Stilkolumne: Blasses Blau

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 53/2014

Dass die Jeans einmal Hosen werden würden, die regelmäßig auf den Laufstegen der großen Modemarken zu sehen sind, war nicht abzusehen, als ein Auswanderer namens Levi Strauss vor 141 Jahren ein genietetes Paar zum Patent anmeldete. Es sollte eine Hose aus einem unzerstörbaren Material sein, der Nietenbesatz an den Nähten führte zu noch mehr Stabilität. Eine Hose für Goldsucher, Männer, die unter härtesten Bedingungen am Klondike arbeiteten und sich auf ihr Material verlassen mussten. Nach Europa kam sie mit den amerikanischen Soldaten und wurde schnell sehr beliebt. In den fünfziger Jahren wurden die Jeans auch für die Frau entdeckt. Doch Coco Chanel erklärte, Frauen wollten keine Jeans.

Bald danach kämpfte die Marke Chanel mit dem Image, Mode für alte Damen zu machen, von dem erst ein junger Draufgänger namens Karl Lagerfeld sie wieder befreien konnte. Der verwendet Denim nun selbstverständlich in seinen Kollektionen, zuletzt bei Fendi, und trägt selbst fast immer Jeans. Auch in der Sommerkollektion 2015 von Louis Vuitton hat Nicolas Ghesquière die Models in Jeans gekleidet. Interessanterweise scheint Denim heute nicht mehr dadurch modisch zu sein, dass er besonders fein und einwandfrei wäre. Im Gegenteil: Er wird umso begehrenswerter, je abgeriebener er ist. Faded denim, verblichener Denim, ist ein Jeansstoff, der die Hose in einem Zustand präsentiert, in dem die Goldsucher sie längst in den Klondike geworfen hätten.

Ein Trachtenforscher hat die Jeans einmal als die letzte echte Tracht, die wir haben, bezeichnet. Ein Kleidungsstück, das alle anziehen, weil es die Werte einer Gesellschaft widerspiegelt. Die Frau hat die Jeanshose getragen, als es ihr wichtig wurde, zu signalisieren, dass sie arbeitet. Die Louis-Vuitton-Kundin soll Jeans kaufen, weil sie nun eine Frau sein soll, die ihr eigenes Geld verdient und sich nicht von einem wohlhabenden Kerl aushalten lässt. Und offenbar reicht es heute nicht mehr, nur zu arbeiten – man will mit seiner Hose demonstrieren, dass man auch hart arbeitet. So hart, dass die Hose Gefahr läuft, sich aufzulösen, weil sie den ganzen Strapazen, denen man sie aussetzt, nicht mehr gewachsen ist. Das hatte Frau Chanel nicht ahnen können. Es hat ihr nicht einmal geholfen, dass es in Paris seit 1799 Frauen per Gesetz verboten war, Hosen zu tragen. Voriges Jahr wurde die Bestimmung dann aufgehoben.

Foto: Faded-Denim-Hose von Tommy Hilfiger, 330 Euro

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