Morgens halb zehn in Deutschland Das einkaufszentrumtypische Verlorenheitsgefühl

Aus der Serie: Morgens halb zehn in Deutschland ZEITmagazin Nr. 52/2014

"Sie sind zu früh dran", ruft der mit einem Overall mit der Aufschrift "Mall of Berlin / LP 12" bekleidete Reinigungsmann und stoppt sein Reinigungsauto neben dem fünf Meter hohen Weihnachtsmann, der jetzt, um halb zehn morgens, noch nicht eingeschaltet ist. Die Türen zu Berlins neuestem, im September mit großem Tamtam eröffnetem Einkaufszentrum Mall of Berlin (das "LP 12" steht für die Adresse Leipziger Platz 12) sind schon geöffnet, aber die Läden schließen ihre Glastüren erst um zehn Uhr auf – da ist es in diesen letzten Tagen vor Weihnachten, in denen die Massen zum Schieben, Drängeln, Tütentragen kommen, fast schon Notwehr, ein bisschen zu früh vor Ort zu sein.

Die Mall liegt zwischen dem Bundesrat und den Plattenbauten am Holocaust-Mahnmal – das hat schon was, wie die zweithöchste Instanz des Staates, der Bundesrat, jetzt optisch in eine Shoppingmall integriert ist. Einst stand hier an diesem Ort das sagenumwobene, 1906 erbaute, bis zu seinem Abriss größte Warenhaus Europas, das Wertheim. Welche Architektur sieht heute der vom Leipziger Platz kommende Besucher? Komisch, er sieht praktisch nichts. Ein beigefarbener Kasten. Das soll, um einen gruseligen Begriff zu benutzen, "wertig" aussehen oder nach Paris im 19. Jahrhundert, aber es ist doch nichts als die übliche Berliner Investorenarchitektur. Der Hof am Eingang ist mit einem haushohen Stahl-Glas-Atrium überspannt – das soll einen an die Mütter aller Einkaufspassagen, die Galleria Vittorio Emanuele II am Mailänder Dom, erinnern. Kalt zieht der Dezemberwind durch das Atrium, es dödelt loungiger Easy-Listening-Jazz.

Orientierung an der auf 1905 gemachten Litfaßsäule: Natürlich, die Mall of Berlin spricht mit ihren Kunden Englisch (man wendet sich an Touristen und Berlins junge Cappuccinotrinker), es muss deshalb Basement, nicht Untergeschoss heißen, die über vier Etagen verteilten Läden sind in die Themenblöcke "Fashion & Styling", "Living & Home" und "Life & Style, Wellness & Beauty" unterteilt. Der Besucher streicht jetzt zügig durch die noch leeren Gänge, fährt Rolltreppe, das einkaufszentrumtypische Verlorenheitsgefühl stellt sich ein. Eindrücke: Die Farben sind Beige, Braun, Weiß. Merkwürdig niedrige Decken. Das Ebenholz um die Ladenfenster stellt sich beim Anfassen als Aluminium heraus (Brandschutz). Römische Ornamentik. In den Rolltreppen hängen Fotos vom Kaufhaus Wertheim um die Jahrhundertwende. Vor den Rolltreppen sind Messingplatten mit Sinnsprüchen bedeutender Persönlichkeiten in die Marmorböden eingelassen, unter anderem von Mahatma Gandhi, John F. Kennedy, Angela Merkel. Da steht dann echt: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Willy Brandt". Wichtig sind auch die überall herumstehenden breiten Ledersofas, sie sollen einen luxuriösen Flair verbreiten. Die Läden in der Mall of Berlin heißen, wie man sich vielleicht bei Donald Duck eine elegant klingende Boutique vorstellt: Mexx, Bree, Zero, Vero Moda, Patrizia Pepe, Mavi, Massimo Dutti, 1-2-3-Paris. Was verkaufen diese Läden? Ganz, ganz schwer zu sagen. Im Grunde genommen alle dasselbe (Handtaschen, Ray-Ban-artige Sonnenbrillen, Wattejacken mit Kunstfellkragen). Das ist wohl das hoch- beziehungsweise das mittelpreisige Segment. Die Boutique Max & Co sieht wie die Karikatur einer Karikatur einer Karikatur einer vornehmen Damenboutique aus. Allgemeiner Eindruck – nach etwa zehn Minuten hat er sich unkorrigierbar eingestellt: Nein, das ist keine elegante Einkaufspassage. Es will alles schick und edel wirken, ohne auch nur an einer Stelle wirklich großzügig oder großstädtisch zu sein. Wollte man einem Touristen vorführen, wo der geistige und zivilisatorische Horizont dieses Deutschlands derzeit steht – ganz recht, man zeigte ihm am besten nicht nur Museumsinsel, Holocaust-Mahnmal und die Mauerreste an der Bernauer Straße, sondern auch die Mall of Berlin am Leipziger Platz. Lohnt sich.

Zehn Uhr, jetzt wird es voll. Da steht das staunende, die Köpfe verdrehende Einkaufspärchen aus Brandenburg auf der Rolltreppe – ein rührender Anblick. Kaffee am sogenannten Food Court im zweiten Obergeschoss. Hier gibt es einen schönen Querschnitt des deutschen Essgeschmacks (Currywurst, Döner, Scampi, Donuts, Wraps, Säfte), gerne unter den Labels "fresh" und "vegetarisch". Ach, irgendwie ist es ja auch öde, sich im Jahr 2014 über eine Shoppingmall zu beschweren (die postmoderne Kritik am Prinzip Einkaufspassage ist mittlerweile auch schon 40 Jahre alt). Kurzer Vergleich der Mall of Berlin mit zwei anderen in letzter Zeit in Berlin eröffneten Shoppingmalls, dem Alexa am Alexanderplatz und dem Bikini House am Zoo: Während die rosafarbene Konsumkiste Alexa ("Mein Gott, ist die hässlich", Klaus Wowereit) nur schreit: "Ich will verkaufen" und deshalb irgendwie noch als Pop durchgeht, möchte die Mall of Berlin viel mehr sein, ein "Stadtquartier der Begegnung" (Eigenwerbung in der hauseigenen Zeitschrift), ein Treffpunkt für Freunde, ja ein Bürgerparlament für das neue, weltoffene Berlin. Es ist aber nicht mehr als eine Erweiterung der großen Shoppingmall, die sich jetzt schon von der Friedrichstraße bis zum Potsdamer Platz zieht.

Im Kellergeschoss kommt die Mall dann völlig runter, hier sieht es aus wie in den siebziger Jahren in Mülheim an der Ruhr (Aldi, Kaiser’s, Berlin-Souvenir-Läden, die von Rem Koolhaas als junk spaces bezeichneten Leerräume). Im Erdgeschoss entdeckt der Besucher die Boutique Look 54 Berlin. Da verkauft ein sich als ehemaliger Szene-DJ feiernder Berliner mit Swarovski-Steinen beklebte T-Shirts mit der Aufschrift "Hauptstadt Rocker" und "Ick hab mir umjesehn, wir sind die Jeilsten". Nein, das geht zu weit – so prollig, behämmert und böse darf das neue Berlin nicht sein. Da stürmt ein 14-Jähriger mit Parka und langem Haar zur Informationstheke und proklamiert, gut wirr und aufgebracht, bis ihn die Sicherheitskräfte der Mall of Berlin zu Boden bringen, einen Monolog aus der Antigone: "Kein ärgrer Brauch erwuchs den Menschen / Als das Geld / Es äschert ganze Städte ein ..."

Ach, schade. Diese letzte Szene habe ich mir ausgedacht.

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