"Tatort"-Kritikerspiegel Lauf, Schneeflöckchen, lauf!

© Bernd Schuller/BR 2015
Der Münchner "Tatort" thematisiert den erweiterten Suizid und will das Sprechen über psychische Krankheiten normalisieren. Das ist würdig, aber nicht immer TV-tauglich.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Und Morgen geht die Sonne wieder auf? Nicht in diesem Tatort über die Folgen eines versuchten erweiterten Suizids. Erst will ein Vater seine Familie und sich selbst umbringen, 15 Jahre danach scheint die überlebende Tochter Rache nehmen zu wollen. Überall Traumatisierte, überall Zombies: In diesen düsteren Adventskrimi bringen am Sonntag auch die beiden brennenden Kerzen auf dem Adventskranz keine Erleuchtung.

Lars-Christian Daniels:"Lauf, Schneeflöckchen, lauf!" – die Schlüsselsequenz des Krimis, in der die kleine Ella (Anna Junghans) auf einer grünen Wiese vor ihrem mordenden Vater (Harald Windisch) flüchtet, hat uns am besten gefallen. Deswegen zeigen wir sie Ihnen nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal!

Joachim Huber: Über psychische Erkrankungen zu sprechen sollte genauso selbstverständlich werden wie über einen Beinbruch oder eine Erkältung.

Kirstin Lopau: Wie sang schon Sting? "History teaches us nothing". Oder: In der Kindheit erlittene Traumata werden, wenn nicht therapiert, als Erwachsene an andere weitergegeben. So werden aus Opfern Täter oder zumindest wie hier eine Geiselnehmerin, die ihren Alptraum an das schwächste Glied, nämlich ein Kind, weitergibt: "Lauf! Hau ab!" und "Das muss aufhören! Das muss aufhören! Warum hört das nie auf?". (Könnte man auch auf das etwas müde Münchner Team anwenden.)

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte für Ivo Batić (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), 8 für Kalli (Ferdinand Hofer), 4 für Christine Lerch (Lisa Wagner).

Joachim Huber: Leitmayr: 8 Punkte, Batić: 7 Punkte

Kirstin Lopau: Auch hier ohne Höhen und Tiefen, was sie etwas langweilig macht. Wo ist der Esprit in den Dialogen der früheren Jahre hin? Jeweils 5 Punkte. Der Kalli gefällt mir allerdings immer besser: etwas nerdig und zu beflissen, dafür aber nett und witzig, 7 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Kommissar Batić und Kollege Leitmayr besuchen die Mutter eines jungen Polizisten, der im Einsatz ums Leben gekommen ist. Die Mutter drangsaliert die beiden zärtlich mit Wurstbroten, als wären es ihre eigenen Söhne. Batić und Leitmayr rollen mit den Augen und kauen pflichtschuldig ihr Brot. Keine Heilung in Sicht.

Lars-Christian Daniels: "Ich hab gedacht, wir gehen erst mal frühstücken!" – Der beste Auftritt gehört dem Augsburger Kollegen Xaver Busch (Klaus Pohl). Der kauzige Kommissar bringt wie selbstverständlich seinen Flachmann mit ins Büro und kommt lieber persönlich im Präsidium vorbei, als Batić und Leitmayr die Berichte einfach zuzuschicken. Erinnert stark an Bernhard "Opa" Sirsch (Fred Stillkrauth) aus dem herausragenden Münchner Tatort: Der oide Depp, von dem die Münchner Kommissare 2008 nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wurden.

Joachim Huber: Leitmayr sucht die Adresse eines Verdächtigen. Hat aber nur dessen Handynummer. Ruft an und gibt sich als Angestellter der Stadtwerke aus: Er wolle zu viel gezahltes Geld per Scheck zurückzahlen, dafür brauche er die Anschrift. Hörfunk im Fernsehen, ein Kabinettsstückchen.

Kirstin Lopau: Kalli erklärt, wie es zur Vorstrafe des leiblichen Vaters des verschwundenen Kindes kam: "Er ist 'nüber (zu den grillenden Nachbarn, durch die er sich gestört gefühlt hat), Hose 'nunter und hat dann halt den Grill ausgebrunst." Kann man machen. Gibt in Bayern aber anscheinend eine Vorstrafe. Schön war auch, wie Leitmayr einen Mitarbeiter der Stadtwerke gespielt hat, um die neue Adresse des Pinklers herauszubekommen, herrlich bayrisch. Ansonsten plätscherte die Geschichte so dahin, der vermeintliche Mörder ist eigentlich recht schnell klar, allerdings gibt es hier noch eine (völlig an den Haaren herbeigezogene) Wendung. Obendrauf noch eine seltsame lesbische Liebesgeschichte, die überhaupt keinen Sinn macht. Und die Liebe wird am Ende auch noch verraten. Fazit: Nicht nur Männer allein bringen den Schrecken in die Welt (bevor jetzt der Aufschrei kommt: Dies war – zumindest ein wenig – ironisch gemeint!).

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: So sympathisch es ist, dass dieser Tatort auf Küchenpsychologie verzichtet und sich behutsam an die Traumatisierten heranzutasten versucht – dramaturgisch tastet er sich zwischenzeitlich leider ziemlich ins Leere.

Lars-Christian Daniels:"Auf einmal schlägt am helllichten Tag der Blitz ein. Von einem Moment auf den anderen ist alles zerstört. Kennst dich nicht mehr aus in der Welt." – Hauptkommissar Leitmayr vergleicht einen tragischen Doppelmord mit der Hiroshima-Katastrophe. Auch Kollege Batić scheint zu denken: Irgendwie unglücklich.

Joachim Huber: Ein früherer Kommissarskollege von Batić und Leitmayr ist offenbar abgeglitten. Wirkt verwahrlost und trinkt – die unnötige Demütigung eines Menschen.

Kirstin Lopau: Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht Ärztekittel für die normalen Besucher im Krankenhaus zugänglich sind. Ist das wirklich so?

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 6 Punkte

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte

Joachim Huber: Ehrliche 7 Punkte

Kirstin Lopau: Solide, ohne Höhen und Tiefen, 6 Punkte

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