© Renate Schäfer /ZDF

"Wetten, dass..?" Ihr werdet es vermissen!

Die Deutschen und ihr "Wetten, dass..?" – eine große Liebe, die nun zu Ende geht. Warum eigentlich?, fragt sich der ehemalige Deutschlandkorrespondent der "New York Times". Von
ZEITmagazin Nr. 51/2014

Es war eine riesige Menschenmenge, die sich an diesem Abend in Richtung Baden-Arena schob. Kinder zerrten aufgeregt an den Händen ihrer Eltern, um schneller in den Saal zu kommen. Offenburg war an diesem sonst so ruhigen Samstagabend für kurze Zeit Deutschlands wichtigster Ort. Zum Livepublikum eines Showklassikers zu gehören lässt selbst hartgesottene Zyniker nicht kalt. Der schwarze Fußboden glänzte im Scheinwerferlicht, riesige Lautsprecher summten. Techniker mit schwarzen Headsets liefen hin und her. In der Mitte wartete verheißungsvoll das große weiße Sofa auf seine Gäste. Millionen machten es sich zur selben Zeit vor dem Fernseher bequem, wir aber waren leibhaftig hier, nahmen Teil an einem Fernsehspektakel, das vor fast 32 Jahren begonnen hat, mit der ersten Folge von Wetten, dass..?.

Dann tauchte rechts neben der Bühne ein Gabelstapler auf. Am Steuer saß Markus Lanz im grauen Dreiteiler. Von der Gabel winkte Cindy aus Marzahn, seine neue Assistentin, im schimmernden Paillettenkleid. Sie kreischte in gespielter Angst und schnitt Grimassen für das Publikum. Als beide ausgestiegen waren, begann Lanz seiner Kollegin Komplimente zu machen. Und dann fing er an zu erklären, warum er sie als Assistentin ausgesucht habe. Riesig tauchte auf der Leinwand im Hintergrund ein Zeitungsporträt von Cindy auf, das vor ein paar Wochen in der altehrwürdigen New York Times erschienen war. Der Name des Verfassers, größer, als ich ihn je gesehen hatte, war meiner.

Nach der Show wartete ich geduldig, bis ich Lanz interviewen konnte, denn er begrüßte auch noch den letzten Fan, der mit ihm reden wollte, posierte für Fotos, schüttelte Hände. "Gottschalk hat das nie gemacht", flüsterte mir ein deutscher Journalist zu. Als ich an der Reihe war, scherzte Lanz, die New York Times sei ihm wegen des Product-Placements etwas schuldig, eine Anspielung auf den gerade zurückliegenden Schleichwerbungsskandal. Es beeindruckte mich, wie geistreich er war, klüger, weniger glatt als in seiner Rolle als Showmaster. Und er lieferte mir das Zitat, das ich brauchte: "Es heißt, wenn irgendwas einen Atomschlag überlebt, dann Kakerlaken und Wetten, dass..?."

Wir ahnten nicht, wie sehr er sich irrte. Die Show sollte bald abgeschrieben sein, und ich würde ihr Ende ein ganz klein wenig vorangetrieben haben. Ein paar Wochen später war ich bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Ich versuchte abzuschätzen, wie groß die diplomatische Krise nach einem Bombenanschlag von Hisbollah auf israelische Touristen in Bulgarien war, und Wetten, dass..? war das Letzte, woran ich dachte. Abends im Hotelzimmer sortierte ich auf dem Bett die Visitenkarten, die sich im Lauf des Tages angesammelt hatten. Mein BlackBerry piepte und zeigte den Eingang einer SMS an. Ich ignorierte es, klappte das Notebook auf und suchte nach einem passenden Kommentar irgendeines Thinktank-Mitglieds. Wieder piepte das Handy, und diesmal sah ich nach. "Schaust du die Goldene Kamera?", hatte ein deutscher Freund geschrieben. Ein weiteres Ping kündigte die gleiche Frage von einem anderen Bekannten an. Dann eine E-Mail mit derselben kryptischen Botschaft. Ich schaltete den Flachbildfernseher an. "Markus Lanz hat auf der Bühne von Dir gesprochen", hieß es in der nächsten Nachricht. Als ich den Kanal fand, war die Rede vorbei. Ich erfuhr später, dass Lanz im Smoking auf die Bühne gekommen war, um unter tosendem Applaus die Goldene Kamera für die beste Unterhaltungsshow entgegenzunehmen. "Herzlichen Dank. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", sagte er zum Publikum. Die Frage sei vor allem: "Wie erklären wir das der New York Times?"

Der Titel meines Artikels hatte Stupid German Tricks gelautet. Ein Redakteur der New York Times hatte ihn sich ausgedacht, und er klang in deutschen Ohren ein wenig gemein. Für die amerikanischen Leser war er eine Anspielung auf Stupid Pet Tricks, ein Element aus David Lettermans Late Show, bei dem Tiere ähnliche Proben bestehen mussten wie die Menschen bei Wetten, dass..? . Sofort hatte es Interviewanfragen, vom Tagesspiegel bis zu SuperIllu, gehagelt. Spiegel Online schrieb darüber. Die Bild interviewte einen Medienexperten zu der Frage, warum die Amerikaner die Show so hassten.

Die Heftigkeit der Reaktion verblüffte mich. Und ich war ein wenig verwirrt, dass so viel Aufhebens um einen Artikel im Feuilleton der Wochenendausgabe einer ausländischen Zeitung gemacht wurde. Andererseits war es nicht das erste Mal, dass ich von Reaktionen auf einen meiner Texte überrascht wurde. Einmal schrieb ich im Reiseteil, München sei möglicherweise ein besseres Reiseziel als Berlin, und löste damit eine ähnliche Welle aus. Die Berliner beschwerten sich, die Konkurrenz im Süden sei doch eher bayerisch als deutsch, ein überdimensioniertes Dorf, in dem die Menschen noch Lederhosen trügen. Die Münchner äußerten ihre Genugtuung darüber, dass eine prominente Zeitung endlich bestätigt hatte, was sie schon immer wussten: die Überlegenheit ihrer Stadt. In der Süddeutschen Zeitung gab die stolze Inhaberin einer Kultkneipe namens Fraunhofer Schoppenstube ein Interview, in welchem sie von meinem Besuch in ihrer Gaststätte erzählte und sich an die vielen Fragen erinnerte, die ich ihr angeblich gestellt hatte. Nur dass ich die Frau nie kennengelernt und erst recht nicht interviewt hatte. Als ich die Kneipe besucht hatte, saß ich mit meiner Freundin Julia in der Ecke und verfolgte still das Geschehen.

Die Deutschen sind nicht die Einzigen, die vermeintliche Kritik oder Komplimente in der ausländischen Presse aufblasen. Die Reaktionen aus Rumänien auf einen Artikel über streunende Hunde in Bukarest, den ich geschrieben hatte, waren so böse, dass sie mir fast die Tränen in die Augen trieben. In Ungarn überschütteten sie mich mit Komplimenten, als ich über ihr geliebtes (und bis dahin unbesiegtes) Vollblut-Rennpferd Overdose schrieb. Eine Woche später wurde ich von ungarischen Lesern als Erzfeind angeprangert, weil ich über die Morde an Roma in der Provinz berichtet hatte. In Polen reagierte man extrem sensibel auf den Ausdruck "Konzentrationslager in Polen" in der New York Times und organisierte E-Mail- und Briefkampagnen, um mir klarzumachen, dass es "Nazikonzentrationslager im von den Deutschen besetzten Polen" heißen musste. Schreibt man in Afrika, wo ich ein Jahr Nairobi-Korrespondent war, über Konflikte, Armut, Krankheiten, bekommt man garantiert wütende Post, weil man negative Klischees verbreitet. Versäumt man es, über den jüngsten Bürgerkrieg oder die jüngste Flüchtlingskrise zu berichten, heißt es, man ignoriere das Leid der Afrikaner.

Doch Deutschland ist ein reiches, westliches Land, ein Global Player. Man könnte meinen, es sei zu mächtig, um die kleinen Spitzen selbst der New York Times persönlich zu nehmen. Bei ernsten Themen ist das auch so. Einer meiner Artikel über Afghanistan, eine Titelgeschichte, löste bei amerikanischen Lesern enorme Reaktionen aus. Deutschland war wieder im Krieg! In Berlin zuckte dagegen kaum jemand mit der Wimper. Auch Artikel über den Holocaust erzeugen in Deutschland wenig oder gar keine Empörung. Ich habe Hunderte Artikel zur Finanzkrise geschrieben, über die sich in politischen Kreisen keiner mokierte. Meistens sind es nicht die schweren Themen, die Reaktionen provozieren, sondern die Randthemen, das Vermischte.

Bei meiner Abreise aus Deutschland brachte der Tagesspiegel eine ganze Seite mit der Schlagzeile: Die "New York Times": Berlins mächtigste Tageszeitung. Sie enthielt einen ironisch gemeinten offenen Brief an meine Nachfolgerin, in dem diese auf die Auswirkungen der Berichterstattung aufmerksam gemacht werden sollte. "Bitte seien Sie sich also Ihrer Verantwortung für die Berliner Gastronomie, unseren Einzelhandel, die Lokalprominenz sowie das Nachtleben bewusst", warnte die Zeitung. "Niemand, wirklich niemand, hat künftig so viel Einfluss auf das weltweite Ansehen Berlins wie Sie." Darunter eine Liste meiner feuilletonistischeren Artikel, etwa über die Grillwalker, die mit einem kleinen Grill um den Hals durch die Straßen laufen und Bratwurst verkaufen, die "Silicon Allee" in Mitte, wo die internationale Start-up-Industrie ein neues Zuhause hat, und das Schwaben-Bashing in Prenzlauer Berg. Die Cindy-Story wurde ebenfalls noch einmal aufgewärmt, mit Zitaten aus der Welt und der Stuttgarter Zeitung: "Die Plattenbau-Venus war jüngst sogar der New York Times einen Artikel wert."

Ich hatte mich mit Ilka Bessin alias Cindy in einem Westberliner Restaurant getroffen. Sie kam ohne die Platinperücke, trug Schwarz statt Pink und sprach so wohlüberlegt über Löhne und Arbeitsbedingungen, dass es fast klang, als sei sie beim Arbeitsamt angestellt. Anfangs hielt sie sich zurück, als fürchte sie, dass ich mich über sie lustig machen würde. Doch ich stellte fest, dass ich die Frau, die mir an diesem Tag gegenübersaß, fast so gerne mochte, wie meine intellektuelleren Freunde die Figur, die sie darstellte, hassten.

Gegen Ende meiner Zeit in Deutschland hatte ich das Glück, mit Frank Schirrmacher zu Abend zu essen, dem mittlerweile verstorbenen Feuilletonisten und Bestsellerautor. Er beklagte die Tatsache, dass Deutschland keine wirklich guten Fernsehserien wie The Wire oder Die Sopranos produziert habe, und spann Strategien, wie sich das ändern ließe. Aus irgendeinem Grund hatte sich Amerikas trashiges Medium im letzten Jahrzehnt zu einer der aufregendsten Kunstformen entwickelt. Für Hüter der Hochkultur, wie Schirrmacher, machten Shows wie Wetten, dass..? das Versagen der deutschen Fernsehmacher nur umso deutlicher.

Als der Abend in der Baden-Arena zu Ende ging, sah ich andächtig zu, wie ein Fahrer mit den riesigen Zinken seines Gabelstaplers winzige Zwei-Cent-Münzen aufhob und in den Hals einer Flasche beförderte. Ich staunte darüber, wie ein Junge im Westdeutschland der achtziger Jahre darüber gestaunt haben muss. Das Publikum hielt den Atem an.

Eine Prognose: Eines Tages werden die Deutschen ihre Sopranos haben. Aber Wetten, dass..? werden sie dann mehr vermissen, als sie heute ahnen.

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