Gesellschaftskritik Über öffentliche Aufmerksamkeit

© Mario Anzuoni/Reuters
Eine Gesellschaftskritik Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 2/2015

Manchmal tut es selbst uns von der Gesellschaftskritik ein bisschen weh, mit welchen Mitteln Prominente darum kämpfen, prominent zu bleiben. Wir fragen uns: Tun sie das, weil es die Welt da draußen von ihnen erwartet, weil die blinde Angst sie treibt oder weil sie tatsächlich so süchtig nach Aufmerksamkeit sind?

Der ehemalige US-Kinderstar Miley Cyrus hätte sich eine Pause in diesem Kampf eigentlich verdient. Die 22-Jährige ist heute als Sängerin extrem prominent, nicht nur wegen ihrer Stimme, sondern auch wegen ihrer pornoartigen Tänze, mit denen sie 2014 in den USA für einen kleinen Skandal sorgte. Dann ist sie auch noch eine Verbindung mit Patrick Schwarzenegger (Sohn von Arnold Schwarzenegger und Maria Shriver) eingegangen – ebenfalls gut, um im Gespräch zu bleiben. Doch statt mal etwas leiser zu treten, startete Cyrus zum Jahreswechsel ihre Kampagne "Free the Nipple".

Cyrus ist nämlich Opfer der Zensur geworden. Sie hatte ein Foto von sich, auf dem auch ihre nackten Brüste zu sehen waren, auf Instagram gestellt. Instagram, gegen dessen Geschäftsordnung nackte Brüste verstoßen, hatte das Foto gelöscht. Diese Diskriminierung wollte Miley Cyrus nicht hinnehmen, schließlich zeigen Männer auch überall ihren nackten Oberkörper. Seitdem streitet sie mit mehr oder weniger originellen Posts auf Twitter und Instagram für ihr Recht – maximale Aufmerksamkeit.

Auch deutsche Prominente tun das ihnen Mögliche, um im Gespräch zu bleiben. Barbara Becker zum Beispiel, vor allem als Exfrau von Boris bekannt, hat die Strategie, durch maximale Fitness aufzufallen. Nun erzählte sie in einem Interview, sie habe sich ein Unterwasserfahrrad für ihren Pool bestellt, weil sie damit besonders hart trainieren könne. Cyrus kämpft für ihre Brüste, Becker für ihre Beine. Da wirkt eine andere Nachricht dieser Tage schon fast rührend: Jana Beller, die 2011 bei Germany’s next Topmodel gewann, hat einen Backshop im Münchner Hauptbahnhof eröffnet. Sie wollte "etwas Festes für die Zukunft". Um 5.30 Uhr steht sie auf und beginnt zu backen. Sie glaube nicht, dass "Model-Mama" Heidi Klum sie noch erkennen würde, wenn diese zufällig mal in ihrem Backshop vorbeikäme – "sie hat so viele Mädchen".

Jana Beller hat begriffen, wie schnell Prominenz – vor allem solche, die allein auf Optik gründet – vergeht, und backt jetzt vorsichtshalber kleine Brötchen. Dafür werden wir sie in Erinnerung behalten.

Kommentare

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Der Skandal ist nicht, ob und mit welchen Mitteln, auf welche Weise Prominente um öffentliche Aufmerksamkeit ringen [das ist man hinlänglich gewohnt], sondern die einfache Tatsache, dass das Zeit-Magazin unter dem Terminus 'Gesellschaftskritik' eine Form des Journalismus zu verstehen scheint, die sich eben darüber auszulassen glaubt zu können, mit welchen Mitteln und auf welche Weise Prominente um öffentliche Aufmerksamkeit ringen. Das Schlagwort heißt 'Revolverjournalismus': - Man weiß nur noch nicht genau, wem man den Revolver hinhalten muß: der Prominenz, die da ringt oder den Journalisten, die hier um eine Watsch'n betteln. Alle Blinden schlagen im wikipedia nach und reiben sich die Augen: http://de.wikipedia.org/w...

Mich hat interessiert, dass in Zeiten der Datensammelei, wo es schwierig ist, seine Persönlichkeit aus dem Netz rauszuhalten, dass es da Leute gibt, denen an ihrer eigenen Persönlichkeit offensichtlich nichts heilig ist.

Über die erwähnten Personen möchte ich lieber nichts sagen.

Für die Autorin muss es aber doch auch recht anstrengend sein, da auf dem Laufenden zu bleiben. Bei den vielen Sternchen, die es heute gibt.

Gesellschaftskritik verfehlt? Oh nein - Shakespeare sei mein Zeuge (The Tempest, V, vs. 183): "O brave new world that has such people in't!" - und Huxley mein Prophet. Zur Sache selbst trägt am besten jenes verkannte kleine Carmen 85 bei, das die um Aufmerksamkeit buhlende Lyrikerin Raya Mileria Cyrulla in einem Anfall von Latein-Dwerking verfaßte:
"Otia amo. Quakquak faciam, fortasse requiris. Nescio, sed mamillas sentio et exnipplior".
No Hope for Destiny - no Parton for Dolly. Keine Schonzeit für Klonschafe ...