Das war meine Rettung "Mein Credo ist: Du musst keinen Nobelpreis gewinnen"

Wenn man das Scheitern akzeptiert, gibt es kein Scheitern mehr, sagt der Schauspieler Sebastian Koch. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 1/2015

ZEITmagazin: Herr Koch, Max Reinhardt sagte einmal zu seinen Schauspielschülern, dass sie sich ihre Kindheit in die Tasche stecken sollen, denn dann hätten sie alles dabei, was sie brauchen.

Sebastian Koch: Das gilt für jeden Menschen. Diese ersten Erfahrungen sind prägend, die nimmt man mit und ruft sie später ab.

ZEITmagazin: Sie wuchsen in einem Kinderheim auf, in dem Ihre Mutter gearbeitet hat. Was haben Sie in der Tasche?

Koch: Kinder brauchen Kinder, je mehr, desto besser. Wir waren eine tolle Truppe. Durch meine Mutter hatte ich eine Bezugsperson, die die anderen Kinder ebenfalls gerne mochten. Jemand war da, der es gut mit mir meinte, durch diese Geborgenheit entstand bei mir unglaublich viel Vertrauen, Gottvertrauen. Ich fühle mich dadurch heute noch aufgehoben und kenne keine Existenzängste. Das ist ein Geschenk. Es braucht geschützte Räume, um diese Pflänzchen so wachsen und stabil werden zu lassen, dass sie dann auch einen Sturm aushalten.

ZEITmagazin: Kam dann ein Sturm? Sie zogen ja mit sieben mit Ihrer Mutter um, nach Obertürkheim.

Koch: Heute ist das ein schöner, gediegener Weinort, aber damals in den siebziger Jahren war Obertürkheim ein Arbeitervorort von Daimler-Benz. Für mich war das ein Wechsel aus einer großen Sicherheit in eine fremde Welt. Eine Riesenumstellung. Diese Enge. Ich wollte nicht in das dortige Programm einsteigen. Das hätte dann in einer Bank geendet oder bei einer Versicherung. Ich wollte die Welt entdecken. In der Schauspielschule fand ich eine sehr fantasievolle, freie Welt, in der ich mich wohlfühlte.

ZEITmagazin: Danach haben Sie gleich am Theater begonnen. Gab es da Schlüsselmomente?

Koch: Meine erste wichtige Begegnung hatte ich anfangs am Theater in Darmstadt. Da hatte ich das große Glück, dass Hannelore Hoger Regie führte. Da sie selber Schauspielerin ist, war sie in vielem wissender und genauer. So einem Menschen zu begegnen, der so besonders ist, der eigentlich das lebt, was man sich selber ausgedacht hat, das fühlte sich an wie zu Hause.

ZEITmagazin: Das heißt also, ein geschützter Raum, in dem Sie sich neu aufladen, ist für Sie eine Art Rettung?

Koch: Diese geschützten Räume sind schwierig zu finden, tun sich aber immer wieder auf, doch man kann es nicht erzwingen. Ans Set komme ich mit einer Vorstellung, wie ich die Figur anlegen möchte, aber nur gemeinsam mit den andern kann ich dann etwas erarbeiten und entwickeln. Wirkliche Qualität kann nur im geschützten Raum entstehen. Nur so kann man eine originäre, neue Qualität finden und nicht einfach nur Kopie sein. Das hat dann auch etwas mit Fehler machen dürfen zu tun und mit scheitern dürfen.

ZEITmagazin: Sind Sie denn jemals gescheitert?

Koch: Da ich mir das Scheitern immer erlaube, kommt es so gut wie nie dazu. Der Fernsehfilm Speer und Er hatte damals einen Riesenetat, etwa 13 Millionen Euro. Der Druck, da zu bestehen, war unendlich. Also habe ich mir vorgestellt, ich mache einen Workshop "Speer", mal gucken, wie weit wir kommen. So habe ich den ganzen Druck weggenommen und durfte auch Fehler machen.

ZEITmagazin: Geben Sie diese Philosophie an Ihre Tochter weiter?

Koch: Mein Credo ist: Du musst keinen Nobelpreis gewinnen, mir ist wichtig, dass du dich wohlfühlst, dass du einfach das, was du tust, gerne tust. Da mache ich ihr wenig Druck und will sie auch überhaupt in keine Richtung lenken.

ZEITmagazin: Sie erwähnten einmal, dass Sie Ihre Tochter, als sie klein war, aus China angerufen und ihr ein Schlaflied vorgesungen haben. Warum war das für Sie wichtig?

Koch: Genau in dem Alter muss man die Sicherheit spüren, dass jemand da ist, ein Gefühl der Geborgenheit haben. Wenn nicht, hat man Angst. Eine Art von Angst, die einen sehr behindern kann.

ZEITmagazin: Wollten Sie deshalb Ihrer Tochter ein guter Vater sein? Damit sie diese Angst nicht haben muss?

Koch: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass solche Konstellationen sich gern wiederholen. Spannend wird es erst, wenn man das bei sich selbst erkennt und versucht, diese Muster zu durchbrechen. Mit 13 oder 14 Jahren sagte meine Tochter, sie wolle mit mir leben, und dann habe ich mein Umfeld geändert, um das verantwortungsvoll zu ermöglichen. Ich wollte die Geschichte nicht wiederholen und aus diesem Muster ausbrechen. Ich habe das für sie gemacht, weil ich meinem Kind ein guter Vater sein will, gleichzeitig bekomme ich etwas zurück. Das hat auch mit Erlösung zu tun.

Sebastian Koch, 52, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Es folgten zahlreiche Engagements am Theater. Im Fernsehen spielte er in Thrillern und Krimis, berühmt wurde er mit einer Rolle im Film "Das Leben der Anderen", der einen Oscar gewann

Die Fotografin Herlinde Koelbl gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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