Das war meine Rettung: "Humorvoll zu bleiben ist bis heute mein Überlebensmittel"

Thomas Ostermeier kämpft gegen die Angst, die Fehler seines autoritären Vaters zu wiederholen. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 4/2015

ZEITmagazin: Herr Ostermeier, im Theater geht es auch darum, Dämonen auszutreiben. Was sind Ihre Dämonen?

Thomas Ostermeier: Ach Gott! Darf ich ein bisschen Bedenkzeit haben? In Dostojewskis Die Brüder Karamasow heißt es: "Sehnsüchtig schaut der, der ich bin, auf den, der ich sein könnte." Ich wäre gerne ein bisschen altruistischer, ein bisschen verzeihender, ein bisschen weniger egozentrisch.

ZEITmagazin: Aber das Theater ist doch geradezu der ideale Ort für Egozentriker.

Ostermeier: Das komplette Gegenteil stimmt. Geglücktes Theater ist Ensemble-Kunst. Die geht nicht egozentrisch.

ZEITmagazin: Das Klischee ist: Beim Theater herrschen absolutistische Intendanten über geknechtete Ensembles.

Ostermeier: Theater kann nur glücken, wenn man gemeinsam etwas auf der Bühne erzählen will. Diese Regie-Berserker aus der 68er-Generation gehören der Vergangenheit an. Das hat sich in unserer Generation grundsätzlich geändert. Weil wir anders aufgewachsen sind, weil wir so eine Form von Dressur und Autoritätsgläubigkeit nicht mehr zulassen. Weil die Schauspieler dann sagen: Du spinnst doch, leck mich am Arsch, ich geh woandershin. Die Selbstverleugnung des eigenen Ichs, nur um bei einem interessanten Erfolgsprojekt dabei zu sein, ist langsam am Aussterben.

ZEITmagazin: Gerade diese Regie-Berserker hatten sich politisch einem antiautoritären Projekt verschrieben.

Ostermeier: Sie sind auf der Gegenseite gelandet. Dieses Paradox gilt für einen Großteil dieser Generation.

ZEITmagazin: Sie sind selbst mit einem autoritären Vater aufgewachsen.

Ostermeier: Ja. Und wenn ich da ganz banal küchenpsychologisch drangehe, dann habe ich tierische Angst davor, die Fehler meines Vaters zu wiederholen.

ZEITmagazin: Wie sah Ihre Kindheit aus?

Ostermeier: Ich hatte eine beinahe wilhelminische Kindheit. Vater beim Militär und Alkoholiker. Erzkonservatives Bayern. Ministrant. In einer Soldatensiedlung aufgewachsen.

ZEITmagazin: Welche Stellung hatte Ihr Vater bei der Armee?

Ostermeier: Lächerlicherweise war er nur Feldwebel, das ist nicht mal ein höherer Dienstgrad. Ich habe mit 16 aufgehört, mit ihm zu reden.

ZEITmagazin: Sie haben nie wieder das Gespräch gesucht?

Ostermeier: Mit 26 dann. Aber er war ohnehin selten ansprechbar.

ZEITmagazin: Wie verhielt sich Ihre Mutter?

Ostermeier: Wenn es die nicht gegeben hätte, wären wir drei Brüder alle untergegangen.

ZEITmagazin: Sie haben also ein klassisches Vaterdrama erlebt.

Ostermeier: Ja, es war fast schon anachronistisch. Deswegen sage ich auch: wilhelminisch. Stumpf autoritär. Heute kann ich das natürlich einordnen: Mein Vater ist mit seiner Mutter aufgewachsen, einer Näherin. Näherinnen waren Frauen, die von Hof zu Hof zogen und dann so lange auf dem Hof lebten, bis alle Näharbeiten gemacht waren. Danach ging es zum nächsten Hof. Da ist mein Vater eben mitgezogen. Er hat selber Schneider gelernt. Das war eine unfassbare Armut. Er hat mir zum Beispiel erzählt, was man im Winter macht, wenn man keine Schuhe hat. Dann geht man zu den Kühen in den Stall, und wenn die scheißen, stellt man sich rein in die Kuhscheiße. Es ist erst mal warm, dann wartet man, bis sie trocknet, und dann hat man praktisch Schuhe! Wenn ich diesen Mann mit seiner Mutter vor meinem inneren Auge von Hof zu Hof gehen sehe, empfinde ich wieder etwas für ihn.

ZEITmagazin: Kommt man irgendwann in ein Alter, in dem man feststellt: Wogegen ich mich gewehrt habe, das hatte eigentlich auch schöne Seiten?

Ostermeier: Mein Vater, der 2004 gestorben ist, hatte einen Hang zur Manie, und da ist dann die Frage, wie man mit dem Manischen umgeht. Aber eine gewisse Form von Humor hat uns schon verbunden. Er hat sehr gern Akkordeon gespielt, er konnte ganze Abendgesellschaften für Stunden unterhalten. Wir haben beide Karl Valentin geguckt und geliebt. Aber das ist eben der Kampf, um den es geht: Entscheidet man sich für den selbstironischen Blick auf die eigenen Schwächen – oder entscheidet man sich für die manisch-depressive Form und schießt gegen andere, weil man die eigenen Schwächen nicht aushält? Es gibt beide Möglichkeiten. Humorvoll zu bleiben ist deshalb bis heute mein Überlebensmittel. Ich versuche permanent, mich ironisch infrage zu stellen. Es ist kein Zufall, dass bei meinen Theaterproben, wenn es gut läuft, viel gelacht wird.

Thomas Ostermeier, 46, ist in Soltau, Niedersachsen, geboren. Die Familie zog später nach Landshut. Seit 1999 ist Ostermeier künstlerischer Leiter an der Berliner Schaubühne, einem der bekanntesten deutschen Theater. Bei der Biennale in Venedig erhielt er 2011 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk

ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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