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Gesellschaftskritik Das stinkt zum Himmel

Varoufakis, Cash, Steinbrück, alles missverstandene Männer. Exklusive Recherchen haben ergeben, dass der Mittelfinger seit Jahrhunderten falsch interpretiert wurde. Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Die Geschichte des Mittelfingers ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Das wurde in dieser Woche so deutlich, dass wir uns gezwungen sehen, zu den wirren Vermutungen, die tagelang die gesamte Volkswirtschaft lähmten, Stellung zu nehmen:

Ja, der Mittelfinger ist ein Finger.
Es ist wahr, dass er mit den Mitteln der digitalen Bildbearbeitung unsichtbar gemacht werden kann. Ebenso wahr ist, dass er dem Menschen in doppelter Ausführung gegeben wurde, damit er im Falle einer solchen Ehrbeschneidung noch eine Reserve zücken kann.

Die neueste Wahrheit ist allerdings, dass der Mittelfinger, in Deutschland auch als Stinkefinger verleumdet, schon seit Jahrhunderten im falschen Licht steht. Johnny Cash, Peer Steinbrück und jetzt auch Yanis Varoufakis – sie alle sind Widerstandskämpfer für eine gute Sache.

ZEITmagazin ONLINE liegen nun untrügliche Beweise vor:

In der Nacht zu Freitag wurde uns ein Originalfoto aus dem Jahr 1508 zugespielt. Es zeigt Die Erschaffung Adams, wie Michelangelo Buonarotti sie für das Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle vorgesehen hatte: Gott beseelt Adam mit seinem Mittelfinger. Digitus medius, der Mittler zwischen den Sphären. Wie Keylogger-Daten belegen, schickte Michelangelo seine Skizze sogleich an Albrecht Dürer nach Nürnberg, mit dem er in engem E-Mail-Kontakt stand. Der erkannte die ikonische Kraft der Erweckungsszene und fühlte sich inspiriert zu seiner Zeichnung Der Mittelfinger, mit der er die Gestaltung des Heller-Altars in Frankfurt am Main abschließen wollte.

Währenddessen sollte die Geschichte des Mittelfingers in Rom eine unerwartete Wendung nehmen. Durch forensische Analysen der Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle konnten wir verifizieren, dass Michelangelos Erzfeind Leonardo da Vinci am 27. Juli 1508 um 22.53 Uhr Hand an dessen Malereien legte: Er machte den Mittel- zum Zeigefinger. Zu dem Zeitpunkt wusste Da Vinci bereits, dass Papst Julius II. im Januar 1509 seinen Zeigefinger aufgrund einer bösartigen Wucherung verlieren würde. Wie Da Vinci erwartet hatte, empfand der Pontifex das Fresko daraufhin als persönliche Kränkung und schickte Michelangelo in die Verbannung Richtung Deutschland.

An einer Autobahnraststätte bei Wittenberg, das belegen Zeugenaussagen von vier mitteldeutschen Fernfahrern, traf Michelangelo am 12. April 1509 auf den jungen Martin Luther und versuchte wild gestikulierend, ihm vom Schicksal seiner göttlichen Mittelfinger zu berichten. Der wütende Ausdruck, mit dem er dabei Luther immer wieder besagten Finger ins Gesicht hielt, wirkte auf den sensiblen Theologen äußerst bedrohlich, gar vom Teufel besessen. Die Fernfahrer beobachteten, wie Luther Michelangelo ein Camembert-Ciabatta über den Kopf zog und das Weite suchte.

"Betende Hände" von Albrecht Dürer, um 1508

Luther sagte dem seiner Auffassung nach dämonischen Mittelfinger den Kampf an und verbreitete seine Ideologie im ganzen Land und über dessen Grenzen hinaus. Aufgrund des großen gesellschaftlichen Drucks verriet letztlich auch Albrecht Dürer seinen Freund Michelangelo und ersetzte den Mittelfinger auf dem Heller-Altar durch Betende Hände

Die Zeichnung wurde so berühmt wie die Deckenmalerei in Rom. Das verleugnete Altarbild (verschollen) und das Originalfresko aus der Sixtinischen Kapelle (siehe Exklusiv-Foto) wurden hingegen zum Heiligen Gral eines männlichen Geheimbundes, deren Mitglieder sich dazu verpflichten, mindestens einmal in ihrem Leben öffentlich und mit voller Inbrunst an die Demütigung Michelangelo Buonarottis vor mehr als 500 Jahren zu erinnern.

Und das ist die wirklich wahre Geschichte des Mittelfingers. Der Rest ist von uns. 

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Indigitomediati ... Schmysterien, BÖHMische dörfER, wohin MANN schaut ... Das geheimnisumwitterte Journal der Freimauser hat allen unwissenden Neophyten verkündet, daß sich der Geheimbund Indigitomediati neuerlich versammeln wird zur Anbetung intermedialer Wahrheit - und nichts als der Wahrheit: Dan(k) Brown(ies) -, vor der Höhlenloge "Zur vollgedröhnten Hoffnung" des Killer Digit, dem selbst die kürzlich implodierte hl. Wandgranate von Gasometria nichts anhaben konnte. Auch dieser aufrechte Bekenner einer Scientia doctorata ist Teil des Circus Hystericus Maximalis, mit der Philippika: "Auffordern will ich deinen gerechten Zorn über den Unwürdigen, der sich je dieses Hammers bemächtigen sollte, um diesen der Wahrheit geweihten Tempel durch Lehren zu entheiligen, die mit dem Malzeichen des mystischen Unsinns gebrandmarkt sind" (I.v.Born). Leonardos Bildnis vom hexapixelmalsten Apostel "Jannis der Wortsäufer" (Louvre) zeigt noch den Digitus index gen Himmel erigiert. Aber das ist Abweichlertum; denn "er war so stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte, daß er damit den stärksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stoßen konnte" (W.Hauff, Lichtenstein). Wieder ertönt der schrille Gesang der Indigitomediaten (aus dem vielgescholtenen Handbuch der Academia Rusticana Dramatodoli für arkane Künste "Pro Guntherio Cuculo"): "Du, der in weiser Hand den Hammer führt und einen Zepter führte, wenn um Gott die Menschen dieß verdienten" (Alxinger).

Kennen Sie Klassiker? Aber gewiß kennen Sie welche - jede/r kennt einige, es müssen nicht partout dieselben Klassiker sein. Haben Sie schon von der Warte des Beobachters mal der Geburt eines Klassikers beigewohnt?! Das kommt höchst selten vor - meistens dauert es etwas länger, bis eine Person, eine Sache, eine Situation zum "Klassiker" erhoben ist. Im Falle von "Vakoufake" könnte es sich um einen solchen handeln, und zwar in rasender Kürze entstanden - und Sie können dann sagen (später einmal), "Sie wären dabeigewesen" (Goethe über die Kanonade von Valmy - Text 20 Jahre später, eindeutig verfälschte Darstellung). Das "Thema" ist somit noch lange nicht durch - und Journalisten tun das Ihrige, um es ins kulturelles Gedächtnis der Zeitgenossen zu verpflanzen. Warum das? Man nennt es "Bewältigung". Frau Weihser tat es satirisch auf der historisch-bildmotivischen Ebene - Herr Rauterberg (s.oben) bemühte die ästhetisch-pathetische Perspektive. Und solange ein Feuilletonist (wie etwa Herr Staun in der FAS) schreiben kann: "Wer aber wirklich die Wahrheit sagen will, der muss nicht nur echte Bilder zeigen, sondern die richtigen"(!), ist die Diskussion auf der Plattform der Epistemologie angelangt ... diese Basis aber gibt es seit Adam und Eva und bis zum Jüngsten Gericht ... Also schon mal an den jüngsten "Klassiker" gewöhnen!