, "für mich eine erneute katastrophale Erfahrung". Neuling wurde immer wieder begutachtet, von Kröber und anderen, ob er nicht doch wieder verhandlungsfähig sei. Neuling konnte seine Gutachten nicht mehr zählen, aber dann war Schluss damit, denn er wurde von den Psychiatern für "dauerhaft verhandlungsunfähig" erklärt.

Fünf Jahre Psychiatrie. Am Ende stand keine Erlösung, sondern eine Erkenntnis: Er werde lebenslang mit entsetzlichen schwarzen Momenten zu kämpfen haben, in denen eine Tür aufgeht, "aus der der Tod ruft: Komm, ich erlöse dich! Diese Momente muss ich aushalten, auch darum geht es jetzt in meinem Leben."

Berlin, November 2014. Neuling sitzt in dem Berliner Café. Cappuccino, verdünnter Orangensaft. Nein, er macht die Gerichtsverfahren, die Verhaftung, all die Schlagzeilen nicht für seinen Absturz verantwortlich. "Nein, nein, das wäre ganz falsch. Ich musste mich dem Drama meines Lebens stellen und habe damit viel zu spät angefangen. Ich habe keine einzige Erinnerung an meine ersten zehn Jahre. Das ist meine Geschichte." Aber die Wut ist da, "schauen Sie, was aus den Verfahren geworden ist". Da ist die Steuersache, zwei ehemalige Bankbeauftragte sind zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Doch in einem Zivilverfahren vor dem Brandenburger Finanzgericht wurde festgestellt, dass es sich eindeutig nicht um Steuerhinterziehung gehandelt habe. "Das Urteil ist für mich eine große Genugtuung. Die Profis vom Finanzgericht haben den Vorwurf weggewischt, nichts war dran, nichts."

Der Elpag-Prozess platzte 2006, weil auch der Mitangeklagte Klaus Wienhold verhandlungsunfähig war. Doch dessen gesundheitliche Krise dauerte nicht lange, seit sieben Jahren bereits könnte der Prozess wieder aufgerollt werden, aber es geschieht nichts. Das Gericht begründet dies mit Überlastung. Beobachter hingegen gehen davon aus, dass dieses Verfahren stillschweigend in die Verjährung geführt werden soll. So würde man wenigstens der Peinlichkeit entgehen, es einstellen zu müssen.

Neuling sagt: "Das also ist übrig geblieben. Aber wenn Professor Kröber und die anderen Gutachter nicht standhaft geblieben wären, hätte mich der Prozess umgebracht. Ich wäre nicht mehr am Leben. Übernimmt dafür niemand Verantwortung? Kein Richter? Können die machen, was sie wollen?" Unter den Anklägern und Hetzern sei ihm niemand begegnet, der sich korrigierte, Wowereit nicht, auch kein Journalist, "wäre es nicht wert, nachzudenken, was geschehen ist?"

Er versteht den Menschen nicht mehr, der er früher war. Zum Beispiel, wie er sich mit seinem damaligen Kompagnon Klaus Wienhold einlassen konnte. "Heute würde ich mir wünschen, diesem Mann nie begegnet zu sein." Es ist das einzige Mal in unseren Gesprächen, dass er darum bittet, das Tonband auszuschalten. Er möchte nicht zu sehr in die Vergangenheit zurückgehen, er will keine schmutzige Wäsche waschen. Nur noch so viel: Eins der letzten Treffen mit Wienhold im Jahr 2006 hat er als eine Art von Bedrohung empfunden.

Er ist ein anderer geworden. Durchlässig, voller Gefühle. Er hat in Lübeck die Organisation "Kind im Blick" mitgegründet, die sich um in seelische Not geratene Kinder kümmert.

Neuling steht am Abgrund, immer noch. Aber er rückt langsam von ihm ab.

Kommentare

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Vox Populi, Vox Rindvieh. Erregt ein Angeklagter öffentliches Interesse, dann ist er einer schamlosen Vorverurteilung durch die Masse hilflos ausgeliefert. Beschwert er sich darüber, dann bekommt er bestenfalls zu hören, dass er doch selbst daran schuld sei. Hätte er sich anders verhalten, dann säße er ja nicht vor Gericht. Als alle und alles über Wulff herfiel, schien der Verstand bei vielen einfach auszurasten. Er musste ein schlimmer Finger sein, weil alle der Meinung waren, er sei ein schlimmer Finger. Am Schluss ging es um eine Hotelrechnung von 800 Euro, aber der Mann war am Ende.
Wenn ein Altbundeskanzler erst ein Geschäft mit einem ausländischen Staatskonzern einfädelt, dann anschließend in dessen Aufsichtsrat wechselt, schweigt dieselbe Meute. Wenn er zwei Millionen für seine Autobiographie von einem befreundeten Lobbyisten erhält, geht dies auch in Ordnung.
Das alles ist nicht neu. Die Meute liebt den Skandal. Der Sachverhalt interessiert nicht und wenn er sich nicht der öffentlichen Meinung fügt, dann wird sie wütend. Sicher, auch Richter sind nur Menschen. Auch sie haben Ambitionen, auch sie wollen Anerkennung. Fatal wird es, wenn sie zugunsten öffentlicher Meinung Rechtsprinzipien fallen lassen.

"Fünf Jahre hat Neuling in

"Fünf Jahre hat Neuling in der Psychiatrie verbracht. Heute versteht er den Mann nicht mehr, der er früher war."

Als ich das las, dachte ich im gleichen Augenblick: Die ganze Therapie hat nichts gebracht.
Hat er denn den Mann, "der er war", früher verstanden, dass er ihn heute "NICHT MEHR" versteht? Und warum heute nicht mehr?
Nichts aufgearbeitet und nichts dazu gelernt, im Gegenteil? Dieses Gefühl zieht sich bei mir von Anfang bis Ende des Textes. Bemitleidenswert. Der arme Mann!
Von der Geschichte vor 13 Jahren habe ich übrigens gar nichts mitbekommen.

Erfahrung ist nicht, was einem Menschen widerfährt, sondern das, was er daraus macht. (Aldous Huxley)

Auch wenn Stephan Lebert Sympathie für Neuling wecken will, scheint doch nur dessen Selbstmitleid durch. Zur Ergänzung: Neuling ist nicht von den Vorwürfen freigesprochen worden, die Prozesse wurden nur wegen der (angeblichen?) Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten eingestellt. Ich hoffe als konservativ eingestellter Bürger auch, dass Verbrecher "einer gerechten Strafe zugeführt" werden. So etwas nennt man Rechtsstaat.

Die Berliner zerfliessen geradezu vor Mitleid und zahlen munter weiter bis 2032, wenn der letzte Risikofond ausläuft, den ihnen die damalige Mannschaft eingebrockt hat.

Ausserdem gab es noch Abfindungen und Renten bis 60 000 für die notleidenden Verursacher dieses Desasters, kostenlos renovierte Villen etc. nicht mitgerechnet.

Eine längere Liste der Beteiligten am Berliner Bankenskandal findet sich hier:
http://www.khd-research.n...