Harald Martenstein: Über den Aufbau einer neuen, besseren Welt

Politik, Liebe, Handwerk, alle drei funktionieren nach einem ähnlichen Strickmuster. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 52/2014

Wir hatten diese Wohnung. Sie war hübsch, aber nicht perfekt. Zum 1. September bekamen wir die Traumwohnung. Der Handwerker ging durch die neue Wohnung, er sagte: "Hier ist fast nichts zu machen. In drei Wochen ist alles fertig." Eine zweite Firma sollte das Bad erneuern.

Am 22. November mussten wir umziehen. Jeder Mensch mit ein wenig Lebenserfahrung wird wissen, dass die Wohnung etwa im gleichen Zustand war wie elf Wochen zuvor. Wir hatten in der Zwischenzeit ein paar Mal besorgt gefragt. Der Handwerker sagte immer: "Kein Problem, wir kriegen das hin."

Politik, Liebe, Handwerk, alle drei funktionieren nach einem ähnlichen Strickmuster. Vor den Wahlen sagen die Politiker das, was die Leute hören wollen, vor der Auftragserteilung sagen die Handwerker das, was die Leute hören wollen. Und zu Beginn der Liebe sagen die Frauen das, was die Männer hören wollen. Vielleicht machen manche Männer das Gleiche, da kenne ich mich nicht aus. Wenn die Menschen erst mal bekommen haben, was sie wollen, hinterher, erinnern sie sich an nichts mehr.

Die Umzugskisten konnten wir nicht ausräumen, weil die Wandschränke und die Hängeböden nicht fertig waren. Das einzige nennenswerte Licht kam von der Baustellenleuchte. Bei der Küche gab es Lieferprobleme, an warme Nahrung war nicht zu denken. Am schwierigsten war es, dass es weder Dusche noch Waschbecken gab und nur ein Notklo ohne Heizung. Morgens mussten wir mit dem Baby durchs Treppenhaus zwei Stockwerke tiefer in die alte Wohnung, die leer war, aber zum Glück noch unbewohnt, um dort unsere Notdurft zu verrichten. Es stimmt – im Grunde ist das kein Problem. Die Bolschewiki haben größere Probleme gehabt.

Die Bolschewiki fallen mir ein, weil es bei denen ebenfalls, wie bei uns, um den Versuch gegangen ist, eine neue, bessere Welt zu bauen. Ein Problem war, dass die Handwerker bei ihrem Versuch, eine neue, bessere Welt zu bauen, auch wenn es lange dauert und das Volk unendliche Mühen und Opfer kostet, ähnlich wie Lenin viele Dinge kaputt machten, die in der alten Welt gut funktioniert hatten.

In die Wohnung unter uns lief Wasser hinein. Der Versuch, einen Fernseher anzuschließen, dauerte fünf Tage, im Ergebnis führte er dazu, dass der Fernseher der Nachbarn nicht mehr lief. Als die Türsprechanlage montiert werden sollte, fielen im gesamten Haus die Klingeln aus. Als die Handwerker ihr Werkzeug in der leeren alten Wohnung lagern wollten, brach der Schlüssel ab, und die Tür war kaputt. Ein beträchtlicher Teil der Energie der Handwerker wurde davon absorbiert, Schäden zu reparieren, die es vor ihrem Auftritt auf der Bühne der Geschichte nicht gegeben hatte.

Wie immer in solchen politischen Krisen brachen Fraktionskämpfe aus. Die eine Handwerkergruppe, die etwas langsamere, beschuldigte die andere, schnellere Gruppe, sie bei der Arbeit zu behindern, nur wegen deren hektischen Herumgewusels würden sie nicht fertig.

Wir sind das Volk. Die Rolle des Konterrevolutionärs spielt unser Hund. Er stammt aus Polen, ist katholisch sozialisiert und will alle Handwerker beißen. Deshalb musste er ins Exil. Er sitzt frustriert, aber wohlversorgt in einem teuren Hundehotel, ähnlich wie die russische Aristokratie nach der Oktoberrevolution.

Sie haben das Küchenlicht montiert, aber den Schalter vergessen. Man kann, warum auch immer, die Birnen nicht rausdrehen. Seit Tagen brennt ununterbrochen Licht. Inzwischen heißt es, dass die Wohnung zum Jahresende fertig sein wird. Auch die klassenlose Gesellschaft ist niemals gekommen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren