Harald Martenstein: Über einen Rettungsplan für Karstadt

Harald Martenstein will Karstadt kaufen. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 51/2014

Ich habe überlegt, was ich mir von den Millionen kaufe, die ich mit dieser Kolumne hier verdiene. Ich glaube, ich kaufe Karstadt.

Wir sind umgezogen, ein paar Tage vor dem Umzug ist die Spülmaschine kaputtgegangen. Ich sagte: "Die neue Spülmaschine kaufen wir auf jeden Fall bei Karstadt. Karstadt hat Probleme. Wir sind solidarisch." Auf der Homepage von Karstadt befand sich eine Spülmaschine, die nicht teuer war und unseren, im Falle von Spülmaschinen, nicht allzu extravaganten Ansprüchen genügte.

Am nächsten Tag rief ich bei Karstadt an. Ein Mann sagte: "Die Lieferzeit beträgt 14 Tage." Ich sagte, macht nichts, dann holen wir die Spülmaschine eben selbst ab, im Lager. Es kann ruhig ein paar Kilometer entfernt sein. Nein, es darf sogar etwas weiter entfernt sein.

Wir wollten Karstadt retten.

Der Mann sagte, dies sei unmöglich, 14 Tage Wartezeit oder gar nicht. Wir haben dann eine andere Firma angerufen. Zwei Tage später war die Maschine da, zu etwa dem gleichen Preis. Ich glaube, wenn Menschen eine Spülmaschine kaufen, dann haben sie es fast immer eilig, denn in der Regel ist in dieser Situation die vorhandene Spülmaschine kaputt. Man gewöhnt sich wahnsinnig schnell an das Zusammenleben mit einer Spülmaschine, vor allem, wenn ein stark schmutzendes Kind vorhanden ist. Wenn ich der Eigentümer von Karstadt bin, wird jeder Mensch bei Karstadt innerhalb von 48 Stunden eine Spülmaschine kaufen können. Der Spülmaschinenumsatz wird sich vervielfachen.

Einige Tage später wollte ich bei Karstadt mehrere Besteckkästen für die neuen Küchenschubladen kaufen. Es ist eine Ikea-Küche. Die Kästen sollten aus Plastik sein, weil man sie dann in der neuen Spülmaschine spülen kann. Es gab zwei Sorten. Die erste Sorte passte nicht in die Ikea-Schublade. Meiner Ansicht nach kaufen recht viele Menschen ihre Küche bei Ikea. Wenn ein Besteckkasten nicht in eine Ikea-Küche hineinpasst, ist dies ein Wettbewerbsnachteil. Die zweite Sorte passte. Der Besteckkasten kostete 37,50 Euro. Ich liebe den Luxus, aber nicht bei Besteckkästen. Für das Geld, welches die Besteckkästen aus Plastik gekostet hätten, wäre ohne Weiteres ein Kurzurlaub auf Mallorca möglich gewesen. Ich bin zu Ikea gefahren. Wenn ich Eigentümer von Karstadt bin, wird kein Deutscher, mit oder ohne Migrationsgeschichte, seinen Besteckkasten mehr bei Ikea kaufen müssen.

Außerdem haben wir in den letzten Wochen vergeblich versucht, bei Karstadt ein schwarzes T-Shirt zu kaufen, eine Jeans Größe 38, egal welche, Größe 38 hatten sie nicht, und eine Rassel, die für das Baby so richtig schön rasselt. Was sie haben: Sie haben Hundefutter und Süßkartoffeln. Wenn ich Eigentümer von Karstadt bin, wird es dort für alle Menschen T-Shirts, Rasseln und Jeans geben. Die Süßkartoffeln streiche ich aus dem Sortiment. Anschließend erhöhe ich die Gehälter meiner Mitarbeiter. Das können wir uns unter dem neuen Management leisten.

Angeblich ist Karstadt in der Krise, weil die Leute lieber in Shopping-Malls einkaufen statt im Kaufhaus. Meiner Ansicht nach kauft man immer dort gerne ein, wo man das bekommt, was man haben will. Um herauszufinden, ob dies der Fall ist, muss man es einfach ausprobieren. Man muss Kunde sein. Die Leute, die irgendwas managen, sind selber fast nie Kunde, sie verdienen zu gut und haben zu wenig Zeit. Deshalb würde ich, als Eigentümer, Leute einstellen, die dafür bezahlt werden, dass sie bei mir einkaufen und mir erzählen, was sie erleben.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Vor rund einem Jahr wollte ich bei Karstadt am Hermannplatz, dem größten Karstadthaus in Deutschland, einen Wecker der Marke Braun kaufen. So ging ich in die große, unübersichtliche Uhreanabteilung im Erdgeschoss. Hinter der Kasse standen drei Karstadtmitarbeiterinnen, die sich privat unterhielten und mir mit wenigen verschämten Seitenblicken bei meiner Suche nach einem Braunwecker zusahen. Keine kam auf mich zu oder fragte, ob ich etwas bestimmtes suchte. Nach längerer Suche hatte ich den Wecker endlich in der Hand, störte die drei Mitarbeiterinnen, von denen mich keine begrüßte oder irgendetwas nettes zu mir sagte, zahlte 19,90 Euro und ging nach Hause. Ein Freund, dem ich stolz von meinem Kauf bei Karstadt erzählte, tippte kurz auf seinem I-Pad im Internet und zeigte mir bei Amazon genau meinen Wecker - für 10,90 Euro. Das war, vor rund einem Jahr, mein letzter Kundenbesuch bei Karstadt am Hermannplatz.

Jean-Anthelme Brillat-Savarin
#2.1  —  9. Januar 2015, 11:43 Uhr

Ja, das gemeinsame Gespräch im erkennbar gegen Kundenansprache abgeschotteten Kreis ist uns vor vierzig Jahren erstmals aufgefallen und hat sich seither immer wieder als eine Art Erkennungsmerkmal der Karstadt-Unternehmenskultur in puncto CRM manifestiert; unabhängig von allen Tatarenmeldungen zur geschäftlichen Lage des Hauses.

Diese Kolumne trifft den Punkt: Der Konsument entscheidet, wo er einkauft, hier gilt das simple Gesetz von Angebot und Nachfrage. Kürzlich wurde eine emotionale Diskussion auf Facebook um die Rettung von kleinen Buchläden in der Nachbarschaft geführt, die von Amazon verdrängt werden. Die gefühlte Mehrheit wies darauf hin, dass Amazon in punkto Sortiment, Lieferverfügbarkeit und Service schlicht überlegen sei. Buchhändler sollten nicht auf Nostalgie setzen, sondern einen Wettbewerbsvorteil entwickeln. Welchen auch immer.

Bei dem Thema Konsum und volkswirtschaftliches Wachstum sei auf einen Beitrag verwiesen, der sich mit der Optimierung von Konsumentenverhalten an sich beschäftigt: http://lieblingskolumne.de/d…