"Tatort"-Kritikerspiegel Eine mörderisch unglückliche Familie

© Radio Bremen/Jörg Landsberg
Ein vermisstes Mädchen taucht nach zehn Jahren wieder auf. Doch die Bremer Kommissare trauen dieser "Wiederkehr" nicht. Zu Recht? Der Sonntagskrimi im Kritikerspiegel
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die eigene Familie kann etwas sehr Fremdes sein. Vor einem Bremer Eigenheim steht ein Mädchen, das behauptet, sie sei die seit zehn Jahren vermisste Tochter. Was als Missbrauchsdrama beginnt, entwickelt sich in diesem Tatort zu einem klug inszenierten Identitätsthriller mit einigen doppelten Böden.

Lars-Christian Daniels: Spätestens seit den vielen ungeklärten Vaterschaften im Nachmittagstalk mit Britt & Co. wissen wir: DNA-Tests sind eine ziemlich sichere Sache. Wenn Sie die Behörden also austricksen möchten, sollten Sie sich was einfallen lassen.

Joachim Huber: Jede Familie ist auf eine andere mörderische Weise unglücklich?

Kirstin Lopau: In jeder normalen, bürgerlichen Familie kann sich eine echte Tragödie verbergen. Oder: Nichts ist so, wie es zu sein scheint.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte

Lars-Christian Daniels: Lürsen: 6 Punkte; Stedefreund: 6 Punkte

Joachim Huber: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel): 7 Punkte; Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen): 6 Punkte

Kirstin Lopau: Inga Lürsen endlich mal wieder richtig, richtig gut: 9 Punkte; Stedefreund wie immer: 9 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Vor der Tür steht die verlorene Tochter, die Mutter schnuppert an ihr und gibt feierlich das Zeichen: Ja, sie ist es.

Lars-Christian Daniels: Die pinkhaarige Wiederkehrerin (stark: Gro Swantje Kohlhof) backt Muffins für die ganze Familie – doch zufällig verirrt sich eine Glasscherbe in das Gebäck ihrer vermeintlichen Adoptivschwester Kathrin (Amelie Kiefer). Aua! Das tat schon beim Zuschauen weh.

Joachim Huber: Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) ordnet verschiedene DNA-Tests verschiedenen Gegenständen und Personen zu. Das macht er so fix und so behände wie ein Hütchenspieler. Die Kommissare sehen und hören gebannt zu. Und glauben jetzt wahrscheinlich, sie würden jedes Hütchenspiel auf dem Bremer Markt gewinnen.

Kirstin Lopau: Der gesamte Plot ist hervorragend und bis zum dramatischen Ende spannend. Die Auflösung am Ende ist eine wirklich große Szene mit Inga Lürsen und der Mutter der Familie Althoff, von beiden grandios gespielt. Hervorragend war auch die junge Gro Swantje Kohlhof als zurückgekehrte Tochter: intensiv, authentisch, dramatisch. Leider kann ich zur Geschichte nicht viel sagen, ohne etwas zu verraten. Aber die Drehbuchautoren haben wirklich ein dickes Lob verdient! Na ja, und Stedefreund – 2005 hübsch anzusehen, 2015 hübsch anzusehen und wahrscheinlich auch noch 2055 hübsch anzusehen …

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Kommissarin Lürsen steht mit einer jungen Frau vor dem Grab von deren Vater. Die junge Frau hat sich für den Alten immer geschämt. Die Polizistin pastoral: "Wütend zu sein ist einfacher als traurig zu sein." Dafür, dass Lürsen in dieser Folge ganz schön Bockmist baut, sind das sehr anmaßende Worte.

Lars-Christian Daniels: Kaum ist die verschollene Tochter ins Haus der Mutter zurückgekehrt, steht auch schon die Boulevardpresse vor der Tür. Soweit, so gut. Aber wo sind die zwei Dutzend sensationslüsternen Fotografen, als das Mädchen am Tag darauf seelenruhig mit ihrem Bruder durch die Nachbarschaft schlendert? Eines von mehreren Logiklöchern, die den hohen Unterhaltungswert aber kaum schmälern.

Joachim Huber: Weniger peinlich als penetrant: Wenn die Kamera in Nahaufnahme das Gesicht der Hauptkommissarin nach tiefer, echter, authentischer Betroffenheit ableckt. Das hält die beste Schauspielerin nicht aus.

Kirstin Lopau: Den gibt es auch diesmal nicht. Bis zur nächsten Folge bitte nicht so viel Zeit lassen, liebes Tatort-Bremen-Team. Und mehr Nahaufnahmen von Stedefreund!

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte

Lars-Christian Daniels: 8 Punkte

Joachim Huber: Ehrliche 7 Punkte

Kirstin Lopau: 9 Punkte

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