Rückzug: Müde Bürger

Der Historiker Jürgen Kocka sagt, dass es in Deutschland eine lange Tradition des Rückzugs gibt.

ZEITmagazin: Herr Kocka, ist der Trend zum Rückzug ins Private, der nun vor allem die Jüngeren erfasst hat, ein neues Phänomen?

Jürgen Kocka: Sicher nicht. Es gab in der Geschichte immer wieder Zeiten des Rückzugs eines großen Teils des Bürgertums und der aktiven Kleinbürger und Arbeiter ins Private. Eigentlich immer nach Phasen des Umbruchs, nach einer großen öffentlichen Anstrengung und einer Überspannung der politischen Idee. Das war in den fünfziger Jahren so, nach der politischen Katastrophe der Diktatur, des Weltkriegs, der Zerstörung. Und es war in abgeschwächter Form nach der Reichsgründung 1871 so, vor allem aber nach der gescheiterten Revolution von 1848/49.

ZEITmagazin: Wie hat man damals den Rückzug ins Private gelebt?

Kocka: Erst mal als negatives Gefühl: Wir lassen die Finger von der Politik. Wir befassen uns nicht mehr mit den großen politischen Fragen, der Frage der Freiheit und der Einheit, was die beiden großen, nicht erreichten Ziele der Revolution waren. Es war, was öffentliche Themen betrifft, also eine Enttäuschung zu spüren, eine Ermattung, eine Ermüdung. Stattdessen gab es eine Hinwendung zum Nahbereich – zur Familie, zur Musik, zum Theater. Aber es war nicht nur Genuss. Man verrichtete auch Bildungsarbeit und konzentrierte seine Energien auf das Geschäftliche. Vor allem das Bürgertum engagierte sich hier intensiv und gründete Unternehmen.
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ZEITmagazin: Jetzt beobachten wir den Boom von Weltflucht- Zeitschriften. Erinnert Sie das an das 19. Jahrhundert, als das Bürgertums sich zurückzog?

Kocka: Es ist in der Tat hochinteressant. Damals war die Gartenlaube, das illustrierte Familienblatt, ein Erfolg. Sie ist 1853 auf den Markt gekommen und war die erste wirkliche Massenzeitschrift. Die Gartenlaube hat das traute Heim und die Familienharmonie zelebriert. Das ist also eine erstaunliche Parallele zu dem, was man heute beobachten kann. 

Jürgen Kocka, 73, ist Sozialhistoriker und emeritierter Professor der Freien Universität Berlin. Er schrieb mehrere Bücher über das deutsche Bürgertum

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