Die großen Fragen der Liebe Darf sich die Liebe verspäten?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 52/2014

Die Frage: Während des ersten gemeinsamen Urlaubs auf Kreta macht Julius seiner neuen Freundin Karin einen Heiratsantrag. Karin bleibt stumm. "Willst du gar nichts sagen?", drängt Julius. "Es kommt so überraschend", sagt Karin. "Darf ich es mir überlegen?" – "Natürlich, solange du willst!" Die beiden gehen schweigend in ihr Hotel. Julius beschließt, nicht beleidigt zu sein und so zu tun, als ob er Karin den Antrag nie gemacht hätte. So ist nach ein paar Tagen alles beim Alten, die beiden verstehen sich prima. Anderthalb Jahre später, während eines ganz und gar belanglosen Sonntagsfrühstücks, sagt Karin: "Übrigens, ich habe es mir überlegt. Wir könnten wirklich heiraten!" – "Jetzt willst du, weil ich mich damit abgefunden habe, dass es nicht die große Liebe ist", sagt Julius.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die große Liebe scheint mir in diesem Fall die Blähung eines großen Ego. Julius hat seine tiefe Kränkung nur versteckt. Hinter dieser Fassade reagiert er wie ein beleidigtes Kind. Bei den Eltern müssen wir bleiben, auch wenn sich das Gefühl breitmacht, dass andere die Lieblingskinder sind. Aber wenn Julius Karin nach Jahren vorwirft, er habe sich damit abgefunden, dass sie füreinander zweite Wahl seien, erniedrigt er sich selbst so gut wie Karin. Im Übrigen sollten wir die Rede von der großen Liebe meiden. Sie ist tückisch, denn sie gibt vor, Gefühle zu vergleichen, ja zu messen. Eine wachsende Liebe, die wir hinter Karins anfänglichem Zögern und späterer Entscheidung vermuten, hat der großen Liebe manches voraus, auch wenn sie bescheidener auftritt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Unbewusste Rituale in der Liebe" ist bei Klett-Cotta erschienen.

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