Ich habe einen Traum Conchita Wurst

"Ich könnte nicht damit leben, jeden Tag eine öffentliche Person zu sein"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 52/2014

Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich mir sehr gewünscht habe, einfach so wie die anderen zu sein. Ich bin in einem kleinen Dorf in der Steiermark aufgewachsen. Als ich feststellte, dass ich auf Jungs stehe, dachte ich, etwas sei falsch mit mir, denn das war das Gefühl, das die Gesellschaft mir vermittelte.

In dieser Zeit habe ich mir häufig gewünscht, mich wie die anderen Jungs für Mädchen zu interessieren, Fußball zu spielen, ein normaler Junge zu sein. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich begriff, dass nichts an mir falsch ist und es so etwas wie "normal" nicht gibt. Von diesem Moment an wollte ich nie mehr anders sein, als ich bin. Oder anders als das, was ich selbst aus mir mache.

Ich war ein sehr fantasievolles Kind und habe mich mit allerlei Vorstellungen und Tagträumen unterhalten. Eine Zeit lang waren diese Fantasiewelten ein wichtiger Zufluchtsort für mich. Ein anderer war der Dachboden im Haus meiner Eltern: Dort konnte ich in aller Ruhe Frauenkleidung tragen und meine weiblichen Alter Egos ausleben, die ich im Alltag einsperren musste.

Viele meiner Träume sind Realität geworden. Ich habe immer davon geträumt, Menschen unterhalten zu dürfen und berühmt zu sein. Die Leute unterhalten, das durfte ich schon länger, aber seit meinem Sieg beim Eurovision Song Contest werde ich tatsächlich gehört, und meine Ideen und Visionen werden ernst genommen. Dieser Erfolg war der Türöffner für eine Welt, in der ich immer leben wollte. Jetzt träume ich davon, diese Welt nicht so schnell wieder verlassen zu müssen. All die Fantasien meiner Jugend haben durch das, was in den letzten Jahren geschehen ist, ihre Berechtigung erhalten. Schließlich habe ich den Erfolg einem der Alter Egos zu verdanken, die damals auf dem Dachboden meiner Eltern geboren wurden. Ich bin sehr froh, dass ich meine Fantasien und Traumwelten nie aufgegeben und sie mir bis heute bewahrt habe.

Tom verdankt Conchita aber nicht nur den Erfolg, sondern auch Freiheit und ein Privatleben. Ich glaube, ich könnte nicht damit leben, jeden Tag, sobald ich meine Wohnung verlasse, eine öffentliche Person zu sein. Es ist schön, dass ich die Wahl zwischen zwei Identitäten habe! Das verleiht mir ein Gefühl großer Freiheit.

Als Kind habe ich damit begonnen, Erinnerungen an ganz besondere Momente und Gedanken zu sammeln. Ich war fest davon überzeugt: Wenn ich drei wirklich außergewöhnliche Erfahrungen zusammenhabe, werde ich zaubern können. Ich habe mich dann später oft gefragt, was ich mit meiner Zauberkraft verändern würde, bin aber nie zu einer klaren Antwort gelangt. Mittlerweile habe ich sogar vier solcher Momente gesammelt, mit meiner Zauberei ist es allerdings nicht weit her. Möglicherweise, weil mir die Idee für den einen großen Zauber noch fehlt. Oder aber: weil dieser Zauber schon begonnen hat.

Conchita Wurst, 26, wuchs als Thomas Neuwirth in Bad Mitterndorf in Österreich heran. Seit 2011 tritt der Travestiekünstler als bärtige Dragqueen namens Conchita Wurst auf. International bekannt wurde Conchita Wurst durch ihren Sieg beim Eurovision Song Contest im vergangenen Mai. Im November erschien ihre aktuelle Single "Heroes". Im Animationsfilm "Die Pinguine aus Madagascar", der derzeit in den deutschen Kinos zu sehen ist, ist sie die deutsche Stimme der Schnee-Eule Eva

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Kommentare

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Seit Jahren wird daran gearbeitet, die Urquelle der Familie zu untergraben. Pflicht und Notwendigkeit im Dasein wird ersetzt durch Freiheiten, die es in keiner Spezies der Natur je geben könnte. Aber die Kraft und der Einfluß der Familie löst sich damit auf, bis unsere Kindeskinder eines Tages lachen über "die Mutter" (Schöne neue Welt). Machbarkeit ist unser Gott geworden und Frauherr Conchita ihr Produkt. Es geht nicht um diese Kreatur, sondern um die Auflösung der Urquelle alles Daseins, egal ob Ratte oder Mensch. Wir werden so lenkbar, weil unsere Kinder uns verlachen werden, weil man ihnen alles "zuließ" was keine 100 Generationen gemeinsam je "durften". Doch was kommt danach? Wie sieht das Konzept aus, der Entwurf für diese Welt der "Freien". Upps Conchita wir lieben dich, du bist so schön so glatt so anmutig, wie eine Photoshop Bearbeitung, wie die Wurst in der Werbung in die man hineinbeißen möchte, oder die Frau, die man lieben möchte. Aber wie alles was Fleisch ist, wirst du vergehen und vergessen werden.

>wird daran gearbeitet

>wird daran gearbeitet

Niedliche Passivkonstruktion. Nennen Sie doch mal Namen und Motive.

>Urquelle der Familie zu untergraben

Die allermeisten Menschen leben immer noch "ganz normal", und so wird es vermutlich auch bleiben. Was sich geändert hat, ist nur, dass dies mittlerweile kein Zwang mehr ist.

>Pflicht und Notwendigkeit im Dasein wird ersetzt durch Freiheiten,
>die es in keiner Spezies der Natur je geben könnte.

Ist doch schön, dass wir es schaffen, uns von der Versklavung durch die Natur (teilweise) zu lösen, oder?

>Kindeskinder eines Tages lachen über "die Mutter"

Warum genau sollten Sie das tun?

>Machbarkeit ist unser Gott geworden
>und Frauherr Conchita ihr Produkt.

Dass Männer sich wie Frauen anziehen gibt es schon (mindestens) seit der Antike und auch in diversen Kulturkreisen.

>um die Auflösung der Urquelle alles Daseins, [...].
>Wir werden so lenkbar, weil unsere Kinder uns verlachen
>werden, weil man ihnen alles "zuließ" was keine 100
>Generationen gemeinsam je "durften".

Auflösung der Urquelle alles (sic!) Daseins => Man lässt alles zu => Kinder werden uns verlachen => Wir sind lenkbar.

Gibt das Ihr grammatikalisch unnötig kompliziert formuliertes Argument halbwegs korrekt wieder?
Wenn ja: Ich kann keine einzige der behaupteten Implikationen nachvollziehen.

>Aber wie alles was Fleisch ist, wirst du vergehen und vergessen werden.

Genau wie alle Hetereos und Cissexuellen schon immer.

Also was genau ist nochmal Ihre Befürchtung?